Pforzheim. Albrecht Müller (81) veröffentlicht seit mehr als fünf Jahrzehnten Bücher. Am Montag kommt der gebürtige Kraichgauer nach Pforzheim und stellt im PZ-Autorenforum sein jüngstes Werk vor: „Glaube wenig - Hinterfrage alles - Denke selbst“. Laut Müller ist das sein bisher am meisten gefragtes Buch. Allein schon dank Mundpropaganda habe es der Titel in die Spitzengruppe der Bestsellerliste geschafft. „Wie man Manipulationen durchschaut“ lautet der Untertitel. Das ist gleichzeitig ein zentrales Anliegen des namhaften Autors. Wie es dazu kam, verrät er am Montag im PZ-Autorenforum. Im PZ-Interview erzählt er schon jetzt davon und spricht über das, was ihn mit der Goldstadt verbindet.
PZ: Herr Müller, der Titel Ihres Buches kann synonym zur Aufforderung „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ von Immanuel Kant verstanden werden. Sehen Sie sich in dessen Tradition?
Albrecht Müller: Das dürfte ein bisschen hoch gegriffen sein. Aber weil ich das schon 55 Jahre mit meinen Büchern betreibe, fühle ich mich schon so. Da gab es zum Beispiel „Die Reformlüge“ über die Agenda 2010 oder „Die Meinungsmache“ und vor allem mit der Gründung der „NachDenkSeiten“ im Internet habe ich immer versucht, einen Beitrag dazu zu leisten, dass wir gute politische Entscheidungen kriegen. Das ist eigentlich das Ur-Motiv. Denn ich habe oft beobachtet, dass häufig Propaganda und Meinungsmache zu politisch schlechten Entscheidungen führen.
PZ: Damit haben Sie die Frage, warum heute wieder Aufklärung nötig ist, fast schon beantwortet.
Albrecht Müller: Ja, Aufklärung ist nötig, weil wir umgeben sind von massiven Kampagnen der Meinungsbeeinflussung. Zwei Beispiele dazu, eines betrifft auch Pforzheim. Das erste hat mit uns allen zu tun. So ist 1997/98 im Vorfeld des Wahlkampfs eine Riesenpropaganda wegen der Rente und des demografischen Wandels gelaufen. Es wurde so dargestellt, als wäre das Älterwerden etwas ganz Schreckliches für uns. Der Generationenvertrag würde nicht mehr funktionieren. Die Schlussfolgerung war, dass man eine staatlich geförderte Privatvorsorge einführte, die Riester-Rente. Das andere: Ich bin gut 60 Kilometer entfernt von Pforzheim in Meckesheim im Kraichgau aufgewachsen und konnte 1945 am Nachthimmel sehen, als bombardierte Städte ringsum uns brannten: Bruchsal, Heilbronn, Heidelberg, Mannheim, Pforzheim. Das hat sich bei mir eingeprägt. Schon deshalb bin ich gegen Krieg. Und jetzt ist es ja so, dass wir uns 1990 einig waren, dass wir die Sicherheit in Europa gemeinsam organisieren und nicht mehr gegeneinander aufrüsten wollen. Diese prima Konstellation ist auf den Kopf gestellt worden. Wir sind wieder beim Aufrüsten, wir führen mit anderen zusammen wieder Krieg. Bei der Münchner Sicherheitskonferenz sagten drei Repräsentanten unseres Staates, wir müssten als Land wieder Verantwortung übernehmen. Dafür bin ich auch – aber nicht mit dem Militär.
PZ: Welcher Fall ist in Ihren Augen der gravierendste Fall von Meinungsmache?
Albrecht Müller: Schon die beiden von mir erwähnten. Der demografische Wandel und die Zerstörung der Leistungsfähigkeit der gesetzlichen Rente, die hängt nämlich eng damit zusammen und damit die Programmierung von Altersarmut. Die andere, dass wir nicht mehr in gemeinsamer Sicherheit mit Russland leben können, sondern dass das Feindbild neu aufgebaut worden ist. Das ist ein ganz gravierender Vorgang, denn ich möchte, dass meine demnächst sieben Enkel auch in Frieden leben können.
PZ: Sie prangern den Neoliberalismus an. Hat der nicht mittlerweile abgewirtschaftet?
Albrecht Müller: Ja, schon richtig. Man merkt es ja an vielen Stellen. Die Privatisierung hat sich zum Beispiel bei Sozialwohnungen als absoluter Flop erwiesen. Zwei Kapitel, die ich für zentral halte, habe ich auch der dahintersteckenden Ethik gewidmet. Ich habe ja beides erlebt, den Einzug des Neoliberalismus mit der Behauptung, jeder sei seines Glückes Schmied oder auf die Straße übertragen: „Freie Fahrt für freie Bürger!“ Und ich habe Willy Brandt erlebt mit der Aufforderung an die Menschen, auch an den anderen zu denken. Dahinter steckt ein anderes Wertebewusstsein. Nämlich, dass wir alle aufeinander angewiesen sind. Nachdem wir gemerkt haben, was die neoliberale Ideologie uns angetan hat, müssten wir insgesamt umdenken. Wir müssten sagen: Jawohl, Solidarität ist ein ganz wichtiger Grundwert. Und wir müssten wieder solidarisch miteinander umgehen. Das wäre dann eine Gesellschaft, in der sich vermutlich viele Menschen aufgehoben fühlen würden, mehr als heute.
Zur Person: Albrecht Müller
Albrecht Müller wurde 1938 in Heidelberg geboren und wuchs in Meckesheim im Kraichgau auf. Er studierte in Mannheim, Berlin, München und Nottingham Volkswirtschaftslehre. Später war er Planungschef im Bundeskanzleramt unter den Bundeskanzlern Willy Brandt und Helmut Schmidt. Von 1987 bis 1994 war der Sozialdemokrat Mitglied des Deutschen Bundestages und ist seit 2003 als Autor und Mitherausgeber der NachDenkSeiten tätig. Müller ist Mitglied der SPD geblieben, auch wenn er ihre aktuelle Politik kritisch betrachtet.
Info: Eintrittskarten
Tickets für die Buchvorstellung mit Albrecht Müller am Montag, 19. Februar, 19 Uhr im PZ-Forum (Ecke Post-/Luisenstraße) gibt es für 8,50 Euro (5,50 Euro mit PZ-Abocard) unter Telefon (07231) 933125 oder online unter www.pz-forum.de

