Wenn wir heute über die Partnerschaft zwischen Pforzheim und Nevsehir sprechen, sprechen wir häufig über Begegnungen zwischen Delegationen, kulturellen Austausch, gemeinsame Veranstaltungen und die Freundschaft zwischen zwei Städten. Doch hinter einer solchen Verbindung stehen vor allem Menschen. Menschen, deren Lebensgeschichten Deutschland und die Türkei manchmal auf eine Weise miteinander verbinden, wie es kein offizieller Partnerschaftsvertrag ausdrücken könnte.
Eine solche Geschichte durfte ich im Rahmen meiner Tätigkeit als Rechtsanwalt begleiten. Sie beginnt im Jahr 1972 in Bremen. Dort wurde mein späterer Mandant geboren. Seine Geburt fiel damit mitten in eine Zeit, die Deutschland und die Türkei bis heute prägt. Seit dem deutsch-türkischen Anwerbeabkommen von 1961 waren zahlreiche Menschen aus der Türkei in die Bundesrepublik gekommen. Sie sollten ursprünglich für einige Jahre als Arbeitskräfte bleiben.

Aus einigen Jahren wurden Jahrzehnte. Aus sogenannten „Gastarbeitern“ wurden Nachbarn, Kollegen, Ehepartner, Eltern und Großeltern. Es entstanden Familien, die fortan zwischen zwei Ländern, zwei Sprachen und oftmals auch zwei Heimaten lebten.
Nirgends ganz zu Hause
Auch die Familie meines Mandanten war Teil dieser Geschichte. Sein Vater war aus Nevsehir nach Deutschland gekommen und hatte in Bremen eine deutsche Frau kennengelernt. Aus dieser Verbindung wurde 1972 ein Sohn geboren. Doch das gemeinsame Familienleben sollte nicht von Dauer sein. Noch in den 1970er-Jahren nahm der Vater den kleinen Jungen mit zurück in seine Heimat Nevsehir. Die Mutter blieb in Bremen. Für das Kind bedeutete diese Reise weit mehr als nur einen Ortswechsel von Deutschland in die Türkei. Sie sollte sein gesamtes weiteres Leben bestimmen. Der Junge wuchs fortan in Nevsehir auf. Dort wurde er groß, dort befand sich seine Familie, dort entstand sein Lebensmittelpunkt. Deutschland, das Land seiner Geburt und das Land seiner Mutter, rückte dagegen immer weiter in die Ferne. Seine Mutter sah er nie wieder.
Ein Kind wird in Deutschland geboren, verlässt als kleiner Junge das Land seiner Mutter und verbringt anschließend Jahrzehnte seines Lebens, ohne sie noch einmal zu sehen. Aus dem Kind wurde ein Jugendlicher, aus dem Jugendlichen ein erwachsener Mann. Die Jahre vergingen. Doch die Frage nach der Mutter und nach der eigenen Herkunft verschwand nie vollständig.
Erst im Alter von etwa 50 Jahren entschloss er sich, dieser Frage noch einmal nachzugehen. Wo ist meine Mutter? Was ist aus ihr geworden? Gibt es sie noch? Gibt es in Deutschland vielleicht Verwandte, die mich kennen oder zumindest von mir wissen? Es war eine Suche nach einem Menschen, zugleich aber auch eine Suche nach einem Teil der eigenen Identität. Die Antwort, die er schließlich erhielt, war schmerzhaft. Seine Mutter war inzwischen verstorben. Nach rund einem halben Jahrhundert war damit die Hoffnung auf ein Wiedersehen endgültig erloschen.
Doch die Geschichte endete an dieser Stelle nicht. Denn bei der Aufarbeitung seiner persönlichen und rechtlichen Verhältnisse stellte sich heraus, dass die Verbindung zu Deutschland keineswegs vollständig abgerissen war. Aufgrund seiner Abstammung von seiner deutschen Mutter hatte mein Mandant die deutsche Staatsangehörigkeit bereits durch Geburt erworben. Plötzlich bekam ein Stück seiner Biografie, das über Jahrzehnte fast nur noch aus Erinnerungen und offenen Fragen bestanden hatte, auch eine ganz konkrete Bedeutung. Ich durfte ihn in diesem Verfahren anwaltlich begleiten. Die notwendigen Anträge und Nachweise wurden zusammengestellt und gegenüber den deutschen Behörden, insbesondere über die Deutsche Botschaft in Ankara, geltend gemacht.
Ein sprachloser Deutscher
Nach rund fünf Jahrzehnten seines Lebens in der Türkei erhielt der in Bremen geborene Mann schließlich seine deutschen Ausweispapiere. Es war im rechtlichen Sinne die Dokumentation einer Staatsangehörigkeit, die bereits seit seiner Geburt bestand. Menschlich bedeutete es jedoch sehr viel mehr. Denn wenig später machte er sich auf den Weg nach Deutschland, zurück in das Land, in dem er geboren worden war und das er als kleines Kind verlassen hatte. Er kam in ein Land zurück, dessen Staatsangehöriger er sein ganzes Leben lang gewesen war, dessen Sprache er aber nicht sprach. Kein Wort Deutsch.
Gegenseitiges Kennenlernen
Auch darin liegt eine bemerkenswerte Ironie der europäischen Migrationsgeschichte. Biografisch war ihm Deutschland nach einem halben Jahrhundert nahezu fremd geworden. Und dennoch begann er hier erneut, zu suchen.
Dieses Mal suchte er nicht mehr nur nach seiner Mutter. Er suchte nach den Spuren seiner Familie, nach Verwandten und damit nach den Menschen, die ihn mit jenem Teil seiner Herkunft verbanden, den er jahrzehntelang nur aus der Ferne gekannt hatte.
Wir sprechen heute häufig über „die Gastarbeitergeneration“. Hinter diesem Begriff verbergen sich Millionen ganz unterschiedlicher Biografien. Gerade deshalb besitzt diese Geschichte für mich als Vorsitzenden der Deutsch Türkischen Vereinigung 2010 auch einen besonderen Bezug zu Pforzheim. Pforzheim und Nevsehir sind heute Partnerstädte. Betrachtet man die Lebenswege der Menschen, wird die Entfernung plötzlich sehr viel kleiner. Die Städtepartnerschaft lebt davon, dass Menschen einander kennenlernen. Sie lebt von Schülern und Jugendlichen, die sich begegnen, von Kultur, Musik und Sport, von gegenseitigen Besuchen und nicht zuletzt davon, dass wir uns für die Geschichten der jeweils anderen interessieren.

