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PZ-Redakteur Simon Walter testete die Nagold im Selbstversuch
14.08.2014

Schwimmen im Fluss: Ein Badespaß mit Restrisiko

Anders als oft angenommen, ist das Schwimmen in Flüssen fast überall erlaubt. Die Qualität von Nagold, Enz und Würm hat sich sogar verbessert – und doch gibt es gute Gründe, die gegen das Schwimmen in Fließgewässern sprechen.

Es sind vergnügliche Erinnerungen, die viele PZ-Leser mit Nagold, Enz und Würm verbinden: Pia Meisenbacher etwa, die in Birkenfeld aufwuchs und sich am Badeplatz „Dampfbatsch“ an der Enz austobte. „So hat man die Wäscherei im Industriegebiet Birkenfeld genannt“, erinnert sie sich. Oder Frank Kienzler, der sich am Messplatz kaputte Lkw-Schläuche holte und die Wasserfälle bis zum Turnplatz hinuntersauste.

 

Doch die Flüsse bergen auch Gefahren: Vor wenigen Wochen starb ein Betrunkener, der in den Enzkanal gestürzt war. Zunächst hatten ihn Passaten noch aus dem Wasser gezogen. Später erlag er jedoch seinen Verletzungen. Und im März 2012 wurde ein toter Pforzheimer aus dem Wasser gezogen.

Planschen im fließenden Gewässer: Was vor 120 Jahren in Flussbädern noch die Regel und vor 50 Jahren noch recht weit verbreitet war, ist heute die Ausnahme.

Erinnern Sie sich noch an damals? Klicken Sie sich durch das Archiv der PZ und der Stadt Pforzheim. Archivartikel können Sie per Mausklick auch herunterladen.

Dabei hat sich die Wasserqualität der Flüsse und Bäche in den vergangenen Jahrzehnten verbessert. "In den 70er und 80er Jahren hat man durch den Ausbau der Kläranlagen große Fortschritte gemacht", sagt Uwe Kaudel, stellvertretender Leiter Umweltamtes im Landratsamt Enzkreis. Dennoch empfiehlt weder Kaudel noch Armin Aydt, sein Kollege im Pforzheimer Umweltamt, Nagold, Enz und Co. als Badeplatz.

Soll heißen: Fäkalbakterien und Salmonellen, die Durchfall, Fieber und Ausschläge auslösen können, können sind auch heute nicht auszuschließen. Allerdings ist die Qualität der hiesigen Flüsse und Bäche, so Kaudel, „seit einigen Jahren auf einem relativ gutem Niveau“. Dass er sie dennoch nicht zum Baden empfiehlt, liegt auch daran, dass das Landesgesundheitsamt Hygiene-Werte nur für offizielle Badegestellen ermittelt. 2296 gibt es in Deutschland, 31 davon liegen an Flüssen. „Wir haben im Enzkreis nur eine Stelle, die amtlich überwacht wird und empfehlen daher nur sie“, sagt Kaudel: „Der Tiefe See in Maulbronn.“

Hier können Sie sich die Karte der offiziellen Badestellen in Baden-Württemberg ansehen.

Dem Tiefen See in Maulbronn bescheinigen die Prüfer seit 2011 eine ausgezeichnete Qualität. Verunreinigungen durch gesundheitsschädliche Keime? Fehlanzeige. „Für die kleineren Flüsse und Bäche werden diese Werte nicht erhoben“, sagt Tatjana Erkert, Pressesprecherin der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg (LUBW). Und doch sind auch diese auf Gewässergütekarten eingezeichnet. Der Grund: Für die Karten werden der Sauerstoffgehalt, die Belastung durch Ammoniumstickstoff und der biochemische Sauerstoffbedarf genutzt. Zur Ermittlung der Badequalität geht es auch – aber eben nicht nur – um sie.

Laden Sie sich hier die Gewässergütekarte herunter.

Die Fließgewässer in der Region schneiden dabei gut ab: Bei der 2004 erfolgten letzten Erhebung galt einzig die Enz zwischen Altstädter Brücke und Eutingen als „kritisch belastet“ (Güteklasse 2-3 von 5). Zur unbelasteten Güteklasse 1 wurde damals die Eyach gezählt, als „gering belastet“ (Güteklasse 1-2) stuften die Experten die Nagold bei Unterreichenbach, die Enz bei Neuenbürg und bei Calmbach, den Streitenbach bei Zaisersweiher, den Mühlbach in Stein und den Feldrennacher Bach ein. „Im Großen und Ganzen gab es seitdem keine dramatischen Veränderungen“, sagt Kaudel.

Nicht nur dort, sondern auch in Nagold, Enz und Würm, ist das Baden generell „als Gemeingebrauch jedermann gestattet“. So steht es im Wassergesetz des Landes.

Hier können Sie das Gesetz nachlesen. Besonders relevant für Frage der Badeerlaubnis sind die Paragraphen 20 und 21.

Einschränken können dieses Recht die Umwelt- oder Ordnungsämter – was in Pforzheim und dem Enzkreis aber nicht der Fall ist.

Bildergalerie: Archivaufnahmen vom Pforzheimer Flussbaden

Dies war einst anders, im Juli 1977 schrieb die PZ: „Auf Grund der Verschmutzung ist seit über 20 Jahren ein Flußbad nicht mehr verlockend und zudem aus hygienischen Gründen untersagt.“ Die damals üblichen Verbotsschilder sind heute verschwunden. Und doch bleiben Aydt und Kaudel dabei: keine Bade-Empfehlung – zumal nicht nur Keime den Badenden schaden könnten.

Nach Angaben der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft starben in der Bundesrepublik im Jahr 2013 mindestens 446 Personen durch Ertrinken, 181 davon kamen in Flüssen und Bächen ums Leben.

„Selbstüberschätzung, Leichtsinn, das Missachten von Warnsignalen und Sprünge in unbekannte Gewässer“, sind für DLRG-Präsident Hans-Hubert Hatje die größten Risiken. Sein Verband warnt vor dem Baden in Flüssen: Strömungen und Strudel, aber auch Brückenpfeiler und unterschiedliche Wassertemperaturen bildeten „unkalkulierbare Risiken“.

„Man muss auf jeden Fall den gesunden Menschenverstand einsetzen“, sagt Kaudel. „Das heißt: Nicht im Bereich einer Kläranlage baden, keine Risiken bei schlechter Witterung, bei Strömungen und so weiter eingehen.“ Denn schon wenn der Fluss mit fünf bis zehn Stundenkilometern fließt, kann ein Schwimmer kaum mehr gegen die Strömung ankommen: Für Stern-TV versuchte dies Schwimm-Weltmeister Mark Warnecke – und scheiterte.

Einem PZ-Leser, der sich auf Facebook zu Wort meldete, kann das aber definitiv nicht passieren:


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