Pforzheim. Es gibt politische Themen, die in schöner Regelmäßigkei immer wieder hitzig diskutiert werden: Dazu gehört die Vermögenssteuer, die Organspende und - flexiblere Sonntagsöffnungszeiten für den Handel. Der Präsident der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) fordert, das Grundgesetz zu ändern, da der Sonntagsschutz nicht mehr zeitgemäß sei. Sollte man also die Regeln für die Sonntagsöffnung lockern? Zwei PZ-Redakteurinnen sind da unterschiedlicher Meinung.
PRO: PZ-Redakteurin Lisa Scharf
"Der strikte Ladenschluss engt den strauchelnden Einzelhandel zu sehr ein.“
Der heilige Sonntag – das war einmal. Das Leben und die Gesellschaft in Deutschland haben sich in den vergangenen
100 Jahren verändert. Dennoch hat sich das Bundesverfassungsgericht bei seinen Ladenschluss-Urteilen in den 2000ern stets auf die in der Weimarer Reichsverfassung verankerte „seelische Erhebung“ am Sonntag bezogen. Wenn DIHK-Präsident Peter Adrian heute sagt, das erscheine ihm nicht mehr zeitgemäß, hat er völlig recht.


E-Commerce-Verband für flexiblere Sonntagsöffnungen
Wer das Sterben des Einzelhandels beklagt, kann nicht gleichzeitig gegen eine Flexibilisierung bei der Sonntagsöffnung sein. Wenn die Läden die Kunden und das Personal haben – warum sollten sie dann nicht an einzelnen Sonntagen öffnen dürfen? Es geht ja nicht darum, aus dem Sonntag einen gewöhnlichen Werktag zu machen. Aber der strikte Ladenschluss, wie er aktuell gilt, engt den ohnehin strauchelnden Einzelhandel zu sehr ein und wirkt wie aus der Zeit gefallen. Andere Länder machen es längst vor. Höchste Zeit, dass auch Deutschland im 21. Jahrhundert ankommt.
KONTRA: PZ-Redakteurin Petra Joos
„Bei unserem Angebot ist es jedem möglich, einkaufen zu gehen.“
In Deutschland kann man sechs Tage in der Woche einkaufen: Die Discounter haben
15 Stunden am Tag geöffnet, meist von 7 bis 22 Uhr, der Einzelhandel in der Regel neun bis zehn Stunden von 9 bis 18 oder 19 Uhr, Tankstellen und Spätkauf-Kioske noch darüber hinaus. Bei diesem Angebot ist es jedem möglich, einkaufen zu gehen. Was also soll die neuerliche Debatte um eine Liberalisierung des Ladenschlussgesetzes?


Sollten Geschäfte häufiger sonntags öffnen dürfen?
Verkauft würde bei sieben Verkaufstagen pro Woche ohnehin nicht mehr, denn der Geldbeutel wächst nicht mit. Die Konsumausgaben jedes Einzelnen würden sich über die Woche hinweg höchstens anders verteilen.


Debatte um Sonntagsruhe: Digitale Märkte auf dem Vormarsch
Dazu kommt: Geöffnete Läden brauchen Personal. Das ist mit seinen Arbeitszeiten ohnehin schon mehr belastet als Nine-To-Five-Büroangestellte. Denn Abend- oder Samstagsarbeit geht zulasten der Familie, Beziehung und/oder dem Freundeskreis. Vor diesem Hintergrund macht der im Gesetz verankerte Sonntagsschutz durchaus heute noch Sinn, und die Wirtschaft wird daran nicht zugrunde gehen.

