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Familie, Freunde und sein Lebensdrang unterstützten ihn: Maximilian Müssle kann heute wieder gehen. Foto: Seibel
Familie, Freunde und sein Lebensdrang unterstützten ihn: Maximilian Müssle kann heute wieder gehen. Foto: Seibel
Immer viel zu tun: der Gastronom in seiner Weinbar bei der Buchhaltung.
Immer viel zu tun: der Gastronom in seiner Weinbar bei der Buchhaltung.
03.02.2017

Maximilian Müssle steht wieder auf den Beinen

Dass Maximilian Müssle je wieder gehen können werde, daran wollte anfangs keiner so recht glauben. Doch das Energiebündel wollte zurück hinter seine Bar. Heute steht der 30-Jährige wieder voll im Leben – und träumt davon, andere zu beraten.

Behutsam, Schritt für Schritt, kommt Maximilian Müssle in der Weinbar in den „Schmuckwelten“ auf seine Gesprächspartnerin zu. Auf Krücken gestützt. „Bänderriss?“, fragen ihn hin und wieder jene, die seine Geschichte nicht kennen. Denn es grenzt an ein Wunder, blickt man mit dem Gastronom und Jungstadtrat beim Kaffee auf die vergangenen Jahre zurück. So viel steht von der ersten Minute an fest: „Die Leiden des jungen Müssle“ wäre absolut kein geeigneter Titel für dieses Porträt. Zu positiv ist der Krankheitsverlauf, zu optimistisch der 30-Jährige selbst, dessen Leben sich am 3. Dezember 2011 auf einen Schlag veränderte.

„Ich werde diesen Tag nie vergessen“, sagt Müssle. Er spricht heute offen über seinen Unfall vor fünf Jahren – und dessen gravierende Folgen. Es ist ein Samstagmorgen, an dem der Barbetreiber zu Hause rückwärts die Treppen hinunterstürzt. Er schlägt sich im Fallen den Kopf an einer Fensterbank an. Bleibt am Ende regungslos liegen. Ein Hausbewohner findet ihn dort. Zwei Operationen später ersetzen Titanplatten und Schrauben seinen sechsten Halswirbel, der beim Sturz zertrümmert worden ist. Dann die traurige Gewissheit: Müssle ist vom Brustkorb bis zu den Zehenspitzen gelähmt. Fachleute nennen es Tetraplegiker. „Ich konnte lediglich den Kopf bewegen“, erinnert er sich. „Das war’s.“ Er ist am Tiefpunkt. „Nichts wird mehr so sein, wie es war“, sagt man ihm. Doch er soll das Gegenteil beweisen.

Die kommenden Wochen sind fremdbestimmt: Durch Sauerstoffschläuche beatmet, künstlich ernährt und auf Pfleger angewiesen, die ihn waschen. „Besonders schlimm war es, nicht auf die Toilette gehen zu können“, gesteht Müssle. Zudem die Wunden, weil man seinen Körper kaum bewegen darf. Er kann es ohnehin nicht.

„Wie es sich anfühlt?“, vervollständigt der 30-Jährige die Frage seines Gegenübers. Es ist nicht das erste Mal, dass er über die körperlichen Folgen seines Sturzes spricht. Und er tut es offen und direkt. „Du spürst deinen Körper nicht“, beschreibt Müssle das Gefühl von damals. „Es war, als würde er nicht mehr zu mir gehören.“ Doch auch das soll sich im Laufe der Therapie ändern. Es vergeht nicht viel Zeit, da kann er einen Finger bewegen. Das ist noch, bevor Müssle nach Heidelberg zur Intensivreha kommt. Er nimmt nur wenig Nahrung zu sich. Er hat seine Gründe: „Ich hatte meinen Geschmackssinn verloren“, erzählt der junge Mann, der in einer Feinkost-Familie aufgewachsen ist, zum Einzelhandelskaufmann ausgebildet beim Gastro-„Käfer“ in München. Der Geschmackssinn kommt wieder. Wie auch das Gefühl in Händen und Armen.

So erlebt er den Moment, in dem er zum ersten Mal selbstständig in den Rollstuhl sitzen, das Badezimmer aufsuchen, mit anderen mittagessen kann. In dieser Zeit lernt er auch Zimmerkollege Alex kennen. Ihn hat es noch übler erwischt, Metastasen im Bein zwingen die Ärzte zur Amputation. „Und dennoch hatte er so einen Lebensmut“, sagt Müssle. Das habe ihm Kraft gegeben. Einmal besucht er ihn später noch, wenige Monate später stirbt Alex.

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