Trotz Widerstände sind sie seit langem innig verbunden: Kathrin Schmitt-Nakatenus und Ruth Nakatenus (rechts). Foto: Fux
Pforzheim
Pfarrerin Ruth Nakatenus unterstützt ihre Frau, die früher ihr Mann war
  • Silke Fux

Pforzheim. Die evangelische Pfarrerin Ruth Nakatenus und ihre Frau Kathrin wollen mit ihrer persönlichen Lebensgeschichte anderen Menschen Mut machen und hoffen, dass ihnen und auch anderen Betroffenen gegenüber nicht Vorurteile und Animositäten aufkommen. Doch dazu gibt es überhaupt keinen Grund. Denn wenn die stille, zurückhaltende Trans-Frau Kathrin Schmitt-Nakatenus ihre Geschichte erzählt, dann kommen viele schmerzliche Erlebnisse und Erinnerungen hoch, ein Leben mit Depressionen, Intoleranz, Ausgrenzung und Mobbing, teilweise im engsten Familienkreis.

Kathrin war anders als andere und merkte dies bereits als Kind in der Grundschule. Die heute 61-Jährige steckte über Jahrzehnte im falschen, nämlich in einem männlichen Körper, der so gar nicht zu ihrer sehr sensiblen Person und Art passte. Doch bis aus Martin Kathrin wurde – die abschließende geschlechtsanpassende Operation liegt jetzt gerade rund zwölf Wochen zurück – vergingen Jahre, ein Leidensweg, eine emotionale Achterbahn mit vielen tiefen Talstrecken, aber auch einigen Lichtblicken am Ende des Tunnels.

„Ich bin stolz auf meine Badische Landeskirche“, sagt Ruth Nakatenus mit einem Lächeln und erinnert sich an die Reaktion des Oberkirchenrats auf die Transsexualität. „Eine Scheidung wäre schlimmer.“ Doch die kam für die beiden überhaupt nicht in Frage. Denn Ruth Nakatenus kommt es nicht auf das Geschlecht, sondern auf das Wesen des Menschen an, den sie liebt.

Kirchenleitung informiert

Die evangelische Pfarrerin ging offen mit der Transsexualität in der Partnerschaft, aber auch mit ihrer Gemeinde um. Die 60-Jährige machte kein Geheimnis daraus, informierte nicht nur die oberste Kirchenleitung, sondern auch den Ältestenkreis der Thomasgemeinde, der hinter ihr steht. „Wir wollen Sie als Pfarrerin behalten, dies ist für uns kein Problem“, bekamen die beiden oft zu hören und freuen sich, dass sie in ihrer Gemeinde auf viele aufgeklärte und tolerante Menschen gestoßen sind. „Der Rückhalt von Kirche und Gemeinde tun gut“, sagt das Paar.

Und über eine einzelne Reaktion damals können die Frauen mittlerweile schmunzeln: „Unsere Pfarrerin hat ihren Mann zum Teufel gejagt und lebt nun mit einer Frau zusammen“, teilte ein Gemeindemitglied dem Bischof mit.

In Kathrins engstem Familienkreis, bei Tanten, Onkeln und Cousinen, waren die Reaktionen keineswegs zum Schmunzeln, sondern eiskalt und knallhart. Als Kathrin zu Familienfeiern kam, wechselte die Verwandtschaft, die anfangs noch am oberen Tischende bei Kathrin saß, ganz nach unten und ließ die Trans-Frau alleine sitzen. Ein Schlag ins Gesicht ist für Kathrin auch immer wieder, wenn Personen, die sie noch aus früheren Tagen kennen, versehentlich in einem Restaurant laut sagen: „Ich bestelle das gleiche Getränk wie er.“ „Das tut sehr weh, besonders die Blicke, mit denen Kathrin, die auf ein sehr gepflegtes Äußeres achtet, dann argwöhnisch gemustert wird. Die Augen wandern auf ihre rot lackierten Finger- und Zehennägel, auf ihre weiblichen Rundungen, die Kleidung, ihren Schmuck, Haare und Handtasche und vieles mehr. Aber ihre breiten Schultern und die eher tiefe Stimme fallen auf.

Ein beschwerlicher Weg

Ruth Nakatenus ist mittlerweile rund 18 Jahre mit ihrer Trans-Frau, die sie ursprünglich als Mann mit dem Namen Martin kennenlernte und die sich seit 2009 auf den Weg zur Frau machte, verheiratet. Dass die Pfarrerin und ihre Frau Fotos aus Kathrins männlicher Zeit, als sie äußerlich noch im Körper eines Mannes steckte, aus ihren persönlichen Fotoalben verbannen, zeigt, wie hart und steinig Kathrins Weg war.

Kathrin, die in einem kleinen Dorf bei Bruchsal mit katholisch-konservativer, traditioneller Moral in sehr engem Verhältnis mit ihren Cousinen aufwuchs, war immer ruhig, introvertiert, zurückhaltend und konnte außergewöhnlich gut zeichnen, hatte ein visuelles Talent. „Das hing wohl damit zusammen, dass ich ein weibliches, intuitives, kreatives Gehirn habe“, ist Kathrin Schmitt-Nakatenus überzeugt. Auch notenmäßig hatte das Kind, das eine Klasse übersprang und so ein Jahr früher aufs Gymnasium kam, kein Problem, aber das Mobbing aufgrund des Andersseins, begleitete die hochsensible und hochbegabte Person, die Kunst studierte und Grafikdesignerin ist, ihr ganzes Leben lang. „Die musischen Dinge waren die Retter der Psyche“, sagt Kathrin heute, die sich damals in ihre Lesewelt flüchtete und zurückzog, zeichnete oder sich ans Klavier setzte.

Schon als Junge hätte sie in früher Kindheit gerne eine Puppe zum Spielen gehabt, was in der damaligen Zeit noch unmöglich war. „Mit Fischertechnik konnte ich nichts anfangen, aber meine damaligen Spielzeugautos der 1960er sollten eine möglichst hübsche Karosserie und bunte Farben, gerne auch pink, haben“, erinnert sich Kathrin. Bereits im Kindergarten sagten die Erzieherinnen zur Mutter: „Ihr Bub ist ganz anders als die anderen.“ Schon damals passten Körper, Geschlechterrolle und Verhalten nicht zusammen. „Man wird anders wahrgenommen und behandelt“, weiß Kathrin, die mit 30 schon gerne Frau geworden wäre. „Doch ich wusste, dass das meine Familie nicht mitmachen würde, und hatte besonders Angst, was ich meiner Mutter damit antun würde.“ Der Plan war dann Ende der 1980er Jahre verworfen – Panikattacken und Depressionen die Folgen. Hinzu kam die lange Prozedur – angefangen bei der Psychotherapie, über das verordnete mindestens einjährige Alltags- und Probeleben als Frau, bis zur medizinischen Hormonumstellung und weiteren Maßnahmen. In dieser Art Bewährungszeit lebt ein Mann als Frau und zwar öffentlich.

Transsexuelle Personen werden quasi gezwungen, sich lange vor einer körperlich hilfreichen Hormontherapie wie männliche Transvestiten zu verkleiden, obwohl Transsexualität ein ganz anderes Thema als zeitweises „Cross-Dressing“, also Travestie, ist. Jahre später – nun an der Seite der Pfarrerin der Thomaskirche – fand die Trans-Frau den Mut, ihren Weg zu gehen. Den Alltagstest als Frau durfte Kathrin schließlich aufgrund der öffentlichen Person von Pfarrerin Ruth Nakatenus im geschützten Rahmen ohne totales Outing leben, beispielsweise bei privaten Treffen mit Freunden oder bei unerkannten Stadtbummeln. Allerdings warf die Trans-Frau das Familienmobbing ihrer Ursprungsfamilie, die auch ihre Mutter ausstieß, die zu Kathrin stand, um Jahre zurück. Nun hoffen Pfarrerin Ruth Nakatenus und Kathrin Schmitt-Nakatenus, deren Busenmerkmale sich bereits mit der Hormontherapie 2010 auf ganz natürliche Weise gebildet hatten, dass jetzt nach der „großen“ OP die innere Zerrissenheit und die Ängste im Kontakt mit Menschen der Vergangenheit angehören.