Demo Bahnhof Wartberg 17
Im Hintergrund der Wallberg mit den Stelen, die an den Zweiten Weltkrieg erinnern, im Vordergrund die Demonstranten, die zum Wartberg ziehen. 

Trauer, Gedenken und zwei Demos: 5 Resümees zu den 5 Versammlungen des 23. Februars

Pforzheim. Um Punkt 21.48 Uhr hat die Polizei am Samstagabend per Pressemitteilung ihr Fazit der Gedenkfeier und der Versammlungen aus Anlass des 74. Jahrestages der Bombardierung Pforzheims verschickt - deutlich früher als in vielen verschiedenen vorherigen Jahren. Schon das gibt einen Hinweis auf das, was in der Mitteilung zu lesen ist - und was auch die PZ vor Ort beobachtete: Der Tag verlief weitestgehend friedlich, mit einem klaren Fokus auf dem Gedenken.

Neben vielen kleineren Veranstaltungen waren die zentralen Termine des offiziellen Gedenktags die Trauerfeier auf dem Hauptfriedhof mit Kranzniederlegungen um 16 Uhr und ein Lichtermeer aus Kerzen um 19.30 Uhr vor dem Neuen Rathaus. Ausführlich blickt die PZ auf alle Ereignisse am Montag in ihrer Printausgabe zurück. Viele Eindrücke gibt es auch hier im Liveticker. Einen kurzen Überblick über den Ablauf der einzelnen Ereignisse gibt es derweil an dieser Stelle

Trauerfeier auf dem Haupfriedhof:

Auf dem Hauptfriedhof erinnerte Oberbürgermeister Peter Boch (CDU) in seiner Rede vor nach Schätzungen der Stadt rund 400 Teilnehmern (die Polizei spricht von 300) an die mehr als 17.600 Menschen, die in Pforzheim zu Tode kamen sowie „die Menschen, die im Zweiten Weltkrieg ähnliches Leid erlebt haben“.

Gedenkfeier Hauptfriedhof  3
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Der 23. Februar in Pforzheim: Gedenkfeier auf dem Hauptfriedhof

„Mehr und mehr gilt es künftig für uns Nachgeborene, die Erinnerung an Pforzheim am 23. Februar 1945 und an das damit verbundene Leid zu bewahren“, so der Rathauschef weiter. Es sei unsere Aufgabe, unsere Verwantwortung für uns und unsere Zukunft wahrzunehmen. Der 23. Februar solle auch für die Nachgeborenen Teil der Erinnerung und des Lebens sein. 

Lichtermeer auf dem Marktplatz:

Etwa, so die Stadt, 400 Bürger (Polizei: 250) versammelten sich auf dem Marktplatz, um gemeinsam zur historischen Zeit der Bombardierung zwischen 19.50 Uhr und 20.10 Uhr ihre Kerzen zu entzünden und damit ein Meer aus Lichtern zu bilden. Zuvor hatte  Peter Boch in seiner Rede auf der Markplatzbühne an alle, „die der von Deutschland entfesselte Bombenkrieg heimsuchte“, erinnert. Auch rief der Rathauschef zum gemeinsamen Gedenken „aller Opfer von Krieg, Gewalt, Verfolgung und Unterdrückung auf der ganzen Welt“ auf. Nach der Ansprache von Oberbürgermeister Peter Boch folgte eine Lesung des Theaters durch Markus Löchner und Sophie Lochmann. Um 19.50 erfüllte 22 Minuten lang Glockengeläut den Marktplatz, zu der Zeit in der vor 74 Jahren rund 400 Bomben der Royal Airforce über Pforzheim abgeworfen wurden. 

Friedliches Gedenken in Pforzheim
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Friedliches Gedenken in Pforzheim

Den Abschluss der Veranstaltung bildete der gemeinsame Segen der verschiedenen Religionen gegen 20.10 Uhr mit Rabbi Bar Lev (Jüdische Gemeinde), Herr Ahmet Kurt (Jesidische Gemeinde), Dekan Bernhard Ihle (Katholische Christen), Herr Cebrail Okumus (Sunniten), Frau Eylem Gençoğlu (Aleviten), Herr Aftab Aslam (Ahmadiyya) und Dekanin Christiane Quincke sowie Frau Christa Mann (Evangelische Christen) gesprochen.

Gedenken Marktplatz  1
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Gedenkveranstaltungen am 23. Februar – Lichtermeer auf dem Marktplatz

Die erste Demonstration:

Gut 100 Demonstranten starteten um 18 Uhr am Hauptbahnhof, um in einem friedlichen Zug zum Marktplatz zu ziehen. Zwischenstopp war am Platz der Synagoge, wo der Begründer der Stolpersteine Hans Mann sprach. Er erzählte die bewegende Geschichte von Fritz Reutlinger, Teil einer Pforzheimer jüdischen Familie.

Demo Innenstadt2
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Demozug durch die Innenstadt und Lichtermeer am Marktplatz

Als die Demonstration am Marktplatz eintraf, spielte zunächst eine Band, ehe dgb-Chefin Susanne Nittel für ein buntes und weltoffenes Pforzheim und Europa plädierte.

Die zweite Demonstration und Fackeln auf dem Wartberg:

Knapp 20 Minuten später setzte sich der zweite Demozug mit nach PZ-Einschätzung rund 400 Teilnehmern in Bewegung. Vom Hauptbahnhof über die Nordstadtbrücke und die Heinrich-Wieland-Allee zogen sie gen Wartberg - und hielten sich dabei sowohl auf dem Hin- als auch auf dem Rückweg an die vorgesehene Route. Dies war im Vorjahr auf dem Weg zurück zum Bahnhof anders gewesen. Die Polizei hatte in der Nordstadt und insbesondere auf dem Parkplatz des Wartbergbads mehrere Hundert Polizisten bereitgehalten, um ein Aufeinandertreffen linker und rechter Extremisten zu verhindern. Am Fuß der Wartbergallee - vor dem Café Hasenmayer - angekommen, stoben die Teilnehmer auseinander. Auf verschiedenen Wegen versuchten sie in Kleingruppen möglichst nahe an die Fackelmahnwache des rechtsextremen "Freundeskreis Ein Herz für Deutschland" mit laut Polizei 110 Teilnehmern heranzukommen - und diese zu "behindern", wie eine Rednerin sagte, oder auch zu "verhindern", wie ein anderer Redner meinte.

Pforzheim: Proteste und Polizeieinsatz am Gedenktag
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Pforzheim: Proteste und Polizeieinsatz am Gedenktag

Demo Bahnhof Wartberg 01
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23. Februar: Gegendemonstranten auf dem Wartberg

Letztlich blieb es bei akustischen Störmanövern sowohl von der Westseite als auch von der Ostseite des Wartbergplateaus, wo sich jeweils gut 150 Demonstranten versammelt hatten. Abgesehen von Raketen und Feuerwerkskörpern, die - jedoch weniger als im Vorjahr - gezündet wurden, blieben sie friedlich. Polizeisprecher Raphael Fiedler zog gegen 20.15 Uhr eine erste Bilanz: "Es ist bisher ruhig und friedlich geblieben. Keine größeren Probleme sind aufgetreten." Er bestätigte gegenüber der "Pforzheimer Zeitung" außerdem, dass ein Zusammentreffen verhindert werden konnte. Auch Fiedler schätzte, dass etwa 400 Gegendemonstranten vor Ort waren. Und außerdem: "Ein Böller wurde gezündet, der aber nicht auf Polizisten gerichtet wurde", sagte er.

Am späten Samstagabend zog das Polizeipräsidium Karlsruhe eine insgesamt positive Bilanz der Ereignisse. "Das Konzept der strukturierten Separierung hat sich auch dieses Mal wieder bewährt", resümiert der Einsatzleiter Leitender Polizeidirektor Christian Ostertag. Anfängliche Versuche von "Personen des linken Spektrums", die Gittersperren zu übersteigen, konnten von Einsatzkräften durch einfaches Zurückdrängen verhindert werden, so die Polizei in einer Mitteilung. "Wir konnten ein Aufeinandertreffen beider Lager verhindern, und auch das Recht auf Versammlungsfreiheit und den friedlichen Protest in vollem Umfang gewährleisten. Dies unterstreicht auch der Umstand, dass es zu keinen Fest- oder Gewahrsamnahmen gekommen ist und auch keine verletzten Personen zu verzeichnen sind," so Ostertag zum Abschluss der Veranstaltung.

Simon Walter

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Julia Wessinger

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