Kieselbronns Bürgermeister Heiko Faber (Vierter von links) und seine französische Amtskollegin aus Bernin, Anne-Françoise Besson (Zweite von rechts), begrüßen die Fahrradfahrer am Ende ihrer Tour.
Nico Roller
Region
650 Kilometer für die Freundschaft: Radfahrer aus Bernin erreichen Kieselbronn nach fünf Tagen Tour
  • Nico Roller

Kieselbronn. Mit dem französischen Bernin pflegt Kieselbronn seit Jahrzehnten einen Austausch. Beim Besuch sind einige Franzosen mit dem Rad angereist: fünf Tage lang, bei Wind und Wetter.

Der Empfang soll herzlich und warm ausfallen. Ohne große Absprachen formen sich spontan zwei Menschenreihen, eine auf jeder Seite des Parkplatzes vor der Festhalle. In der Mitte entsteht ein Korridor für die sechs französischen und deutschen Radfahrer, die wenige Minuten später ankommen: aus dem französischen Bernin, mit dem die Gemeinde Kieselbronn bereits seit 39 Jahren eine Partnerschaft unterhält. 650 Kilometer haben die Radfahrer zurückgelegt, bei jedem Wetter, ohne Abkürzungen. Fünf Tage waren sie unterwegs, um Kieselbronn zu erreichen, oft unter Einsatz ihrer ganzen Kraft. Die meisten aus der 41-köpfigen Delegation haben einen deutlich bequemeren Weg gewählt und den großen Reisebus genommen. Als sie ein paar Minuten vor den Radfahrern eintreffen, werden Hände geschüttelt, Umarmungen und Küsschen verteilt, mal auf Deutsch, mal auf Französisch.

Bestens gelaunt: Mit Applaus und Jubel werden die Radfahrer aus Bernin auf dem Parkplatz vorder Kieselbronner Turn- und Festhalle begrüßt. Gemeinsam haben sie mehr als 600 Kilometerzurückgelegt.
Nico Roller

Viele kennen sich schon seit Jahren, einige sogar seit Jahrzehnten. „Wir sind wirklich glücklich, hier zu sein“, sagt Bernins Bürgermeisterin Anne-Françoise Besson, die weiß, dass es viel Zeit, Energie und Herzblut erfordert, um den Aufenthalt vorzubereiten. Sie berichtet von einer großen Vorfreude in Bernin und betont: „Wir kommen mit Koffern, aber vor allem mit dem Herzen.“ Besson freut sich, dass die Radfahrer die beschwerliche Tour „mit Bravour gemeistert“ haben. Und attestiert ihnen, mit ihrer Aktion „den Weg für unsere Freundschaft zu ebnen“.

Den ehemaligen Bürgermeister Wolfgang Drautz (rechts) und seinen Kollegen Jean-Claude Bobillon verbindet eine enge Freundschaft.
Nico Roller

Die Freunde begleitet

Einer von ihnen ist David Mall, der mit einem Kollegen zunächst mit dem Auto von Kieselbronn nach Bernin gefahren ist, um die französischen Freunde von dort aus auf ihrer Tour zu begleiten. Um die 140 Kilometer haben sie am Tag zurückgelegt, mit Steigungen zwischen 500 und 1500 Höhenmetern. „Es waren schon ordentliche Etappen“, sagt Mall, der von einer guten Stimmung berichtet. Obwohl sich nicht alle in der Gruppe kannten, habe man sich auf Anhieb gut verstanden. „Es war immer schön.“ Abends sind die Radfahrer gemütlich beisammengesessen, oft bei Speisen, die sie auf dem jeweiligen Abschnitt ihrer Tour kennengelernt hatten. Rucksäcke mussten sie dank eines Begleitfahrzeugs nicht schleppen, die Route kam von einem Navigationsgerät. Für Mall war die Tour ein schönes Erlebnis und eine wertvolle Erfahrung, auch wenn das Wetter nicht immer optimal war: Die ersten beiden Tage hat es fast nur geregnet, im französischen Jura war es bitterkalt. Probleme bei der Verständigung gab es nie. Die meisten Teilnehmer konnten beide Sprachen, andere haben sich mit Englisch, manchmal auch mit Händen und Füßen beholfen. „Es funktioniert immer“, sagt Mall: „Man muss nur mutig sein.“ Auch Bernhard Frick berichtet von einer guten Stimmung. Er kommt ursprünglich aus der Region, lebt aber bereits seit 1986 in Bernin.

Wie die meisten Teilnehmer aus Bernin ist er Mitglied im örtlichen Radsportverein, dem Cyclo Club Bernin, der sich von März bis November zweimal pro Woche trifft, um eine Ausfahrt zu unternehmen: zu Beginn der Saison über 80 Kilometer und 1000 Höhenmeter, später über 100 Kilometer und 1200 Höhenmeter. „Man steigert sich mit der Zeit“, sagt Frick, der in der Radtour „ein ganz tolles Jumelage-Projekt“ sieht. Schade findet er nur, dass das Wetter an den beiden ersten Tagen „eine Katastrophe“ war. Schließlich hätten er und seine Kollegen ihren Freunden aus Deutschland gern noch viel mehr von der Landschaft gezeigt. „Man hätte so schön den Mont Blanc sehen können.“ In Kieselbronn wohnt Frick während des Austauschs bei einer Gastfamilie. Das ist so üblich, schon seit 39 Jahren.

Damals hat Bürgermeister Gerhard Drautz das Ganze gestartet: zusammen mit seinem französischen Amtskollegen Jean-Claude Bobillon, mit dem ihn nach wie vor eine Freundschaft verbindet, die weit über den Austausch hinausreicht. Jahrelang haben die beiden Familien gemeinsam Urlaub gemacht, abwechselnd in Frankreich und in Deutschland. Einmal war Drautz sogar mit einer Delegation im US-amerikanischen Louisiana, weil die Nachbargemeinde von Bernin eine entsprechende Partnerschaft unterhält. „Wir haben ganz tolle Sachen erlebt“, sagt Drautz. Obwohl er kein Französisch und Bobillon kein Deutsch spricht, haben sich die beiden immer irgendwie verständigen können, oft auf Englisch. „Da hat es nie Probleme gegeben.“ Bis heute freut sich Drautz jedes Jahr auf den Austausch.

Wertvolles Instrument

Sein Nachfolger Heiko Faber sieht darin ein wertvolles Instrument der Völkerverständigung, auch wenn es „im großen Weltgeschehen“ vielleicht klein erscheinen mag. „Aber gerade diese vielen persönlichen Begegnungen und Freundschaften sind wichtige Bausteine für ein friedliches und geeintes Europa.“ Denn Verständigung beginnt für Faber nicht in den großen Konferenzsälen der Weltpolitik, sondern „vielmehr bei den Begegnungen zwischen den Menschen“. Mit ihren Freunden aus Kieselbronn haben die Gäste aus Frankreich zahlreiche Ausflüge unternommen, etwa nach Bretten, nach Bad Wimpfen und in den Pforzheimer Gasometer. Der Besuch einer Straußwirtschaft stand ebenso auf dem Programm wie ein Festabend mit reichhaltiger Bewirtung, Redebeiträgen und Musik von Marina Weißert.