Muss diese Untersuchung wirklich sein? Wann ist die Notaufnahme der richtige Ort? Und welchen Gesundheitsinfos im Internet kann ich trauen? Arzt und Autor Michael de Ridder zeigt beim PZ-Autorenforum, wie Patienten im Gesundheitsdschungel selbstbewusster entscheiden.
Arzttermine sind knapp, Notaufnahmen voll, im Internet findet sich zu jedem Symptom eine neue Diagnose und in der Praxis stellt sich oft die Frage: Brauche ich das wirklich? Der Arzt und Autor Michael de Ridder zeigt beim PZ-Autorenforum, wie Patienten im Gesundheitsdschungel den Überblick behalten, die richtigen Fragen stellen und bessere Entscheidungen treffen.
PZ: Herr de Ridder, Sie schreiben vom Gesundheitsdschungel. Wo verirren sich Patienten heute am häufigsten: beim Arzt, im Internet, in der Notaufnahme oder bei der Krankenkasse?
Michael de Ridder: Vor allem im Internet. Patienten finden dort zu ihren Symptomen oft widersprüchliche Informationen und nicht selten Angebote, mit denen ihnen etwas verkauft werden soll. Dazu kommen überfüllte Notaufnahmen, weil viele Menschen aus Unsicherheit dorthin gehen, obwohl der Hausarzt zuständig wäre. Und schließlich das System der Krankenkassen: Tarife, Zusatzleistungen, Pflegegrade – vieles ist für Patienten kaum noch zu durchschauen.
Viele Menschen googeln Symptome und sind danach verunsicherter als vorher. Was ist Ihr wichtigster Rat: Wann hilft Recherche und wann macht sie krank?
Recherche zu Symptomen kann hilfreich sein, wenn man sie zurückhaltend als Orientierung versteht und aus ihr keinesfalls eine Diagnose ableitet. Die nämlich führt allzu oft auf eine falsche Fährte. Sinnvoll hingegen ist es, mit dem Arzt seines Vertrauens eigene Rechercheergebnisse zu erörtern, in jedem Fall jedoch auf seine Kompetenz und seinen Rat zu setzen, wenn es um den Gang der weiteren Behandlung geht.


Baden-Württemberg Vorletzter bei Versorgung mit Hausärzten
Sie waren selbst Arzt und Patient. Was hat Sie als Patient am eigenen System am meisten erschreckt?
Die mangelnde Bereitschaft und Fähigkeit vieler Ärzte, den Patienten über alle Vor- und Nachteile einer Behandlung umfassend und verständlich zu informieren und aufzuklären, um ihm eine selbstbestimmte Entscheidung zu ermöglichen. Oft stehen bei der Aufklärung nicht die Sorgen und Interessen des Patienten im Vordergrund, sondern die rechtliche Absicherung des behandelnden Arztes.
Woran erkennen Patienten einen guten Arzt, und wann empfehlen Sie eine Zweitmeinung?
Eine gute Ärztin oder ein guter Arzt begegnet Patientinnen und Patienten mit Respekt, Empathie, Wertschätzung und Fachkenntnis. Er spricht mit ihm auf Augenhöhe und unterlässt es, die Schilderung der Beschwerden des Patienten zu unterbrechen. Zudem zeigt der gute Arzt dem Patienten die Grenzen seiner Kompetenz auf und bietet ihm an, im Falle mehrerer Behandlungsoptionen die Zweitmeinung einer Kollegin oder eines Kollegen einzuholen.


Kinderarzt-Mangel in Pforzheim: Eltern fragen in Klinik nach Impfung
In Ihrem Buch geht es auch um Überversorgung und Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL). Bei welcher angebotenen Untersuchung oder Zusatzleistung sollten bei Patienten sofort die Alarmglocken klingeln?
Der sogenannte IGeL-Monitor, herausgegeben vom Medizinischen Dienst Bund (MDB) bewertet nahezu sämtliche ärztlichen IGeL-Leistungen. Von der weit überwiegenden Anzahl dieser vom Patienten privat zu zahlenden Leistungen rät der IGeL-Monitor ab, beispielsweise: Ultraschall der Eierstöcke, Ultraschall der Halsschlagader, Augeninnendruckmessung, Hyaloronsäurespritzen bei Kniegelenksarthrose.
Viele Patienten sagen: Ich gehe ja nur in die Notaufnahme, weil ich sonst keinen Termin bekomme. Haben sie recht, und was wäre in dieser Situation der klügste Weg?
Bei akuter Lebensgefahr, plötzlicher Bewusstlosigkeit oder schweren Verletzungen sollte sofort der Notruf 112 angerufen werden. Für dringende, aber nicht lebensbedrohliche medizinische Anliegen außerhalb der Praxiszeiten wählt man den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116117. In seelischen Krisen erhält man Rat und Hilfe bei der Telefonseelsorge (0800) 1110111. Ansonsten ist der Hausarzt der erste Ansprechpartner und nicht die Notaufnahme.


Neue Angebote in Apotheken - das kommt für Patienten
Welche Fragen kann jeder Patient stellen, bevor er einer Untersuchung, Operation oder Therapie zustimmt?
Ist diese Behandlung wirklich notwendig? Gibt es Alternativen zu ihr? Was geschähe, wenn ich ihr nicht zustimme? Was kann ich selbst tun?
Eintrittskarten für das PZ-Autorenforum am Donnerstag, 11. Juni, 19 Uhr, erhalten Sie im PZ Medienhaus, Poststraße 5, 75172 Pforzheim, Montag bis Freitag von 8 bis 16 Uhr, auch telefonisch unter (07231) 933-125 und unter www.pz-forum.de. Der Eintritt kostet 10,50 Euro, für Inhaber der PZ-Abo-Card 6,50 Euro.
Zur Person
Michael de Ridder hat jahrzehntelange Erfahrung als Arzt. Zuletzt als Chefarzt der Rettungsstelle eines Berliner Krankenhauses und als Geschäftsführer des von ihm mitbegründeten Vivantes Hospizes. Als Vorsitzender einer Stiftung für Palliativmedizin befasst er sich seit vielen Jahren kritisch mit dem Fortschritt in der Medizin, Fragen der Gesundheitspolitik und der Stärkung der Patientensouveränität, erörtert dies immer wieder in den Medien. Als Befürworter der Palliativmedizin wird er von vielen schwerkranken Menschen um Rat gebeten. Bei DVA sind von ihm unter anderem der viel diskutierte Bestseller „Wie wollen wir sterben“ und zuletzt „Wer sterben will, muss sterben dürfen“ erschienen.




