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Fußballfans  Azeez, Rebar, Lehrer Großkinsky und Jabbar (von links) in der Jugendintegrationsklasse des Internationalen Bundes.
Fußballfans Azeez, Rebar, Lehrer Großkinsky und Jabbar (von links) in der Jugendintegrationsklasse des Internationalen Bundes. © Seibel
Sirwan ist 19.  Er möchte so schnell wie möglich arbeiten.
Sirwan ist 19. Er möchte so schnell wie möglich arbeiten.
Walid ist 27.  Vor einem Monat ist seine Familie nachgekommen.
Walid ist 27. Vor einem Monat ist seine Familie nachgekommen.
02.07.2010

Junge Iraker in Pforzheim: "Ich liebe Deutschland"

Was bedeutet „anstrengend“, will der Lehrer wissen. Ratlose Gesichter in der Klasse. An-stren-gend. Ein schwieriges Wort, den jungen Irakern kommt es nur sehr stockend über die Lippen. „Anstrengend bedeutet viel Arbeit“, erklärt Rolf Großkinsky. „Wie findest du den Deutschkurs? – Ich finde ihn gut, aber auch etwas anstrengend“, heißt es im Lehrbuch der jungen Immigranten. Viel Arbeit eben, die Jungs im Jugendintegrationskurs des Internationalen Bundes (IB) müssen noch eine ganze Menge lernen.

Sie heißen Sirwan, Haval, Rebar, Jabbar, Azeez, Tugrul, Firak, Ismail, Khodeda und Walid und sind elf von rund 1360 Irakern, die inzwischen in Pforzheim leben (Stand Mai). Die Goldstadt ist auf wundersame Weise – neben München, Augsburg und Mannheim – zu einem Zentrum für irakische Flüchtlinge in Süddeutschland geworden. Doch was heißt schon wundersam? Eigentlich lief es, wie es immer läuft: Zuerst waren da nur ein paar einzelne Flüchtlinge, dann wurde daraus ein Grüppchen. Bis zum Jahr 2007, erklärt die Integrationsbeauftragte der Stadt, Anita Gondek, sei die Gruppe der Iraker kontinuierlich auf 600 angewachsen. Danach begann die große Zuzugswelle: Neue Asylbewerber kannten schon welche in Pforzheim, Schwester, Onkel oder Freund waren schon da – warum also woanders hingehen? Zumal sich in der Gegend auch Arbeit finden ließ. Der Familiennachzug tat ein Übriges. Heute sind die Iraker nach Türken, Italienern und Kroaten die viertgrößte Ausländergruppe in der Stadt.

Eigentlich alles ganz logisch, und logisch ist auch, dass das nicht das Ende der Fahnenstange sein wird. Hat sich eine Stadt erst einmal als Zentrum einer Bevölkerungsgruppe etabliert, ist die Entwicklung nicht mehr aufzuhalten. Siehe der Pforzheimer Stadtteil Haidach mit seinen Aussiedlern.

Beim IB an der Westlichen – einer von mehreren Anbietern von Integrationskursen – steht heute der Akkusativ auf dem Programm. Und das Personalpronomen. „Ich – mich, du – dich, er – sich“, betet Sirwan fleißig herunter. Seit Februar besucht der 19-Jährige jeden Vormittag den Sprachunterricht speziell für Jugendliche und junge Erwachsene (von 17 bis 28 Jahren). Sirwan gehört zu den besten in seinem Kurs, in dem auch junge Männer sitzen, denen das Schreiben ihres eigenen Namens Probleme bereitet. Akkusativ? Verdammt anstrengend! Viel lieber reden sie über Fußball. „Deutschland, Deutschland“, habe er im Enzauenpark beim England-Spiel gerufen, erzählt Sirwan. Auf seinem Handy hat er ein Foto von sich: mit einer Deutschlandfahne um die Schultern.

Mit dem Lastwagen gekommen

Walid ist wegen der Bomben hier, und das gilt für die meisten hier. „In Mosul und Bagdad alle tot“, erklärt Walid. Dass er dazu lacht, kann nur daran liegen, dass er freundlich sein möchte. Er ist mit dem Lastwagen nach Deutschland gekommen. Wie genau das vor sich ging, darüber will weder er noch Sirwan reden. Jetzt ist der 27-Jährige seit fast anderthalb Jahren in Deutschland, zuerst als Asylsuchender, inzwischen ist er anerkannt, dürfte auch arbeiten, wenn er mit seinen schlechten Deutschkenntnissen schon einen Job kriegen würde. Vor einem Monat hat er Frau und drei Kinder nachkommen lassen. Walid und Sirwan sind Jesiden – eine monotheistische Religionsgemeinschaft, die es nur im Nordirak gibt. Ihre Sprache ist Kurmandschi, ein kurdischer Dialekt. Neben den Kurden gibt es Araber und Chaldäer, Muslime und katholische Christen aus dem Irak in Pforzheim. Eine sehr heterogene Gruppe, wie die Integrationsbeauftragte feststellt – auch was den Bildungsstand angeht. Es gibt gut ausgebildete Leute, aber Sirwan und Walid haben jeder nur sechs Jahre Schule hinter sich. Danach hieß es arbeiten, im Restaurant, auf dem Bau, Hauptsache Geld verdienen. Dass sie keinerlei Ausbildung genossen haben, macht ihnen den Start ins deutsche Berufsleben nicht gerade leichter. Trotzdem sind sie voller Hoffnung. „Ich liebe Deutschland“, sagt Sirwan und seine Augen leuchten. „Die Sprache ist bisschen schwierig, aber egal.“ Hier sei „alles gut“, pflichtet ihm Walid bei. Was zum Beispiel? Dass die Polizei von niemandem Geld erpresse, fällt Walid ein. „In Deutschland kein Problem. Ist besser“, erklärt er abschließend und nickt.

Bushra Musa hat es geschafft. Die 41-Jährige arbeitet heute als Buchhalterin im Kolpinghaus, spricht sehr gut Deutsch, hat Freunde gefunden, in ihrer Freizeit treibt sie gerne Sport, als Mitglied im städtischen Integrationsausschuss engagiert sie sich für das gute Zusammenleben von Einheimischen und Einwanderern. Wie Walid und Sirwan möchte sie nicht wieder zurück. In Sicherheit leben will sie, und das ist im Irak unmöglich. Musa, die Nichte des katholisch-chaldäischen Bischofs von Bagdad, deren Muttersprache Aramäisch ist, kam 2000 als ausgebildete Bürokauffrau und studierte Religionslehrerin nach Deutschland. Hier Fuß zu fassen war trotzdem nicht einfach: Erst Deutsch lernen, dann der Kampf um die Anerkennung ihrer Ausbildung. Erst seit 2009 hat sie eine Festanstellung.

Wenn sie den Jungs einen Rat geben sollte, würde der lauten: Deutsch lernen, eine Ausbildung machen, in Vereine gehen und Anschluss suchen. Sirwan, der davon träumt, möglichst bald ein bisschen Geld nach Hause schicken zu können? Walid, der eine fünfköpfige Familie durchbringen muss? „Sie brauchen jemanden, der sie an die Hand nimmt“, sagt Musa. Nur, sie kann sich nicht um alle kümmern.

Wie das weitergeht mit Walid und Sirwan? Wer weiß das schon. Heute jedenfalls ist Fußball angesagt. Deutschland – Argentinien. Tausende Fans im Enzauenpark. Und Sirwan mittendrin.Angelika Wohlfrom

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