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Aufbau: Die Stadt versucht mit einer Offensive, mehr Fachpersonal für die Kitas zu gewinnen.

Kitas in Personalnöten: Einrichtungen müssen teilweise Öffnungszeiten verkürzen

Pforzheim. Von den einstigen überlangen Öffnungszeiten hat man sich schon vor einiger Zeit verabschiedet. Zu gering war die Nachfrage bei Eltern, ihre Kinder noch nach 18 Uhr betreuen zu lassen. Doch nun musste die „Schatztruhe“ ihre Pforten bereits um 15.30 Uhr schließen. Der Grund: Engpässe bei den Erzieherinnen.

„Es ist im Moment sehr schwierig, Personal zu finden“, sagt Sabine Jost, Geschäftsführerin der Diakonie Pforzheim, die Träger der Einrichtung für Unter-Dreijährige im VolksbankHaus ist.

Wenn zwei Vollzeit-Kräfte wegen Schwangerschaft ein sofortiges Arbeitsverbot bekämen, könne man einen solchen Ausfall nicht gleich auffangen. Zumal auch Bereitschaftskräfte bei 22 Einrichtungen der evangelischen Kirche oft verplant seien. „Wir versuchen in solchen Situationen, zu jonglieren“, sagt Jost – etwa im Austausch mit anderen Kitas.

Schwierige Fälle nehmen zu

Zu Gruppenschließungen kam es bislang nicht – auch nicht bei städtischen oder katholischen Einrichtungen, die bei Personalengpässen ebenfalls schon zeitweise Öffnungszeiten reduziert haben. Dennoch blickt Stephan Rist, Abteilungsleiter bei der Verrechnungsstelle der katholischen Kirchengemeinden, mit Sorge auf den Erzieher-Markt. „Die Personalsituation hat sich im letzten Jahr deutlich verschärft“, sagt er. Dies in einer Zeit, in der die Zahl der Integrationskinder zunehme – also Kinder mit Sprachdefiziten und Verhaltensauffälligkeiten.

Als Grund für den Engpass sehen Rist und Jost die Schaffung vieler neuer Kitaplätze sowie den rasanten Ausbau der Betreuung Unter-Dreijähriger, die mehr Personal binde. „Und Erzieherinnen können sich heute aussuchen, wo sie arbeiten“, nennt Jost den Wettbewerb um Fachkräfte als mögliche weitere Ursache. So spiele es vielleicht schon eine Rolle, ob man im Schichtbetrieb tätig sei oder um halb drei Feierabend habe. Oder ob die Kita in einem sozial belasteten Stadtteil liege. Auch die Vorsitzende des Gesamtelternbeirats der Pforzheimer Kindertageseinrichtungen (GEPK), Jasmin Schäfer, vermutet, dass sich an der „prekären Personallage in Pforzheim“ nichts ändern werde, solange der Enzkreis bessere Arbeitsbedingungen, unbefristete Arbeitsverträge und die bessere Bezahlung biete. Schon 2017 seien beim GEPK erste Fälle von Kitas bekanntgeworden, die aufgrund Personalmangels die veranschlagten Öffnungszeiten nicht mehr gewährleisten konnten.

In der Stadtverwaltung vermutet man als Hauptgrund für eine „Abwanderung“ allerdings eher die Möglichkeit, wohnortnäher einen Arbeitsplatz zu finden – was, wenn eigene junge Kinder im Haushalt lebten, einen großen Vorteil darstelle. Und Erzieher, die sich für eine Kita mit einer herausfordernden Sozialstruktur entschieden, hätten den Wunsch, gerade an diesem Standort eine Veränderung bewirken zu können, heißt es. Laut Stadt sind auf dem Papier auch alle Planstellen besetzt, allerdings mache dies keine Aussage über die tatsächliche Personalsituation, da diese durch Schwangerschaften und Erkrankungen täglich anders werde.

PiA macht Hoffnung

„Es kommt einfach noch zu wenig nach“, sagt Jost. Die Diakonie-Chefin fürchtet, dass sich die Situation zuspitzen könnte, wenn in fünf bis zehn Jahren viele Erzieherinnen in den Ruhestand gehen. Daher setzen sie und Rist auch Hoffnung in den Ausbau der Praxisintegrierten Ausbildung (PiA). Diese wird im Gegensatz zur klassischen Erzieherausbildung vergütet und ist damit laut Ulrike Kagerhuber auch für neue Zielgruppen interessant. „Wir haben in unseren PiA-Klassen die 16-jährige Realschulabsolventin, aber auch die 45-jährige Mutter, die nach der Familienphase eine neue Herausforderung sucht“, sagt die Leiterin der Johanna-Wittum-Schule. Zudem habe man es geschafft, auch mehr junge Männer für diesen „schönen Beruf zu gewinnen“. Gab es im Schuljahr 2017/2018 nur eine PiA-Klasse, so waren es zu Beginn des vergangenen Schuljahrs bereits zwei. Für 2019/2020 wird es gar drei PiA-Klassen geben, neben zwei Klassen in der klassischen Ausbildung. „Damit fangen 150 Azubis an, die dann hoffentlich in drei Jahren dem Markt zur Verfügung stehen“, so Kagerhuber. Allerdings stößt die Schule damit nicht nur räumlich an ihre Grenzen. Es werde auch schwieriger, Lehrkräfte für die Erzieher-Ausbildung zu gewinnen.

Nicola Arnet

Nicola Arnet

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