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So kannten ihn die Menschen: Walter Appenzeller mit Hut und im Hintergrund die Weinberge von Keltern. 

Abschied von einem streitbaren Geist: Keltern trauert um Walter Appenzeller aus Dietlingen

Keltern. Wer Walter Appenzeller aus Dietlingen im Kelterner Gemeinderat erlebte, traf im Bürgersaal des Ellmendinger Rathauses stets auf einen engagierten Redner, der viele Facetten sein eigen nannte.

Vom schmunzelnden und wohlwollenden Zuhörer bis hin zum aufbrausenden Diskussionsteilnehmer: Bisweilen schien dem Dietlinger schier gar die Hutschnur zu reißen und die sich an Geschwindigkeit und Lautstärke in den Ratssaal ergießenden  Wortkaskaden erreichten eine erstaunlich hohe Phonzahl. Kelterns Bürgermeister Steffen Bochinger schreibt in seinem am Montag veröffentlichten Nachruf:

„Er war ein Mensch, der mit Leidenschaft und Emotionen für etwas werben und kämpfen konnte. Er war dafür bekannt, seine Meinung klar und deutlich, manchmal auch lautstark zu äußern.“

Und auch beim Grünen-Ortsverband wird gewürdigt: „Wir haben einen engagierten, gebildeten und streitbaren Kollegen und Freund verloren.“ Diese streitbare Stimme wird fortan ausbleiben: Nicht etwa deshalb, weil er bei den zurückliegenden Kommunalwahlen nach fast 18 Jahren nicht mehr in den Kelterner Gemeinderat eingezogen war, dem er von Dezember 2000 bis Mai 2019 angehört hatte: Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die betrübliche Nachricht vom Ableben des 59-Jährigen  am Freitag. Erst gerade noch hatte er tolle Bilder vom Bodenseeurlaub im Internet gepostet und der Bürgermeister einen stimmungsvollen Fototermin mit ihm in den Weinbergen anlässlich der Präsentation des neuen Weinbergmobiliars absolviert.

Der Experte aus dem Landwirtschaftsamt des Enzkreises kannte die Ackerflächen der Region und die sie bewirtschaftenden Landwirte aus dem Effeff. Sprach gerne von „seinen Landwirten“.

Die Betroffenheit ist auch im Landratsamt groß. Die Pressestelle veröffentlichte am Montag eine Würdigung. Hierin heißt es unter anderem: „Über die Landkreisgrenzen hinaus galt er als Spezialist im Pflanzenschutz, insbesondere bei landwirtschaftlichen Kulturen, aber auch im Weinbau und war seit vielen Jahren Ansprechpartner für die Landwirte, Winzer und Gärtner im Enzkreis, aber auch für die Kommunen.“

Appenzeller als Querdenker

Über den Beruf hinaus war Appenzeller dem Weinbau und der Ökologie in besonderem Maße verbunden. Er zählte sowohl bei den Grünen als auch beim BUND zu den bekannten Gesichtern, die ökologische Themen über viele Jahre ein ums andere Mal thematisierten. Als Querdenker stieß der Dietlinger aber auch bei so manchem Naturschützer sauer auf. Sein bisweilen zu hörender Zuspruch zum Einsatz vom Glyphosat passte nicht ins gängige Öko-Weltbild. Umgekehrt lobten andere, wie nun Kelterns Rathauschef: „Er konnte bei Entscheidungen über die Parteibrille hinausblicken.“ Der BUND ließ ebenfalls am Montag nicht die Leistungen von Appenzeller unerwähnt: Er habe sich mit viel Engagement für eine umweltfreundliche Landwirtschaft sowie den Natur- und Umweltschutz in der Region eingebracht.

Nach seiner Ausbildung zum Winzer absolvierte der am 11. Juni 1961 in Pforzheim geborene Appenzeller ein Studium der Agrarwissenschaften an der FH Nürtingen. Eine Zeit lang war er Winzer im Nebenerwerb, zuletzt hatte er die Arbeit im Weinberg allerdings eingestellt, blieb aber bis zuletzt dem von ihm begründeten und geleiteten Kelterner Weinbau-Stammtischs treu. Bei den Grünen war er lange Zeit aktiv: ab 1997 auch im Kreisverbandsvorstand, von 2004 bis 2008 als geschäftsführender Vorsitzender. Vorsitzender des Grünen-Ortsverbandes war er von 1999 bis 2019. Dem Vorstand des BUND-Regionalverbandes Nordschwarzwald gehörte er von 1991 bis 2018 an, davon als Vorsitzender von 2007 bis 2018.

Entfremdung von seiner Partei

Vieles im Leben von Walter Appenzeller nahm im August 2018 eine Wendung mit der bitteren Krebsdiagnose, der sich anschließenden Operation sowie der Chemo- und Strahlentherapie. Auch, wenn er seit Ende April 2019 wieder im Dienst war, hatte womöglich die Erkrankung doch Einfluss auf ihn und auch die Entfremdung von seiner Partei. Langjährige politische Begleiter bedauerten, dass die sonst sie intensive und belebende Kommunikation mit dem Dietlinger teilweise zum Erliegen gekommen sei. Inhaltlich sah mancher Parteifreund Appenzellers An- und Einsichten zunehmend mit Befremden: Der Land- und Landwirtschaftsexperte ließ auf Plattformen sozialer Medien ein ums andere Mal durchblicken, dass Umweltschutz nicht zum ideologisch motivierten Spielball elitärer, großstädtischer Eliten werden dürfe, die noch nie eine Streuobstwiese bearbeitet oder im Weinberg eine Lese erlebt hätten. Zornig war der Dietlinger beim Volksbegehren zum Artenschutz in Baden-Württemberg. Gut gemeinte Absichten könnten sich schnell in ihr Gegenteil verkehren, befürchtete der Weinbaufreund und wies am Beispiel von Keltern und der Region darauf hin, dass die vorzugsweise in landwirtschaftlichen Schutzflächen wirtschaftenden Winzer riesige Probleme bekämen, wenn die Formulierungen des Referendums nicht geändert würden.

Appenzeller war ein passionierter Hutträger. Der Dietlinger ohne Hut: Da fehlte etwas. Auch sein Hobby, historische Postkarten aus der Region zu sammeln, war für ihn ein liebgewordenes Steckenpferd, neue Sammelstücke präsentierte er leidenschaftlich in den sozialen Netzwerken. Der Abschied vom „Herzblutwinzer und Menschen, der sich immer zu hundert Prozent für Keltern eingesetzt hat“ (Zitat Bochinger), fällt ungemein schwer. Auch die Trauerbezeugungen im Internet sprechen Bände.