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Professor Jörg Kinzig ist Gastredner beim Studium Generale.  Foto: Eickhoff 

Vortrag im Studium Generale: Professor Jörg Kinzig befasst sich von Berufs wegen mit Verbrechen

Pforzheim. Es ist eine der ersten Fragen, die Jörg Kinzig, Professor für Kriminologie, Straf- und Sanktionsrecht, seinen Studierenden in seiner Vorlesung stellt: Wie viele Straftaten werden im Schnitt in Deutschland zur Anzeige gebracht? Erste Schätzungen liegen deutlich niedriger. Kinzig verweist auf die erschreckend hohe Zahl von sechs Millionen. Dabei liegt der sechsstellige Wert der polizeilichen Kriminalstatistik nur im „Hellfeld“. Das sind Straftaten, die den Strafverfolgungsbehörden bekannt sind. Die Zahlen im „Dunkelfeld“ seien jedoch unbekannt und könnten nur grob durch sogenannte „Dunkelfelduntersuchungen“ ergänzt werden. Dabei werden stichprobenartig eine große Anzahl an Personen unter anderem zum Sicherheitsgefühl und zu Opfererlebnissen mit und ohne Gewalterfahrung befragt.

Es sind Zahlen und Fakten, die beim zweiten Vortrag des Jahres vom Studium Generale der Hochschule Pforzheim die Zuschauer an den Bildschirmen verblüffen. Kinzig, Direktor des Instituts für Kriminologie der Universität Tübingen, führt anhand von Statistiken durch das Thema „Die Kriminalitätsentwicklung in Deutschland: von realen Fakten und gefühlten Wahrnehmungen“.

So dürften wir uns glücklich schätzen, dass Baden-Württemberg nach Bayern im Jahr 2019 das Bundesland mit der niedrigsten Häufigkeitsziffer in der Gewaltkriminalität sei, mit nur 157 angezeigten Straftaten – im Gegensatz zu Berlin, das mit 449 am höchsten liege. „Hier muss jedoch das „Stadt-Land-Gefälle“ bedacht werden“, ergänzt Kinzig. In Ballungszentren wie Berlin oder Hamburg sei in der Regel eine höhere Kriminalität vorzufinden als auf dem Land. Somit sollten solche Statistiken immer mit Bedacht gelesen werde. Als der Professor eine Karte von Baden-Württemberg mit den Vorkommen der meisten Straftaten in Stadt und Landkreis vorlegt, liegt Pforzheim neben Mannheim und Stuttgart sehr weit vorne. Wirft man einen Blick in die Kriminalitätsverteilung im Polizeipräsidium Pforzheim 2020, liegen Diebstahl mit knapp 6000 Fällen und Vermögens- und Fälschungsdelikte mit 4600 an der Spitze, wohingegen „nur“ 26 Straftaten angezeigt wurde, die sich gegen das Leben richteten.

Baden-Baden grenze sich im Vergleich klar ab und verzeichne die höchste Zahl an Straftaten im Jahr 2020. „Es gab ein Betrugsverfahren gegen eine Baden-Badener Anwältin und ihren Ehemann. Ihnen werden 1665 Fälle des Betrugs vorgeworfen. Nur das hat zu diesem enormen Anstieg der Kriminalität in Baden-Baden geführt.“ Es seien in der Regel aber nicht Frauen, die in Haft säßen. Nur fünf Prozent in den deutschen Gefängnissen seien weiblich, 95 Prozent dagegen männlich. Auch die Opferzahlen bei Körperverletzungen seien bei Männern deutlich höher als bei Frauen. Das liege daran, dass sich die Männer untereinander häufiger schlügen. „Dafür sind Frauen, tendenziell ängstlicher als Männer, obwohl sie seltener Opfer von Straftaten werden. Und meistens haben die Älteren mehr Ängste, obwohl sie sehr selten Opfer von Straftaten werden. Das wird auch Furcht-Paradoxon genannt, so Kinzig.

Generell sei die Angst vor Straftaten in den vergangenen Jahren stetig gesunken und lande bei einer Befragung auf Platz 21. Die größte Angst hingegen war im Juli 2020 vor einer „gefährlichen Welt vor Donald Trumps Politik“.

Der Vortrag ist noch vier Wochen auf dem Kanal Studium Generale HSPF unter https://youtu.be/zvqTdKsp5fs verfügbar.