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Bewaffnete und besonders geschützte Beamte sichern das Gericht und unterziehen den Angeklagten einer Leibesvisitation. Foto: Meyer
Bewaffnete und besonders geschützte Beamte sichern das Gericht und unterziehen den Angeklagten einer Leibesvisitation. Foto: Meyer
Bereitschaftspolizisten verstärken die hiesigen Kollegen. Foto: Meyer
Bereitschaftspolizisten verstärken die hiesigen Kollegen. Foto: Meyer
09.10.2018

Waffennarr hofft vergebens auf Bewährung – 20 Beamte sichern Prozess

Pforzheim. Bei der Verhandlung in erster Instanz hatten acht Beamte den Angeklagten niederringen und mit Handschellen sowie mit Fußfesseln fixieren müssen. Kein Wunder also, dass das Gericht am Dienstag im Berufungsprozess auf Nummer sicher ging. 20 Beamte der Justiz und der Bereitschaftspolizei nahmen vor Saal I des Amtsgerichtsgebäudes Einlasskontrollen vor und beobachteten den 45-Jährigen während der gesamten, fast siebenstündigen Verhandlung mit Argusaugen.

Zwar fiel das neuerliche Urteil mit einem Jahr, zehn Monaten und zwei Wochen Haft etwas milder aus, doch hoffte der dieses Mal friedliche Kampfsportler vergebens auf Bewährung. Dass er „Reichsbürger“-Tendenzen aufweise, worauf Staatsanwalt Lars Jaklin bis zuletzt insistierte, bezeichnete der Waffennarr als „absurd“, „lächerlich“ und „stark anmaßend“.

Zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und drei Monaten hatte das Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Oliver Weik den Pforzheimer im November vergangenen Jahres auch deshalb verurteilt, weil er sich einer vorsätzlichen Körperverletzung schuldig gemacht haben sollte. Diesen Vorwurf konnte nach Einschätzung der Vorsitzenden Richterin Sabine Salomon in zweiter Instanz nicht aufrechterhalten werden. Zu viele Widersprüche hätten die Aussagen eines Bauarbeiters aufgeworfen, der bereits im April 2016 bei Dietlingen mit dem Kampfsportler aneinandergeraten war. Dass der Angeklagte dem Arbeiter während eines Streits, der sich an einem durch Baufahrzeuge verstellten Feldweg entfachte, zwei Faustschläge verpasste, könne Notwehr gewesen sein.

Gravierender waren aber ohnehin die Verstöße gegen das Waffengesetz, die der 45-Jährige weiterhin einräumte. Als ihn ein Spezialeinsatzkommando infolge ausstehende Unterhaltszahlungen in seinem Garten überrumpelte, steckte eine geladene halbautomatische Pistole in seiner Bauchtasche. Bei der folgenden Durchsuchung seiner Wohnung entdeckten die Ermittler unter anderem gut 1000 Schuss Munition, etliche Messer, eine Machete, Schlagstock, Armbrust, Pfeil und Bogen – und eine Vorderschaftrepetierflinte. Allein der unerlaubte Besitz einer solchen Pumpgun erfüllt den Tatbestand eines Verbrechens mit einer Mindeststrafe von einem Jahr Haft.

Zur angesichts der nun milderen Strafe theoretisch möglichen Bewährung habe man sich nicht durchringen können, sagte Salomon. Die „Waffengeschichte“ sei „sehr gravierend“ und der Mann mehrfach – auch wegen Gewaltdelikten – vorbestraft, weswegen er bereits einsaß. Unter anderem hatte er vor Jahren einen Kontrahenten übelst zusammengeschlagen und seine Ex-Partnerin schwer misshandelt. Auch gebe es zumindest Anhaltspunkte, dass eine Nähe zur „Reichsbürger“-Bewegung bestehen könnte.

Von einer solchen war Staatsanwalt Jaklin überzeugt. Äußerungen vor Gericht und gegenüber Polizeibeamten sowie typische Verhaltensmuster ließen keinen Zweifel, dass der Mann geltende Gesetze und das gesamte System des Rechtsstaats „massiv“ infrage stelle.

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