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War etwas überrascht, dass in seinem Gen-Pool nichts Westeuropäisches (laut DNA-Testsprache gehören dazu Deutschland, Frankreich und die Benelux-Staaten) angezeigt wird. PZ-Redakteur Thomas Kurtz ist, so sagt es ein DNA-Test, überwiegend Osteuropäer und Engländer. 

Teil IV der PZ-Serie „DNA-Spuren“: Gen-Mix bleibt ein Familiengeheimnis

Deutscher Pass, die Muttersprache ist Deutsch, der Geburtsort ist Pforzheim, die Eltern waren Deutsche mit familiären Verwurzelungen in Mitteldeutschland und im Reich der Habsburger. Und dann behauptet der Computer eines texanischen Labors für DNA-Tests, dass ich vom Gen-Pool her betrachtet gar nicht zu den nordisch-kühlen Krabbenpulern oder den alpinen weißbierseligen Weißwurstzuzlern gehöre: null Prozent Westeuropäer (nach Sprachregelung der DNA-Experten).

Damit hatte ich bei meinem DNA-Test nicht gerechnet. So gar nichts Deutsches auf der Liste der Ethnien, die vom Unternehmen MyHeritage erstellt wurde. Allerdings kann dieser DNA-Test keine detaillierte Herkunft angeben. Null Prozent Westeuropäer heißt: Ich habe mit Menschen, die vor allem in Deutschland, Frankreich und in den Benelux-Staaten leben, nicht ganz so viel gemein. Ein exklusives deutsches Gen gibt es nicht. Rassetheorien, denen urdeutsche Ewiggestrige nachtrauern und die neudeutsche Rechtsaußen auf ihrem Hass-Feldzug gegen alles Fremde nachplappern, sind wissenschaftlich gesehen nur widerlegter Hokuspokus aus traurigen Zeiten, in denen man es nicht besser wissen konnte oder wollte.

DNA-Test: Redakteur Thomas Kurtz erfährt seine Ergebnisse
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DNA-Test: Redakteur Thomas Kurtz erfährt seine Ergebnisse

Dass ich zu 42,5 Prozent Osteuropäer bin, habe ich geahnt. Dass man da noch 1,7 Prozent aschkenasischer Jude aus dem Gebiet zwischen Ostsee und Schwarzem Meer hinzurechnen muss, hat mich verblüfft, ist aber verständlich. Mein Vater Dieter Kurtz wurde nämlich 1934 in Preßburg, dem heutigen Bratislava, geboren. Die Hauptstadt der Slowakei liegt in einem Dreiländereck mit Ungarn und Österreich. Es sind nur 55 Kilometer bis Wien. In meiner Kinderzeit besuchten wir dort und in Bratislava Verwandte. Da trafen sich dann auch Menschen aus der Tschechei und Ungarn.

Deutsch gesprochen, deutsch gefühlt

Gesprochen wurde Deutsch. Ob sich alle als Deutsche gefühlt haben, weiß ich nicht mehr. Die Kontakte sind abgeschnitten, die Verwandtschaft väterlicherseits, die noch ins Großdeutsche Reich integriert wurde und kurz vor Kriegsende fliehen musste, ist gestorben.

Mein Opa, so wurde es im Familienkreis erzählt, hatte kurz vorm Einmarsch der Roten Armee mit dem letzten Zug aus Preßburg seine Familie nebst Praxiseinrichtung in den Westen gerettet. In Kuchen an der Fils ließ er sich wieder als Zahnarzt nieder. Meinem Vater war das alles zu eng. Als 17-Jähriger lieh er sich den VW Käfer seines Vaters aus und parkte ihn unsanft in einem Graben. Diesem Eklat folgten noch weitere und ein Zerwürfnis mit meinem erzkonservativen Opa. Meinen Vater zog es dann nach Pforzheim, wo er seinem künstlerischen Talent folgend eine Lehre als Goldschmied begann.

Schwarze Haare, selbstbewusst, ein bisschen stolz, ein bisschen trotzig – keine Ahnung, ob das etwas mit den 12,8 Prozent Übereinstimmung mit den in Spanien oder Portugal lebenden Menschen zu tun hat. Oder mit Engländern, die zu 29,9 Prozent in meinem Gen-Pool vertreten sind. Da gibt es niemand mehr, der noch etwas darüber erzählen könnte.

Wenn Flüchtlinge Flüchtlinge ablehnen

Als mein Vater meine Mutter Eva Herold 1954 in Pforzheim kennengelernt hatte, war der nächste Streit mit den Eltern vorprogrammiert. Die selbst zuvor aus der Slowakei Geflüchteten fragten, was mein Vater denn mit einem „Flüchtlingsmädel“ wolle. Dabei wurde meine Mutter 1937 in Wimmelburg in Sachsen-Anhalt, also mitten in Deutschland geboren. Die unseligen Vorurteile gegen Fremde waren schon immer in unserer Gesellschaft präsent. Das aber ist kein Beleg dafür, dass in diesen Vorurteilen auch nur ein Körnchen Wahrheit steckt, allenfalls der Mief irrationaler Ängste.

1954 war meine Mutter als Flüchtling aus der DDR nach Pforzheim gekommen. Ihr Vater, ein Maschinenbauingenieur, musste nach dem Arbeiteraufstand in der DRR fliehen. Mit dabei waren seine Frau und die vier Mädchen. Alle mit typisch deutschen Namen, deutschen Pässen und deutscher Vergangenheit.

Woher kommen die Skandinavier und Engländer in mir?

Woher die im DNA-Test ermittelten 8,0 Prozent Skandinavier kommen, ist meiner Mutter schleierhaft. Ob es da mal einen Engländer in der Verwandtschaft gab? Hinzu kommen ja noch 5,1 Prozent Ire, Schotte und Waliser. Unbekannt. „Wie soll das denn gehen?“ Meiner Mutter fallen dazu keine alten Geschichten ein, die einst im privaten Kreis gemunkelt wurden.

So wird die Vorgeschichte meines Gen-Mixes wohl für immer ein Familiengeheimnis bleiben. Dafür weiß ich jetzt, wo meine Vorliebe für ungarisches Gulasch, spanischen Rotwein und englisches Rugby herkommt.

Das sind die Ergebnisse des DNA-Tests im Einzelnen

42,5 Prozent Osteuropäer

29,9 Prozent Engländer

12,8 Prozent Iberer

8,0 Prozent Skandinavier

5,1 Prozent Ire, Schotte und Waliser

1,7 Prozent Aschkenasischer Jude

Thomas Kurtz

Thomas Kurtz

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