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Frank Kalenda, Leiter Sozialdienst Eingliederung, berät mit Karin M. in der Außenwohngruppe, wo sie günstig Lebensmittel einkaufen kann.  Foto: Meyer 

Pforzheimer Wichernhaus ist für obdachlose Frauen mehr als nur ein Dach über dem Kopf

Pforzheim. Die eine liegt im Bett. Daddelt am Handy. Nennen wir sie Agathe. Die Frau um die 40 lebt seit ein paar Wochen im Wichernhaus der Stadtmission an der Westlichen Karl-Friedrich-Straße 120. Reden will sie nicht. Wahrscheinlich nicht nur mit der Presse. Auch mit ihrer Zimmergenossin auf Zeit, nennen wir sie Thekla, bleibt sie stumm. Nur, als gefragt wird, ob ein Foto, gerne anonym gemacht werden könnte, kommt Gegenrede. Beide Frauen verschwinden aus dem Zimmer, das trotz geöffnetem Fenster total verraucht ist. Sie ziehen sich zurück. Doch die Möglichkeiten im Haus sind begrenzt. Deshalb soll nun ein Fernsehgerät im Frauenbereich installiert werden. „Sich mit den Männern im Aufenthaltsraum auf ein Programm zu einigen, ist oft schwierig“, weiß Frank Kalenda, Leiter des Sozialdiensts Eingliederung. Streit und Meinungsverschiedenheiten sollen so vermieden werden und die Frauen auch etwas mehr Privatsphäre erhalten.

Auch, wenn Frauen oft nicht so lange wie Männer im Haus blieben, sei das wichtig. „Sobald sie stabilisiert sind, können sie in eine Außenwohngruppe ziehen.“ Das Wichernhaus selbst habe einen eher abschreckenden Charakter. Das sei bekannt.

"Wir arbeiten mit den Bewohnern aber immer auf, warum sie in die Lage gekommen sind, dass sie im Wichernhaus aufgenommen wurden. Angst spielt eine große Rolle."

Gieso Wege, Leiter der Fachberatungsstellen

Wichtig sei, dass sich Frauen, die von Obdachlosigkeit bedroht sind, auf das Angebot der Sozialarbeiter einlassen und tagesstrukturierende Maßnahmen erlernen. „In Zeiten der Pandemie ist das natürlich schwierig“, erklärt Kalenda. Derzeit seien die Mahlzeiten die einzigen festen Rituale am Tag.

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Im Aufenthaltsraum treffen sich die Bewohner des Wichernhauses zum Fernsehen genauso wie zum Essen oder auch mal, um ein Gesellschaftsspiel zu machen. Foto: Moritz

Im Aufenthaltsraum sitzen die Bewohner des Hauses zusammen. Der eine hat an diesem schönen Morgen schon einen kleinen Spaziergang durch die Stadt gemacht. Die anderen sitzen rauchend da und warten auf das Mittagessen. Auch hier wird nicht viel geredet. „Das ist ganz normal“, weiß Kalenda. Hier entstünden keine Freundschaften. Meist laufe den ganzen Tag der Fernseher, dessen Programm aber irgendwie auch egal zu sein scheint.

Viele Angebote wegen der Pandemie nicht möglich

Derzeit könnten lediglich Beratungsgespräche mit den Mitarbeitern angeboten werden. Andere tagesstrukturierende Angebote, dass sich die Bewohner ein neues soziales Gefüge aufbauen, wenn möglich, ein Sportangebot nutzen, seien aufgrund der Pandemie nicht möglich. „Wir arbeiten mit den Bewohnern aber immer auf, warum sie in die Lage gekommen sind, dass sie im Wichernhaus aufgenommen wurden“, berichtet Gieso Wege, Leiter der Fachberatungsstellen. „Angst spielt eine große Rolle.“ Diese gelte es, zu überwinden. Die Einsamkeit sei die größte Gefahr im Kopf.

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Während des Gesprächs erhält Wege einen Anruf von der Pforte: Dort wartet eine Frau auf ihn, die bis vor Kurzem im Wichernhaus gewohnt hat und nun in eine Außenwohngruppe gezogen ist. „Sie benötigt Hilfe beim Sortieren ihrer Post“, berichtet der Leiter der Fachberatungsstellen. „Das ist ganz normal, dass unsere ehemaligen Bewohner kommen und den Kontakt halten. Sie sind immer herzlich willkommen.“ Oft wollten sie nur ein Schwätzle halten. Manchmal seien es auch wichtige postalische Dinge, die keinen Aufschub dulden.

Außenwohngruppe renovierungsbedürftig

Dieser fließende Verlauf, der ständige Kontakt, sei wichtig, damit der Übergang vom stationären Aufenthalt hin zur Außenwohngruppe funktioniere. Karin M. lebt in einer solchen. Die 59-Jährige ist vor Jahren bei ihrem Mann ausgezogen. „Eine Zeit lang hat mich eine Freundin aufgenommen, dann durfte ich bei der Nachbarin wohnen“, erinnert sie sich. „Und irgendwann hatte ich niemanden mehr.“ Noch heute liegt sie jede Nacht im Bett und es plagen sie die Wirren ihres Lebens. Der Weg ins Wichernhaus war ein Schritt, den Karin M. nicht vergessen wird. Schnell sei es gelungen, die Frau zu stabilisieren.

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Das Zimmer im Wichernhaus, das sich zwei Frauen teilen können, ist neu renoviert. Ein Fernseher soll nun angeschafft werden. Foto: Moritz

Und so lebt sie nun in der Außenwohngruppe. Die Zimmer sind abgewohnt und eng. „Ich habe mir das mit einem kleinen Balkon ausgesucht“, verrät sie stolz. „Das ist wunderschön.“ „Die Wohnung muss renoviert werden“, sagt Frank Kalenda. „Bis die Arbeiten erledigt sind, wohnt Karin M. hier alleine.“ Das sei gerade in Zeiten der Pandemie traurig. Denn so bleibt sie nicht nur beim Zubereiten der Mahlzeiten alleine. „Ich koche gerne“, plaudert die Frau. Heute wird es beispielsweise einen Nudelauflauf geben. Mit der spärlichen Küchenausstattung sei schon die Zubereitung dieses Gerichts eine echte Herausforderung. Es fehlt an funktionsfähigen Geräten genauso wie an Grundmaterialien.

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In der Außenwohngruppe für Frauen ist die Küche in die Jahre gekommen, und Geräte sind defekt. Diese soll nun ersetzt werden. Foto: Meyer

„Menschen in Not“ wird deshalb für die Außenwohngruppe der Frauen die Kosten einer neuen, ganz spartanischen Küche übernehmen. Karin M. freut sich. „Mit mehreren Frauen gemeinsam zu kochen, das wird etwas ganz Besonderes werden.“

Susanne Knöller

Susanne Knöller

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