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Albert Esslinger-Kiefer, Verleger der Pforzheimer Zeitung zu den Wirren der Bürokratie. 

Kommentar: Letzter Aufruf - Vor der Entscheidung zur Kulturhauptstadt

Im Pforzheimer Gemeinderat zögert man noch mit einer Entscheidung zur Bewerbung als Kulturhauptstadt in Europa. Aber was braucht die Stadt? Ein Kommentar von PZ-Verleger Albert Esslinger-Kiefer.

Nun wollen wir mal unsere Heimatstadt nicht niederschreiben. Jawohl: Es ist schön an Enz und Nagold. Weiche und harte Faktoren – um das so allgemein zu sagen – sind ausreichend vorhanden. Man kann sich wohlfühlen in dieser Stadt. Und, ja, es gibt sie – die Lebensqualität. Aber man muss sie finden. Wie im schön gemachten Booklet „Standortprofil“, herausgegeben von der Stadtverwaltung anno 2002: „Pforzheim – vital, jung und dynamisch“ steht da.

Jetzt in 2018 ist nur noch „jung“ geblieben. Ja, wir haben eine junge Bevölkerung. Kann bei einem kinderreichen Migrationsanteil von über 50 Prozent auch nicht anders sein. Vitalität und Dynamik aber sind weitgehend auf der Strecke geblieben. Denn seit Jahren erschöpft sich diese Stadt in der Verwaltung des Notstands, in ihrem Handeln eingeengt von Sachzwängen und geschurigelt von einem Regierungspräsidium, das pedantisch auf die Verwendung städtischer Gelder schaut. Wie bleierne Schwere legt sich dieser Zustand über die Stadtbevölkerung, mit dem Ergebnis, dass sie alle acht Jahre ihr Stadtoberhaupt aus dem Amt kegelt. Ein Sündenbock muss her!

Wen wundert’s also, wenn die heftig geführte Debatte um die Bäderlandschaft gegen die Wand knallte. Einmal mehr steht die Stadt mit leeren Händen da. In dieser Phase des Stillstands – des kommunalen „No Go“ – scheint es umso unverzeihlicher, wenn zukunftsfähige Projekte, also solche, welche die Stadt voranbringen, einer schief geführten bürgerschaftlichen Diskussion zum Opfer fallen.

Die Debatte um das „Soziale“ würgt offenbar jeden Blick in die Zukunft ab. Dabei wird die Stadt durch die Bewältigung des „Sozialen“ nicht gerettet. Denn die Gelder zur Überwindung des kommunalen Notstandes kommen aus den Erlösen der Zukunft. Und die gilt es zu gestalten. Professor Michael Throm von der Hochschule spricht von „Wirkungsbeschleunigung“. Und meint damit vielfältige Prozesse, die mit der Kulturhauptstadt einhergehen können.

Die Bewerbung als Kulturhauptstadt – kostenfrei für die Kommune! – wäre ein bürgerschaftlicher Prozess, ja ein Modell für Europa. Denn wie kaum eine andere Stadt ist Pforzheim mit seinen sozialen Verwerfungen im Thema Migration gefangen. Mehr noch: Pforzheim ist Europa im Brennglas und entspricht damit in hohem Maße den Intentionen der Kulturhauptstadt-Stifter.

Aber während das Stadtoberhaupt noch jene Bürger lobt, die viel privates Geld in die Hand nehmen wollen – OB Boch: „Solches Mäzenatentum brauchen wir in Pforzheim!“ –, findet sich in der in unseliger Weise verhackstückten Pforzheimer Parteienlandschaft – dieser Ansammlung von Mutlosigkeit – bislang keine Mehrheit für eine Vision davon, wie es mit unserer Stadt weitergehen soll. Da kann es nicht weiter überraschen, wenn die Stadtbevölkerung dieses Thema als Bedrohung empfindet, ja Angst davor hat, den Wettbewerb um die Kulturhauptstadt zu gewinnen. Eine kuriose Situation! Kurios auch deswegen, weil die Stadt das Potenzial für mehr hat: Pforzheims Wirtschaft läuft auf Hochtouren und spült stabile Gewerbesteuern in die Stadtkasse. Die Hochschule fordert die Stadt mit ihrem kreativen Potenzial immer wieder aufs Neue heraus und inszeniert eine wohltuende Vitalität in Pforzheims beschaulichen Alltag. Aber unverkennbar ist auch, dass es der im digitalen Wandel begriffenen Wirtschaft – Hochschule inbegriffen – zunehmend schwerfällt, qualifiziertes Personal in eine Stadt zu locken, deren innerstädtische Szene zeitgemäßen Ansprüchen nicht mehr genügt. Verhängnisvoll auch für den City-Handel, dem so langsam die Kundschaft abhandenkommt. Vor allem jene kaufkräftige aus dem Umland, der die City zu wenig Ambiente und Aufenthaltsqualität bietet.

Nun gibt es begründete Anzeichen dafür, dass man in Sachen Kulturhauptstadt doch noch die Kurve kriegt. Es bedurfte des massiven Auftritts engagierter Pforzheimer Bürger, um die Kommunalpolitiker zum Umdenken zu bringen. „Na gut, wenn’s nix koscht!“ – mit dieser einfachen Formel sind sie eingeknickt ohne eine Vorstellung davon zu haben, welche Impulse die Kulturhauptstadt auszulösen vermag.

Dieser nahezu zwingenden Einsicht ist auch Hans-Ulrich Rülke gefolgt, bislang ein vehementer Gegner des Experiments Kulturhauptstadt. Die „Stuttgarter Zeitung“ hat den FDP-Alleinunterhalter gerade als „destruktiven Geist, keinen schöpferischen“ portraitiert. Als „passablen Redner, begnadeten Sarkast und ausgefuchsten Machtstrategen“ nehmen ihn die Journalisten im Landtag wahr. Im Pforzheimer Ratssaal scheint das nicht anders. „Ihn einen Sympathen zu nennen, hieße eine stachlige Distel zur Orchidee umzudeuten“, schreibt Reiner Ruf in der „Stuttgarter Zeitung“. Immerhin, auch Hans-Ulrich Rülke scheint in Sachen Kulturhauptstadt die Botschaft verstanden zu haben, wird sie doch primär von seiner angestammten Klientel – der liberalen Unternehmerschaft – eingefordert.

Derweil treibt die CDU die Sorge um, „die Sache mit der Kultur“ könne bei der Mehrheit der Bevölkerung doch nicht die erhoffte Akzeptanz finden, weil andere Dinge von größerer Wichtigkeit seien. Mit der bösen Vorahnung, bei der nächsten Gemeinderatswahl weiter abgestraft zu werden. Wobei die Diskussion von vorne beginnt.

Dass es letztlich die Stadtverwaltung ist, die hier das Heft in die Hand nehmen muss, sollte in diesem späten Stadium nun Gewissheit sein. Die wohlmeinenden Sponsoren zumindest – auch sie Bürger dieser Stadt – haben ihre Hausaufgaben fürs Erste gemacht. Ein mutiger Schritt in Pforzheims Zukunft kann beginnen.

Albert Esslinger-Kiefer

Albert Esslinger-Kiefer

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