Die Bundesanwaltschaft hat nach der großangelegten Anti-Terror-Razzia gegen sogenannte Reichsbürger vor rund einem Jahr erstmals Anklage erhoben. Es geht um insgesamt 27 Tatverdächtige, wie die Behörde am Dienstag in Karlsruhe mitteilte. Sie wirft diesen unter anderem Mitgliedschaft und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung vor. Die Verfahren sollen vor den Oberlandesgerichten in Frankfurt am Main, München und Stuttgart geführt werden. Diese müssen entscheiden, ob sie die Anklage zulassen und einen Prozess ansetzen.
Am 7. Dezember vergangenen Jahres hatte die Bundesanwaltschaft in mehreren Bundesländern, Österreich und Italien 25 Frauen und Männer festnehmen lassen. Darunter waren die frühere AfD-Bundestagsabgeordnete Birgit Malsack-Winkemann sowie ein Soldat des Kommandos Spezialkräfte (KSK) der Bundeswehr. Als einer der Rädelsführer gilt der Unternehmer Heinrich XIII. Prinz Reuß.
Der Kreis der Verdächtigen ist weitaus größer und wächst im Zuge der Ermittlungen stetig. Viele von ihnen sitzen in Untersuchungshaft.
Auch Marco v. H. ist angeklagt
René R. aus Ersingen befindet sich unterdessen nicht unter den Angeklagten - das sagt sein Anwalt Florian Bähr von der Pforzheimer Kanzlei Mährlein, Freymark, Bähr im Gespräch mit PZ-news. Schon im Zuge der Ermittlungen hatte sich Anfang des Jahres herausgestellt, dass die Beteiligung des Tenors eher untergeordneter Natur gewesen sei. Ein - anfangs kolportiertes - Amt als Minister für den Kulturbereich nach einem Umsturz durch die Reichsbürger habe R. nie übernehmen wollen, sagte Bähr bereits im März zu PZ-news.


Jetzt redet der Anwalt: René R. wollte nie Minister sein
Im Gegensatz zu R. findet sich der Name Marco v. H. auf der Anklageliste der Generalbundesanwaltschaft wieder. Gegen den Mann aus Pfinztal, der auch Verbindungen nach Pforzheim hat, wird Anklage wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens sowie versuchten Mordes vor dem Oberlandesgericht Stuttgart erhoben. Das teilte der Generalbundesanwalt am Dienstag mit. Demnach gehörte Marco v. H. der Vereinigung spätestens seit Januar 2022 als Mitglied an.
Ihm kam in der Vereinigung eine zentrale Rolle zu, da er behauptete, direkt mit der „Allianz“ in Kontakt treten zu können. Die "Allianz" ist ein – tatsächlich nicht existierender – technisch überlegener Geheimbund von Regierungen, Nachrichtendiensten und Militärs verschiedener Staaten, einschließlich der Russischen Föderation sowie der Vereinigten Staaten von Amerika.
Im Vertrauen hierauf wurde ihm innerhalb des „militärischen Arms“ die Funktion des Verbindungsoffiziers zu diesem Geheimbund übertragen. Dementsprechend nahm er an nahezu allen Koordinierungs- und Rekrutierungstreffen des „militärischen Arms“ der Reichsbürger, aber auch an Zusammenkünften mit Mitgliedern des „Rats“ teil und entfaltete umfangreiche Rekrutierungsbemühungen für die Vereinigung. Zudem war Marco v. H. im gesamten Bundesgebiet eng in den Auf- und Ausbau der sog. „Heimatschutzkompanien“ eingebunden.


So vielen Reichsbürgern wurden in der Region bisher ihre Waffen entzogen
Die Beschuldigten sollen vorgehabt haben, das politische System in Deutschland zu stürzen. Sie hätten bewusst Tote in Kauf genommen. Strukturen für eine eigene Staatsordnung hätten sie in Grundzügen schon ausgearbeitet, hatten die Ermittler damals erklärt. Als Staatsoberhaupt hätte Heinrich XIII. Prinz Reuß fungieren sollen. Auch Ressorts seien schon verteilt gewesen: So hätte die ehemalige Richterin Malsack-Winkemann für Justiz zuständig sein sollen.
Gezielt Soldaten und Polizisten angesprochen
Zentrales Gremium der Gruppe sei ein «Rat». Mit den alliierten Siegermächten des Zweiten Weltkriegs hätte eine Übergangsregierung die neue staatliche Ordnung in Deutschland verhandeln sollen. «Zentraler Ansprechpartner für diese Verhandlungen ist aus Sicht der Vereinigung derzeit ausschließlich die Russische Föderation.»
Ein «militärischer Arm» sollte den demokratischen Rechtsstaat auch auf Ebene der Gemeinden, Kreise und Kommunen «beseitigen», hieß es. Für den Umsturz seien gezielt Soldaten und Polizisten angesprochen worden, teilte die Bundesanwaltschaft mit. Ein weiterer Plan war den Ermittlungen zufolge, mit einer kleinen bewaffneten Gruppe gewaltsam in den Deutschen Bundestag einzudringen.
«Reichsbürger» sind Menschen, die die Bundesrepublik und ihre demokratischen Strukturen nicht anerkennen. Der Verfassungsschutz rechnete der Szene im vergangenen Jahr rund 23.000 Anhänger zu (2021: 21.000). Bei mehr als fünf Prozent - rund 1250 Menschen - handele es sich um Rechtsextremisten. Als gewaltorientiert gelten demnach etwa 2300 der «Reichsbürger» und «Selbstverwalter».

