Über Digitalisierung und Gewaltschutz sprechen Erik Schweickert (von links), Oliver Keppler, Annkathrin Wulff, Michael Hofsäß, Vera Seifert, Regine Neuweiler-Tran, Isabella Heilig, Stefanie Seemann, Katrin Schwahn, Katia Micheli, Sascha Oechsle, Simon Schwarz, Cedric Strauß, Martin Weiß bei der Podiumsdiskussion Paritätischen Kreisverbands.
Der Paritätische
Pforzheim
Landtagskandidaten diskutieren beim Paritätischen in Pforzheim über Gewaltschutz und Digitalisierung

Pforzheim. Wie lange muss eine gewaltbetroffene Frau in Pforzheim auf einen Schutzplatz warten? Und warum scheitert die Digitalisierung sozialer Einrichtungen oft schon an fehlender Grundausstattung? Diese Fragen standen im Mittelpunkt einer Podiumsdiskussion des Paritätischen Kreisverbands Pforzheim/Enzkreis unter dem Motto „Soziales ist Zukunft!“ in der „Cantina“ von Q-Prints&Service.

Zehn Landtagskandidierende aus den Wahlkreisen Stadt Pforzheim und Enzkreis nahmen daran teil: Andreas Renner (CDU), Annkathrin Wulff und Michael Hofsäß (SPD), Erik Schweickert (FDP), Stefanie Seemann und Simon Schwarz (Bündnis 90/Die Grünen), Regine Neuweiler-Tran und Vera Seifert (Volt) sowie Marvin Weiß und Cedric Strauß (Die Linke). Sie diskutierten mit Vertretern sozialer Einrichtungen über zwei der drängendsten sozialpolitischen Herausforderungen in der Region: den Schutz vor häuslicher Gewalt und Digitalisierung in der Sozialwirtschaft.

In einem Punkt herrschte laut einer Pressemitteilung über Parteigrenzen hinweg Einigkeit: Soziale Träger sind unverzichtbar für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und benötigen verlässliche politische Rahmenbedingungen. Angesichts steigender Kosten, wachsender Fallzahlen und eines akuten Fachkräftemangels dürfe die soziale Infrastruktur nicht weiter auf Verschleiß gefahren werden. Mehrere Kandidaten betonten, dass Investitionen in soziale Arbeit keine freiwillige Leistung, sondern eine Investition in gesellschaftliche Stabilität, Prävention und Teilhabe seien. Gleichzeitig blieb die Frage nach konkreten finanziellen Zusagen und strukturellen Reformen weitgehend offen.

Große Erwartungen

Die Digitalisierung wurde von allen Diskutierenden als Schlüsselthema anerkannt. Digitale Lösungen könnten Beratungsangebote besser erreichbar machen, Dokumentationsprozesse vereinfachen und damit Fachkräfte entlasten, der Optimierung interner und externer Prozesse in sozialen Einrichtungen und Diensten beitragen. Aus der Praxis wurde jedoch deutlich: Viele Träger kämpfen bereits damit, ihre Grundausstattung an Hard- und Software auf einem zeitgemäßen Stand zu halten und Datenschutz bei den Klienten zu garantieren.

Ohne gezielte Förderprogramme, Investitionsmittel und dauerhafte Refinanzierung drohe die digitale Transformation insbesondere im sozialen Bereich an fehlenden Ressourcen zu scheitern. Mehrere Kandidaten unterstützten die Forderung nach einer stärkeren Förderung der Digitalisierung in der Sozialwirtschaft. Eine verbindliche Zusage zur finanziellen Ausstattung – etwa über das Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität (SVIK) welches hierfür eine Möglichkeit bieten würde– erfolgte jedoch nicht.

Schutz vor Gewalt

Besonders eindringlich wurde die Situation im Bereich Gewaltschutz diskutiert. In Pforzheim und im Enzkreis bestehen deutliche Versorgungslücken für gewaltbetroffene Frauen – insbesondere für Frauen mit älteren oder jugendlichen Kindern, mit Suchterfahrung oder mit besonderen Unterstützungsbedarfen. Mit dem neuen Gewaltschutzgesetz wird Gewaltprävention und Opferschutz künftig zur staatlichen Pflichtaufgabe. Damit steigt der Bedarf an Schutzplätzen, Beratungsangeboten und Täterarbeit erheblich. Bis 2032 soll ein bedarfsgerechter Ausbau erfolgen – rechnerisch mindestens ein Familienplatz (2,5 Betten) pro 10.000 Einwohnern.

Vertreter aus der Praxis warnten eindringlich: Ohne zusätzliche finanzielle Mittel, geeignete Immobilien und langfristige Planungssicherheit drohe eine gravierende Umsetzungslücke zwischen gesetzlichem Anspruch und tatsächlicher Versorgung. Mehrere Kandidaten sprachen sich grundsätzlich für einen flächendeckenden Ausbau von Schutzangeboten und eine verlässlichere Finanzierung aus. Entscheidend werde jedoch sein, ob diese Vorhaben nach der Wahl konkret in Haushaltsentscheidungen übersetzt werden.

Die Veranstaltung machte deutlich: Soziale Arbeit ist weit mehr als Einzelfallhilfe. Sie stabilisiert Familien, schützt vor Gewalt, ermöglicht Teilhabe und verhindert gesellschaftliche Folgekosten. Der Paritätische Kreisverband Pforzheim/Enzkreis setzt mit der Podiumsdiskussion ein klares Signal: Soziale Themen dürfen im Wahlkampf nicht randständig behandelt werden.