Pforzheim. Auf EU-Ebene wird über neue, kleine Reaktoren diskutiert und auch in Deutschland versprechen sich verschiedene Politiker von einer Rückkehr zur Atomkraft die Lösung der Energie- und Klimaprobleme. Aber sollte man die Weichen, die beim 2011 beschlossenen und 2023 letztlich vollzogenen Atomausstieg gestellt wurden, wirklich wieder umlegen? PZ-Redaktionsmitglied Sabrina del Nunzio sagt: Ja. Zu unsicher sei die Versorgung mit Solar- und Windenergie. PZ-Redakteur Sven Bernhagen sieht dagegen keinen Weg zurück, auch weil der Atomstrom viel zu teuer wäre.
Pro: „Nur durch Unabhängigkeit können wir unseren Wohlstand sichern.“
PZ-Redaktionsmitglied Sabrina del Nunzio sagt: Ja, wir brauchen die Kernkraft zurück.
In diesen Krisenzeiten braucht Deutschland sichere und günstigere Energiequellen. Nur durch Unabhängigkeit können wir unseren Wohlstand sichern und das ist, was Deutschland braucht: Zuverlässigkeit.
Die vergangenen Wochen, in denen die Spritpreise in die Höhe schossen, waren ein Warnsignal. Die Folgen des Nahostkonflikts verdeutlichen die Wichtigkeit von unabhängigen Energietransporten. Solar- und Windenergie werden unseren Bedarf nicht vollständig abdecken können und deshalb ist die Wende im Umgang mit Kernenergie auch dringend notwendig.
Dass die EU-Kommission nun die Entwicklung von kleineren Reaktoren unterstützen möchte, ist der richtige Ansatz. Frankreich, Polen, Tschechien und weitere Länder machen es Deutschland vor, sie setzen weiter auf Kernenergie, denn Kernkraft ist die saubere und bezahlbarere Alternative zu Gas und Kohle.
Der Optimismus der Deutschen ist bereits gering – sollen sie dann auch noch Angst um die Energieversorgung haben?


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Kontra: „Atomkraft ist teuer, dreckig und gefährlich – alles andere ist eine Mär.“
PZ-Redakteur Sven Bernhagen sagt: Nein, der Weg zurück zur Kernkraft ist eine Sackgasse.
Die Mär vom sauberen, billigen Atomstrom ist reiner Populismus. Selbst Stromkonzerne lehnen eine Rückkehr entschieden ab. Studien zeigen, dass die Erzeugung einer Kilowattstunde Solarstrom zwischen 5 und 15 Cent kostet – und dass Atomstrom fünf bis zehn Mal teurer ist. Mit der Differenz lässt sich locker die nötige Stromspeicherung und Verteilung bezahlen. Und wollen wir uns mit neuen Atomkraftwerken tatsächlich wieder in die Hand von Monopolisten begeben, die dann – siehe Ölkonzerne – beliebig an der Preisschraube drehen können? Dann doch lieber dezentrale Energieproduktion.


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Schon jetzt haben wir zeitweise einen Stromüberschuss. Unsere Netze sind stabil, die Technik schreitet unaufhaltsam voran. Die Versorgungssicherheit ist also gewährleistet. Ohne dass wir Terroristen – Sie erinnern sich an die vielen Drohnen-Alarme? – leichte, brandgefährliche Ziele bieten.
Und was man am besten mit strahlendem Atommüll macht, weiß auch keiner – außer verbuddeln. Aber wo, wenn die Menschen schon wegen eines Windrads auf die Barrikaden gehen?

