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Kurz oder schon zu kurz? Warum sollen diese Frage Mädchen und junge Frauen nicht selbst entscheiden können? So wie schon einmal Ende der 60er- und 70er-Jahre.
Kurz oder schon zu kurz? Warum sollen diese Frage Mädchen und junge Frauen nicht selbst entscheiden können? So wie schon einmal Ende der 60er- und 70er-Jahre. © Symbolbild: dpa
09.07.2015

Kommentar: Hotpants als Prüfstein für die Toleranz unserer Sittenwächter

„Eine Handbreit oder zwei überm Knie. Genau wie vor zwölf Jahren findet man ihn in Pforzheims Straßen wieder: den Mini.“ Das war am 14. August 1982 auf der Jugendseite der „Pforzheimer Zeitung“ zum Revival des aus den 60er-Jahren stammenden Minirocks zu lesen. Eine Frau „Ute“ wird in diesem Artikel zitiert. Sie soll im Jahr 1970 als 15-Jährige „damals auf dem Höhepunkt des Minirocks“ mit „mindestens zwei Nummern“ zu engen Pullovern und Röcken, „die nur knapp den Hintern bedeckten“ in die Schule gegangen sein. Zwei Generationen und 45 Jahre später regen sich schon wieder Pädagogen, Eltern und von zu viel nackter Haut geblendete Sittenwächter über zu kurz geratene Kleidungsstücke von Schülerinnen auf.

Umfrage

Kurz oder schon zu kurz? Sollten wir bei Hotpants tragenden Schülerinnen nicht gelassener und toleranter reagieren?

Ja, mehr Gelassenheit, statt Aufregung 57%
Nein, das geht sonst viel zu weit 37%
Das ist mir egal 6%
Stimmen gesamt 722

Im Sommer 2015 sind Hotpants zum Stein des Anstoßes geworden. Die ultrakurzen Hosen folgten nach der Etablierung des Miniröckleins von 1971 an in die Regale der Modeläden und dann auch unverzüglich in die Kleiderschränke junger Frauen. Im Prinzip ist das also alles kalter Kaffee, alles schon einmal dagewesen. Doch jetzt werden in einer Pforzheimer Realschule fünf Schülerinnen wegen freizügiger Kleidung nach Hause geschickt. In Horb werden Hotpants verboten. Schülerinnen mit zu knapp bemessener Kleidung müssen in extra lange, extra weite T-Shirts schlüpfen.

Das klingt schon fast nach Burka. Dabei ist Horb kein Stadtteil von Teheran oder Riad, sondern ein Städtlein in der Bundesrepublik Deutschland, die weltweit zu den Ländern mit dem größten Maß an Freiheit zählt. Wir schätzen unsere Redefreiheit, unsere Demonstrationsrecht, unsere freien Wahlen, doch was junge Menschen anziehen, unterliegt anscheinend der Zensur.

Beim Stöbern im PZ-Archiv ist mir aufgefallen, wie sehr sich die Argumentationen gegen die Hotpants heute und gegen den Minirock damals ähnelten. Vor 45 Jahren drohte - damals wie heute - ein übler Sittenverfall, der umso dramatischer fortzuschreiten drohte, je mehr Handbreit überm Knie der Rocksaum nach oben rutschte. Wir haben die schlimme Zeit überlebt, stehen jetzt aber offensichtlich wieder an einem Wendepunkt der Menschheitsgeschichte. Damals warnten noch Pädagogen, Ärzte und Polizisten vor den Folgen knapper Textilien. Das ging so weit, dass eine junge Frau im kurzen Rock die Blicke der Autofahrer zu sehr auf sich ziehen könnte, was dann eine erhöhte Unfallgefahr darstelle.

Doch wer kracht mit dem Auto gegen den Ampelmast, wenn jemand im Mini oder in Hotpants herumspaziert? Richtig. Der Autofahrer. Warum müssen sich junge Frauen verhüllen? Sollen die Autofahrer sich doch einfach nur auf den Straßenverkehr konzentrieren.

Ganz übel sind meiner Ansicht nach die – damals wie heute – zu hörenden Argumente, die andeuten, dass junge Mädchen mit etwas freizügiger Kleidung selbst daran schuld seien, wenn sie dadurch verbale oder handgreifliche Übergriffe von Männern provozieren. Das hört man übrigens auch immer von den Zeitgenossen, die allen Frauen eine Burka als allein passendes Kleidungsstück verordnen wollen. Dabei ist es doch wie beim Straßenverkehr auch: Schuld hat immer der, der das Falsche und Verbotene tut, der sich nicht zusammenreißen kann. Es geht hier unter anderem um die Freiheit der Mädchen und jungen Frauen, die gerne anziehen wollen, wonach ihnen der Sinn steht, was Ausdruck ihrer sich entwickelnden Persönlichkeit ist.

Nachdem Frauen hierzulande das allgemeine Wahlrecht erstritten haben, zudem ohne Erlaubnis und ohne Aufsicht des Mannes Auto fahren und arbeiten dürfen, sollte unsere Gesellschaft doch inzwischen so großzügig und tolerant geworden sein, dass wir der einen Hälfte der Menschheit Hotpants zugestehen können, auch wenn wir selbst so etwas nicht tragen würden oder an anderen unschön finden.

Am 25. Oktober 1966 konnte man in der PZ über eine Modenschau im damaligen Modehaus Oberpaur lesen, dass einige ältere Zuschauer vorzeitig gegangen seien. „Sie mochten sich gefragt haben, was eigentlich ein Lehrer wohl mache, wenn seine Mädchenklasse im schenkelkurzen Minirock vor ihm sitzt?“ Die Empfehlung des Autors vor 49 Jahren „Nun, das Beste wird wohl sein, wenn er die Teenager die Hefte herausholen und eine Lateinarbeit mit zwanzig Frage- und Antwortsätzen schreiben lässt ...“ Die Antwort müsste heute lauten: Der Lehrer sollte nicht auf die Hotpants starren, sondern schlicht und einfach unterrichten. Schließlich darf man ja von einem Pädagogen erwarten, dass er moralisch so gefestigt ist, dass ihn ein nackter Bauchnabel nicht gleich aus dem Konzept bringt.

In einem Punkt hatte sich der PZ-Autor 1966 ganz weit aus dem Fenster gelehnt und dabei ein Musterbeispiel für den entspannten Umgang mit diesem sommerlichen Modephänomen im Jahre 2015 geliefert. Er schrieb damals in seinem Modenschau-Artikel: „Warum sollte man den „Teens“ ihre Freude nicht lassen? Es ist einmal ihr Stil, ihre Zeit, ihre Ausdrucksform.“ So viel Gelassenheit wünsche ich mir unseren sittsamen Lehrern von heute und allen anderen selbst ernannten Modewächtern auch.