Constantin Schreiber wünscht sich generell mehr Zuversicht. Seiner Ansicht nach herrscht in Deutschland ein Urmisstrauen.
Sebastian Fuchs
Pforzheim
„Positives findet einfach nicht mehr statt“: „Tagesschau“-Sprecher Constantin Schreiber im PZ-Interview

Pforzheim. Wenn Constantin Schreiber in der „Tagesschau“ in den vergangenen Jahren die Nachrichten vorgetragen hat, waren diese häufig vor allem eines: schlecht. Wann es selbst dem 43-jährigen Journalisten zu viel wurde, wie er es heute trotzdem schafft, glücklich zu sein, und was die Menschen im Nahen Osten den Deutschen voraushaben, darum geht es in seinem Buch „Glück im Unglück“. Am Montag, 24. April, ist er im PZ-Autorenforum zu Gast.

Pforzheimer Zeitung: Herr Schreiber, immer mehr Menschen konsumieren absichtlich keine Nachrichten mehr. Können Sie das verstehen?

Constantin Schreiber: Die schlechten Nachrichten sind in den vergangenen Jahren in einer Dichte auf uns eingeprasselt, dass ich schon nachvollziehen kann, wenn man sagt: Ich brauche davon eine Pause. Aber finde ich das richtig? Nein. Als Journalist ist es mir wichtig, dass Menschen informiert sind und an unserer Demokratie teilhaben. Allerdings hilft es auch niemandem, wenn Menschen verängstigt und deprimiert sind angesichts der Weltlage.

Sie beklagen in Ihrem Buch unter anderem einen Paniktrend. Eine negative Grundstimmung ist in diesen Krisenjahren doch aber nicht überraschend.

Ich denke schon, dass die Allumfänglichkeit der schlechten Nachrichten etwas Neues ist, insbesondere wegen des Einflusses Sozialer Medien und der zunehmenden Digitalisierung. Früher konnte man die Zeitung auch einfach mal weglegen oder im Fernsehen lief nach den Nachrichten eben eine Unterhaltungssendung. Da waren Ablenkung und Zerstreuung ganz natürlich auch Teil dessen, was ich konsumierte. Heute ist das anders: Einmal angefangen, schlechte Nachrichten im Handy zu lesen oder bei Youtube zu schauen, versorgen mich die Algorithmen zuverlässig mit immer mehr bad news und Positiveres oder Zerstreuendes findet einfach nicht mehr statt.

Zu Beginn des Ukraine-Krieges schreiben Sie, Sie haben Nachrichten vorgetragen und dabei selbst weggehört. Wie ist das heute?

Es ist mir ein einziges Mal passiert, dass ich während einer 20-Uhr-Sendung sozusagen auf Autopilot geschaltet hattet, weil ich merkte, die Flut an schlechten Nachrichten und Bildern von leidenden Frauen und Kindern durchbricht gerade meine emotionale Hülle. Das ist natürlich nichts, was man als Moderator möchte. Ich will ja gerade eine Verbindung zu dem Text, dem Inhalt herstellen, um ihn transportieren und vermitteln zu können. Gott sei Dank war es eben ein einmaliges Erlebnis, das mich aber ins Grübeln gebracht hat – und letztlich die Inspiration für mein Buch war.

Dinge wie Reisen oder Klavierspielen machen Sie persönlich glücklich. Ist das nicht eine sehr privilegierte Sichtweise aufs Glück?

Richtig ist – das bestätigen Wissenschaftler in Studien –, dass es schwerfällt, glücklich zu sein, wenn man arm ist. Aber: Sobald wir ausreichend Mittel haben, um unsere Grundbedürfnisse zu befriedigen – Wohnen, Essen, Kleidung – fällt der Zusammenhang zwischen Geld und Glück sehr schnell in sich zusammen. Ab relativ niedrigem Niveau macht mehr Geld nicht mehr glücklich, sondern es sind andere Dinge: Geselligkeit, Natur, Humor, Neugier. Und da muss es nicht eine weite Reise oder ein teures Instrument sein. Der Effekt, den Natur auf unser Wohlbefinden hat, ist gleich, egal ob es der Stadtpark oder der Himalaya ist. Oder auch, ob man Klavier spielt oder einfach mit anderen gemeinsam singt.

Täte uns ein bisschen mehr Eskapismus – also die Flucht vor der Realität – manchmal gut?

Eskapismus ist ja leider ein sehr negativ besetzter Ausdruck, weil er danach klingt, als wolle man der Wirklichkeit den Rücken kehren. Dabei gibt es einen positiven Eskapismus, wenn wir aus der inneren Auszeit neue Kraft schöpfen, um Probleme und Herausforderungen anzupacken. Insofern kann Eskapismus auch ein temporäres Umschalten und eben kein Abschalten sein. Hin zu etwas, das uns inspiriert und ermutigt.

Sie erklären in Ihrem Buch das „Inschallah“-Prinzip. Was verbirgt sich dahinter genau? Und wie hilft es Ihnen im Alltag?

Letztlich verbirgt sich dahinter ein ganz zentraler Aspekt, der eng mit der Charakterstärke Optimismus verbunden ist. Nämlich: Urvertrauen. Im Nahen Osten sagen viele Menschen – auch wenn die Bedingungen nicht günstig sind – „Inschah Allah“ – „so Gott will“. Sei es, wenn der Bus nicht kommt oder angesichts schwierigster politischer Entwicklungen. Daraus spricht aber auch die Haltung „irgendwie wird es schon werden“. Man geht davon aus, dass am Ende eine Lösung steht, dass es schon gut wird. Das ist das Urvertrauen, das ich bei uns in manchen Debatten vermisse, die im Gegenteil eher vermitteln „nichts wird gut“, also ein Urmisstrauen vermitteln. Ich würde mir wünschen, dass wir das ändern können und wieder zuversichtlicher werden.

Müssen wir nicht wissen, wie schlecht es um die Welt steht, um etwas dagegen zu tun – etwa beim Klimawandel?

Nachrichten sind Nachrichten. Und natürlich müssen wir Probleme und Entwicklungen so benennen, wie sie sind. Das ist wichtig, damit wir informiert sind und die richtigen Entscheidungen treffen können. Aber häufig beobachte ich, dass es eben kein sachliches Berichten ist, das uns medial begegnet, sondern das Hantieren mit verschiedenen Untergangsszenarien, die in der Drastigkeit eher ängstigen und lähmen. Dabei bin ich überzeugt, dass wir Menschen viel mehr und positivere Energie freisetzen, wenn wir das Gefühl haben, wir sind Herr unseres Handelns.

Constantin Schreiber ist am Montag, 24. April, um 19 Uhr im PZ-Autorenforum zu Gast. Karten kosten 11 Euro (7 Euro mit AboCard) und sind telefonisch unter (07231) 933-125 oder hier erhältlich.