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Reuchlins Geburtstag vor 565 Jahren feiern Schulleiter Kai Adam, Schülerin Antonia, Museumspädagogin Eleni Engeser, Pfarrerin Heike Reisner-Baral, Schülerin Teresa, die stellvertretende Kulturamtsleiterin Claudia Baumbusch und Lehrerin Kathrin Schlittenhardt (von links).  Foto: Roller 

„Reuchlin wäre heute auf allen Social-Media-Kanälen unterwegs“: Reuchlin-Gottesdienst zwischen damals, heute und morgen

Pforzheim. Zum 565. Mal hat sich am vergangenen Mittwoch der Geburtstag von Johannes Reuchlin gejährt. Mit Erasmus von Rotterdam gilt er als einer der wichtigsten Humanisten Europas. „Reuchlins Botschaft ist so unverbraucht und neu wie eh und je“, sagt Pfarrerin Heike Reisner-Baral, als sie am Sonntagmorgen in der gut besuchten Schloßkirche zusammen mit der stellvertretenden Kulturamtsleiterin Claudia Baumbusch, mit Zehntklässlern und dem Chor des Reuchlin-Gymnasiums einen Gottesdienst gestaltet, der ganz im Zeichen des großen Humanisten steht.

Reisner-Baral erinnert an Reuchlins Aufruf, nichts zu verachten, nur weil es fremd ist. Die Pfarrerin erzählt die Geschichte von einem alten, im Seniorenheim lebenden Mann und einem als Pfleger arbeitenden Migranten. Zwei Menschen, die ein Wunsch verbindet: dass es nie wieder Krieg gibt. In ihren Fürbitten ruft die Pfarrerin Gott an: Hass und Bitterkeit sollen keine Chance mehr haben, Menschen nicht wegen ihrer Andersartigkeit ausgeschlossen werden. Gott möge den Menschen helfen, die sich für andere einsetzen. Und er möge ihnen die Kraft geben, nicht zu resignieren. Claudia Baumbusch sagt, Reuchlin sei ein „Anwalt von Toleranz und Menschenrechten“ gewesen. Etwa, indem er sich trotz drohender Gefahren für die Erhaltung der jüdischen Schriften eingesetzt hat.

Die stellvertretende Kulturamtsleiterin stellt das neue Digitalprojekt vor, das zu Ehren des Humanisten entwickelt wurde, dessen Karriere einst in Pforzheim begann – in einer Zeitenwende, die den Buchdruck als Medienrevolution hervorbrachte. Im angrenzenden Museum Johannes Reuchlin werden auf mehreren Stockwerken sein Leben und sein Werk dokumentiert.

Mit dem Digitalprojekt „Reuchlin 4.0“ versuche man, die Botschaften des Humanisten für ein Publikum zu erschließen, das mit dem digitalen Wandel groß geworden ist. Baumbusch ist sicher: „Reuchlin wäre heute auf allen Social-Media-Kanälen unterwegs.“ Die stellvertretende Kulturamtsleiterin sagt, man wolle neue Vermittlungsformen entwickeln, sowohl digitale als auch analoge. Zusammen mit Schülern hat man Ideen dafür gesammelt. Zugänglicher und zukunftsfähig soll das Museum werden und am Beispiel von Reuchlin das kulturelle Erbe der Stadt vermitteln. Dabei geht es laut Baumbusch aber nicht darum, einen Mediaguide zu entwickeln, der die Schüler gelenkt durch die Ausstellung führt: Stattdessen sollen sie durch Arbeitsaufträge selbst aktiv werden. Etwa, wenn sie mehr über den Reuchlin-Pfefferkorn-Streit erfahren wollen. Die beiden Zehntklässlerinnen Antonia und Teresa vom Reuchlin-Gymnasium berichten von zwei Projekttagen, an denen sie im vorigen Jahr für das Museum kurze Erklärvideos erstellt haben.