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Lewin (vorn) ist wieder im Kreise seiner Familie: Afra, Sahwan, Walid, Mutter Kayal, Vater Khalat, Sana und Garbia (von links). In dem Gebäude im Hintergrund hat der junge Yezide den vergangenen Monat verbracht.
Lewin (vorn) ist wieder im Kreise seiner Familie: Afra, Sahwan, Walid, Mutter Kayal, Vater Khalat, Sana und Garbia (von links). In dem Gebäude im Hintergrund hat der junge Yezide den vergangenen Monat verbracht.
21.12.2015

Junger Yezide darf bei seiner Familie in Pforzheim bleiben

Große Gesten sind nicht Lewins Sache. „Jetzt freu’ dich doch mal“, fordert ihn der PZ-Fotograf beim Termin vor dem Büchenbronner Gemeindehaus auf. Der junge Iraker hebt zaghaft die Arme und lächelt. Die Freude ist dem 22-Jährigen trotzdem anzumerken: Nach gut einem Monat im Büchenbronner Kirchenasyl ist er seit Freitag wieder mit seiner Familie vereint. Die hatte ihm am meisten gefehlt in der Zeit, in der er das Gebäude nicht verlassen durfte, sagt er. Als Erstes hätten sie zusammen gefeiert – eine Art yezidisches Äquivalent zu Weihnachten, allerdings ohne die christliche Bedeutung.

Alle sind sie da: Mama Kayal und Vater Khalat, die Schwestern Afra und Garbia, Bruder Walid mit seiner Frau Sana. Ein weiterer Bruder konnte nicht kommen. Dafür hat Walid seinen besten Freund, Sahwan, mitgebracht. Sie sind gekommen, um einen positiven Schlussstrich zu ziehen unter Lewins Zeit des Wartens. Sie schauen sich die Kirche an. Christen und Yeziden, sagen sie, verstünden sich gut. Die Frauen haben gebacken, „Kada“ heißt das Hefegebäck. Außerdem haben sie Süßigkeiten mitgebracht – und viel Dankbarkeit dafür, dass die Sache gut ausgegangen ist.

Lewin droht nun nicht mehr die Abschiebung nach Bulgarien – das Land, in dem er zuerst den Boden der EU betrat und in dem er laut der Dublin-Regel seinen Asylantrag hätte stellen müssen. Denn die sogenannte Überstellungsfrist ist am vergangenen Freitag abgelaufen. Nun kann Lewin in Deutschland Asyl beantragen. Und die Chancen stehen gut für den jungen Yeziden, der in seiner Heimat Irak zu einer verfolgten Minderheit gehört und dessen Dorf die Auslöschung durch den „Islamischen Staat“ droht.

Dass es nicht anders gekommen ist, dass Lewin nicht in Bulgarien landete, liegt an der evangelischen Kirche, genauer gesagt an der Büchenbronner Gemeinde, deren Ältestenrat sich nach genauer Prüfung dafür entschied, Lewin Kirchenasyl zu gewähren, bis die sechsmonatige Frist überstanden war. Nach der Entscheidung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf), Lewin doch nicht abzuschieben, sieht man sich bestätigt. Es sei allerdings, wie Pfarrer Jens Adam betont, kein Gefühl von Triumph nach dem Motto „Die Kirche hat gesiegt“. Man freue sich für Lewin, dass er bei seiner Familie, die in Pforzheim und im Enzkreis lebt, bleiben kann.

Die Zurückhaltung hat ihre Gründe: Schließlich will die Evangelische Kirche auch in Zukunft gut mit den Behörden zusammenarbeiten. Außerdem hatte der Kirchenasyl-Fall ohnehin schon für genügend Aufregung gesorgt. Namentlich hatten sich der Landtagsabgeordnete Hans-Ulrich Rülke (FDP) und sein Bundestagskollege Gunther Krichbaum (CDU) gegen diese Praxis ausgesprochen. Die Reaktionen der Gemeinde seien dagegen sehr positiv gewesen, sagt Adam. Der Pfarrer jedenfalls würde sich in einem ähnlich gelagerten Fall wieder so entscheiden. „Ich sehe keinen Grund, weshalb wir das anders machen sollten.“

Für Lewin beginnt nun wieder der Alltag eines Asylbewerbers: Er besucht die Carlo-Schmidt-Schule. Gemeldet ist er in einer Flüchtlingsunterkunft, verbringt aber viel Zeit bei seinen Eltern in Illingen. Er kann sich wieder mit Freunden treffen und den verschobenen Krankenhaustermin wegen eines chronischen Rückenleidens wahrnehmen. Und ganz viel Deutsch lernen. Wie das funktioniert, macht ihm seine kleine Schwester vor: Afra, seit einem Jahr in Deutschland, spricht schon richtig gut. Wenn Lewin da mithalten will, muss er Gas geben.

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