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Mehr Farbe in der Stadt? Darüber sprachen (von links) Bau- und Kulturbürgermeistern Sibylle Schüssler, Stadtplaner Harald Thiele, Moderatorin Chris Gerbing, der Geograf Christopher Hilmer, Niefern-Öschelbronns Bürgermeisterin Birgit Förster sowie der Künstler Sebastian Bauer. Foto: Seibel
Mehr Farbe in der Stadt? Darüber sprachen (von links) Bau- und Kulturbürgermeistern Sibylle Schüssler, Stadtplaner Harald Thiele, Moderatorin Chris Gerbing, der Geograf Christopher Hilmer, Niefern-Öschelbronns Bürgermeisterin Birgit Förster sowie der Künstler Sebastian Bauer. Foto: Seibel
Vor allem in Unterführungen finden sich oft Schmierereien. Foto: Seibel
Vor allem in Unterführungen finden sich oft Schmierereien. Foto: Seibel
Mit Streetart beschäftigte sich 2017 die Ausstellung „Playground“ im alten Sparkassen-Gebäude. Foto: Meyer/PZ-Archiv
Mit Streetart beschäftigte sich 2017 die Ausstellung „Playground“ im alten Sparkassen-Gebäude. Foto: Meyer/PZ-Archiv © Meyer
10.07.2019

Zwischen Kunst und Sachbeschädigung: Diskussion über Flächen für Graffiti

Pforzheim. „Kunst im öffentlichen Raum“ gibt es schon lange. Der Begriff „Urban Art“ dagegen ist relativ neu, bedeutet aber im Grunde genommen das Gleiche. Doch während das eine legal und etabliert ist, bewegen sich die Urheber der Urban Art oft auf rechtlich heiklem Terrain. Braucht Pforzheim neue Regeln für den Umgang damit? Muss die Goldstadt bunter werden?

Bei einer Podiumsdiskussion in der Pforzheim Galerie sprachen Vertreter der Kunst-Szene, Experten und Bürger miteinander über die verschiedenen Ausprägungen moderner Kunst im öffentlichen Raum. Am Anfang stand ein Exkurs des Aachener Geografen Christopher Hilmer, der einen Bogen schlug von den ersten wilden Graffiti an städtischen Hauswänden bis zur Etablierung als Kunstform – Banksy lässt grüßen. Die Bandbreite von Urban Art ist groß, von Stylewritings (große verzierte Schriftzüge mit plakativen Lettern) bis zu kollagenartig zusammengesetzten Wandbildern, die als „Murals“ bezeichnet werden. Andere Formen stellen das sogenannte Urban Gardening (in Pforzheim etwa die Blumenbeete auf dem neuen Platz am ehemaligen ZOB-Nord) dar. Ausdrücklich nicht gemeint sind dagegen sinnlose Schmierereien, die „Tags“ oder „Bombings“ genannt werden. Darüber herrschte auch auf dem Podium Einigkeit.

Eben dort gründet aber auch die Kontroverse. Während bei der Diskussion in der Galerie offensichtlich Konsens darüber herrschte, Jugendlichen und Künstlern in der Stadt öffentliche und private Flächen (sogenannte Freewalls) zur Gestaltung freizugeben, fürchten Kritiker, damit illegale Schmierereien zu befeuern. Eine Sorge, die der Mannheimer Stadtplaner Harald Thiele, der auch auf dem Podium saß, nicht bekräftigen kann. „Sie kriegen kein illegales Graffito mehr deswegen, eher weniger“, sagte Thiele, und führte jahrzehntelange Erfahrungen der Stadt Mannheim mit öffentlichen Kunstwänden an. Urban Art sieht er längst angekommen im Stadtbild.

Kunst als Standortfaktor

Lokale Künstler wie Sebastian Bauer, der sich das für Pforzheim auch wünschen würde, rennt bei Bau- und Kulturbürgermeisterin Sibylle Schüssler offene Türen ein. Sie sieht eine präsente Kunst im Stadtbild als einen Standortfaktor, Pforzheim attraktiv für kreative junge Leute zu machen, erkennt aber auch, dass dafür noch Überzeugungsarbeit in der Öffentlichkeit und im Gemeinderat zu leisten sei. Stadträte der FDP, der Freien Wähler und Unabhängigen Bürger hatten sich jüngst deutlich gegen die Podiumsdiskussion als „einseitige Werbeveranstaltung für Graffiti“ ausgesprochen. Verschärft wurde die Debatte auch durch Kritik der Initiatoren des Anti-Graffiti-Mobils, die sich aus örtlichen Vertretern ehrenamtlich tätiger Malerbetriebe und des Hauses des Jugendrechts zusammensetzen und regelmäßig illegale Schmierereien entfernen. Schüssler, die diesen Einsatz ausdrücklich würdigte, betonte in diesem Zusammenhang: „Das eine hat mit dem anderen gar nichts zu tun.“

Wie kann die Stadt also auf legale Weise bunter werden? In der Nachbargemeinde Niefern-Öschelbronn wurden erste Erfahrungen mit kleinen Schritten gemacht. Bürgermeisterin Birgit Förster brachte Malereien von Mädchen als Schmuck und Wertschätzung an einer Turnhallenwand in den öffentlichen Raum.

Eine Blaupause für Pforzheim? Vielleicht. Möglicherweise könnte man die Sache aber auch ganz groß angehen. Philippe A. Singer, Rechtsanwalt und Vertreter der CDU, in deren Fraktion das Thema auch kontrovers diskutiert wird, brachte die Freigabe der Bauten an der Östlichen ins Spiel, die im Zuge der Innenstadt-Ost-Erneuerung abgerissen werden. Als risikoloser Versuchsballon quasi: „Das wäre ein großes Projekt im Herzen der Stadt.“ Gleichwohl sprach er sich für einen Dialog mit den Machern des Anti-Graffiti-Mobils aus, das weiterhin für die Beseitigung illegaler Graffiti benötigt werde.