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Auch ein quietschgelbes Velomobil gehört zum Tross der Pedaleure, der am Freitagabend wieder einmal durch die City rollt.  Foto: Wiessler 

Mitten in der kritischen Masse: Radler weisen auf Verkehrsprobleme hin

Pforzheim. „Im Sommer kann’s jeder!“ Mit diesen Worten kommentiert ein Passant die Abfahrt des Fahrrad-Trosses, der am Freitag kurz nach 19 Uhr am Waisenhausplatz losrollt. Rund 40 Radler der „Critical Mass“ machen sich auf den einstündigen Weg durch die Innenstadt. Diese Aktion der „kritischen Masse“ findet seit Juni 2018 einmal im Monat statt, traditionell am letzten Freitag. Das Ziel: auf die Bedeutung des Fahrradverkehrs und die Notwendigkeit einer darauf ausgelegten Infrastruktur in der City aufmerksam zu machen.

Bastian Wetzke, einer der Initiatoren der Aktion, hat zuvor den Teilnehmern ein paar Regeln mit auf die Strecke gegeben. Er weist darauf hin, „dass wir ab 15 Fahrradfahrern einen geschlossenen Verband bilden, der sich unter Einhaltung der Verkehrsregeln wie ein Fahrzeug bewegen darf“. Das heißt: Fahren die Ersten bei Grün, dürfen alle im Verband folgen, auch, wenn dann schon Rot ist. Wer vorne fährt, bestimmt die Richtung, eine geplante Route gibt es nicht. „Die Masse muss kompakt bleiben, damit sie nicht durch drängelnde Autos auseinandergerissen wird“, warnt Wetzke. Auch Gehwege sind tabu. „Wir benutzen nur die Radwege und Straßen.“

Mit Musik geht’s besser

In der rollenden Menge ist vom Damenfahrrad aus der 1930er-Jahren über E-Bike, Pedelec und Rennrad bis hin zum Mountainbike und Klapprad alles vertreten. Selbst ein signalgelbes Velomobil, ähnlich einem Ein-Mann-U-Boot, fährt mit. Manche der Besitzer tragen Warnwesten und Helme. Ronny Pöge rollt auf seinem E-Roller einer Rikscha hinterher, in der seine sechsjährige Tochter Celine sitzt. Gezogen wird sie von Marthe Soncourt. „Das Fahrzeug ist Marke Eigenbau“, erzählt sie und freut sich, „dass es einen Motor hat.“ Bastian Wetzke ist für die Unterhaltung zuständig. An seinem Fahrrad hängt die mobile Disco. Gute Laune machende Reggae-Soul-Hip-Hop-Songs erklingen. „Mit Musik im Gepäck werden wir nicht als Kampfradler wahrgenommen, sondern als freundliche Demonstranten“, erklärt er. Und tatsächlich: Viele Passanten bleiben stehen oder schauen aus dem Fenster, manche lachen, andere winken. Auch Autofahrer reagieren – einige drücken auf die Hupe oder geben Lichtzeichen. Ob das jetzt als Kritik an dem langsam vor ihnen fahrenden Pulk zu verstehen ist? Wetzke wischt die Frage mit einer Handbewegung beiseite. „Ich verstehe es einfach als nette Geste für unsere Aktion.“

Rund eine Stunde ist der Konvoi in Bewegung. Er rollt über den Altstädter Kirchenweg und die Brücke, die Kanzlerstraße entlang, umrundet den Kreisverkehr und führt auf der Holzgartenstraße zurück. Sobald Kreuzungen zu passieren sind, sichern einige Mitglieder die Straße, damit die Mitradler gefahrlos passieren können.

Und dann kommt es zur ersten kritischen Situation: In der Calwer Straße Richtung Kupferhammer setzt ein Auto an, die Gruppe zu überholen. Gleichzeitig gibt er dem entgegenkommenden Autofahrer die Lichthupe. Bloß, wohin soll dieser ausweichen? Schließlich müssen beide stehenbleiben, während die Radler in Richtung Kallhardtbrücke und Bleichstraße weiterziehen. Auch auf der Westlichen beim Leopoldplatz wird es heikel. Ein Busfahrer zwängt sich in die Gruppe, ein zweiter folgt ihm und bleibt nur wenige Zentimeter von den Radlern entfernt stehen.

Im Clinch mit Busfahrer

Soncourt fährt bis zum Chauffeur vor und gibt ihm Zeichen mit der Hand, die Scheibe zu öffnen. Ob er noch nie etwas von eineinhalb Metern Mindestabstand gehört habe, will sie wissen. Der Busfahrer nuschelt etwas Unverständliches. Soncourt ist sauer: „Ich fühle mich einfach unsicher in so einer Situation. Einen Bus hört man nicht kommen, weil der Motor hinten ist.“

Die Schrecksekunde kann aber die allgemein gute Stimmung nicht trüben. Trotzdem sind alle froh, als das Ziel „Café Roland“ in Sicht ist. „Wir haben uns heute vom Wetter her einen der härtesten Tage ausgesucht“, formuliert es einer aus der Gruppe treffend.