Pforzheim. Nicht nur die Presse wurde während der größten Evakuierung der Pforzheimer Nachkriegsgeschichte und der Entschärfung der Fliegerbombe in ihrer Arbeit ungebührlich beschnitten – auch aus dem Gemeinderat kommt der Hinweis, dass mehr Einbindung auch dem Kontakt zur Bevölkerung genutzt hätte und das Stadtparlament zudem ja auch finanziell für die Ausstattung des Zivilschutzes verantwortlich ist: Die Stadträte also intensiver teilhaben und draufschauen zu lassen, wäre sicher kein Fehler gewesen.
Angeblich wundert er sich noch heute, der langjährige bayerische Ministerpräsident und im Jahr 2002 Fast-Bundeskanzler Edmund Stoiber (CSU), wo Last-Minute-Wahlsieger Gerhard Schröder (SPD) so plötzlich das ganze Wasser herhatte. Aber die Jahrhundertflut in Sachsen – damals als Seltenheit eingestuft – bot Schröder die Bühne für seinen legendären Gummistiefel-Auftritt, während Stoiber zauderte und so einen haushohen Vorsprung verdaddelte. Ja, in Krisen und Katastrophen schlägt die Stunde der Exekutive, der Regierenden. Die medial erfolgreichsten Krisenmanager, darunter auch Helmut Schmidt bei der Hamburger Sturmflut 1962, brauchten dafür übrigens keinen eigenen Sozial-Media-Stab, aber das nebenbei. Fakt ist, dass sich unsere Pforzheimer Exekutive beim Bombenfund, der Evakuierung und auch dem Handling bei der Entschärfung in ihrem Kerngeschäft, dem Management des Mega-Ereignisses, großartig bewährt hat. Das gilt für den Krisenstab im Rathaus um OB Peter Boch (CDU) und Bürgermeister Tobias Volle – und in ganz besonderer Weise für Pforzheims Feuerwehr und die weiteren Rettungs- und Einsatzkräfte. Volle hat Lob und Dank an alle beteiligten Mitarbeitenden am Mittwoch im Bauausschuss ausgesprochen, der ersten Sitzung im Ratssaal nach den vier Tagen im Zeichen der Bombe. Und CDU-Stadtrat Frank-Johannes Lemke hat es umgehend an Volle und die Führungsriege zurückgegeben.


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Moll-Töne im Lobgesang – oder auch Wasser im Wein – stammen aber nicht nur von der in ihrer Arbeitsmöglichkeit unangemessen beschnittenen Presse. Außerhalb der Pforzheimer CDU und ihrer assoziierten Kräfte im Ratssaal – also bei mittlerweile eher einer Minderheit des Politikbetriebs – sind ebenfalls kritische Töne zu vernehmen. Annkathrin Wulff (Foto: Röhr), Vorsitzende der SPD-Ratsfraktion, hätte das Stadtparlament an jenen vier Tagen gerne mehr eingebunden gesehen, wie sie zur PZ sagt. Nicht als Entscheider, nicht als Verkomplizierer, aber als Mittler. „Die Bürger wenden sich ja an uns“, sagt sie, „sie fragen, was ist hier los, was passiert dort?“ Sie als Stadträtin und eine von drei Landtagsabgeordneten (das Land stellt die Entschärfungsteams) sei aber keinen Deut besser oder schneller informiert worden als die Öffentlichkeit – und hätte keine vertiefende Antwort geben können. Sie hätte sich auch gerne die Unterbringung der Evakuierten in der Jahnhalle etwa angeschaut, vielleicht ein paar Worte des Trosts gefunden oder für kleine Anliegen der Betroffenen eine unkomplizierte Lösung.


Landtagsabgeordneter und Gemeinderat - Warum nicht beides?
„Wir hätten gerne mehr geholfen“,
sagt sie.
Zudem: Es ist ja der Gemeinderat, der für die finanzielle Ausstattung von Feuerwehr und Zivilschutz zuständig ist und sie nun im Großeinsatz hätte begutachten können, Wulff und die SPD hatten hierzu erst vor wenigen Tagen Gemeinderatsinitiativen ergriffen. Das mag nun alles nicht von exorbitanter politischer Sprengkraft sein, schon gar nicht angesichts von Mehrheits- und Machtverhältnissen, könnte jedoch ungut schwelen. Aber auch das lässt sich sicher, nun ja, entschärfen.



