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Gemeinsam mit Heinrich Furrer (links) geht Familie Gjoli unzählige Dokumente durch. Die Papierstapel halfen schließlich, dass Vater Nike und Mutter Lindita ihrer Tochter Sara wieder in die Arme schließen können (von rechts).  Foto: Wessinger 

Albanische Frau auf Reise nach Neulingen zu Unrecht an Flughafen festgehalten

Neulingen. Es ist eine Geschichte, die Heinrich Furrer nicht nur als Amtsinhaber einiger kommunalpolitischer Posten in Neulingen und im Kreistag, sondern vor allem auch als Privatmann schockiert und wohl in Zukunft auch noch lange beschäftigen wird.

Im Sommer 2015 kommt die albanische Familie Gjoli mit der Aussicht auf ein besseres Leben nach Deutschland. Zu fünft finden sie in Neulingen ihr neues Zuhause und planen, für immer im Enzkreis zu bleiben. Der Familienvater Nike Gjoli baut schnell den Kontakt zu Furrer auf – und findet dadurch immer wieder Möglichkeiten, zu arbeiten. Tochter Sara beginnt eine Ausbildung als Altenpflegerin im Seniorenzentrum Haus Bethesda. Ihre beiden jüngeren Geschwister besuchen die Schule und gehen zum Kindergarten. Und auch die Mutter findet sozialen Anschluss in ihrer vermeintlich neuen Heimat.

Dann der Schock: Alle Familienmitglieder außer Sara müssen im Januar 2017 Deutschland verlassen, werden abgeschoben. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hatte den Asylantrag der Familie bereits im Dezember 2015 abgelehnt. Eine eingereichte Klage hatte ebenso wenig Erfolg, wie die Weitergabe an die Härtefallkommission. Lediglich die volljährige Tochter durfte aufgrund ihrer Ausbildung in Deutschland bleiben. Seit zwei Jahren mittlerweile lebt sie in Bauschlott alleine. „Es ist nicht leicht. Ich vermisse meine Familie sehr“, sagt sie im Gespräch mit der „Pforzheimer Zeitung“ (PZ). Direkt nach ihrer Ankunft in Deutschland habe sie angefangen, die deutsche Sprache zu lernen – mit hörbarem Erfolg.

Insgesamt 24 Monate dürfen Vater, Mutter und die Geschwister Sara in Deutschland nicht mehr besuchen, denn durchgeführte Abschiebungen haben zur Folge, dass der betroffene Ausländer nicht erneut in das Bundesgebiet einreisen und sich hier aufhalten darf. So schreibt es das Gesetz der Bundesrepublik vor. Dass die junge Frau zwei Jahre lang ohne ihre Familie ein einziges Mal zu sehen, ihr Alltagsleben bewältigen muss, da sie das Land nicht verlassen dürfe, ist die eine Sache. „Das ist aber noch nicht alles“, erklärt Furrer, der von Beginn an und auch heute noch der Familie stets helfend zur Seite steht. Als die vorgeschriebene sogenannte Einreisesperre im Februar dieses Jahres durch eine Verkürzung bereits nach 24 anstatt üblichen 30 Monaten überstanden war, versuchten die Eltern mit ihren beiden Jüngsten, schnellstmöglich nach Deutschland zu gelangen, um ihre älteste Tochter endlich wieder in die Arme schließen zu können. „Sie kamen nicht als Asylsuchende her, sondern als Touristen“, stellt Furrer klar. „So wie jeder andere, der in den Urlaub fährt“, ergänzt er.

Dennoch hatte Nike Gjoli einige kleinere Schwierigkeiten bei der Einreise und Lindita Gjoli wurde gemeinsam mit ihren Kindern die Einreise in Basel sogar komplett verweigert. Der Grund: „Durch Personal- und Zuständigkeitswechsel wurde von uns versäumt, diese Verkürzung an die Polizei weiterzugeben“, erklärte Oliver Deuse vom Amt für Migration und Flüchtlinge des Enzkreises damals in einem Schreiben an den Anwalt der Familie Gjoli. Die Konsequenz: Die Mutter musste nach Albanien zurückkehren, der Familienvater konnte zu seiner Tochter nach Neulingen. Vergangene Woche dann der erneute Versuch: „Meine Mutter wollte am Donnerstag ganz normal wieder nach Deutschland einreisen“, erzählt Sara. Alles sollte reibungslos über die Bühne gehen, denn das Landratsamt versicherte der Familie im bereits erwähnten Brief, dass es zu „keinen weiteren Schwierigkeiten bei einer erneuten Einsreise in die Bundesrepublik Deutschland kommen wird.“ Doch auch dieses Mal lassen die Behörden am Stuttgarter Flughafen Lindita Gjoli nicht einreisen. Denn: „Es bestand eine Einreisesperre seitens der Schweiz, die automatisch für den gesamten Schengenraum gilt“, sagt Deuse gegenüber der PZ. Das Landratsamt habe unverzüglich Kontakt mit der Grenzwache Schweiz aufgenommen und versucht, eine Löschung der Sperre zu erwirken. „Dafür muss aber ein formelles Verfahren an das Schweizer Bundesamt für Migration gerichtet werden, was uns in der aktuellen Situation nicht weiterhalf“, erklärt Deuse weiter. Mit der Hilfe der Sirene Deutschland konnte der Sachverhalt schließlich aufgeklärt werden, so dass die Bundespolizei die Frau einreisen ließ. Zu diesem Zeitpunkt hatte Lindita Gjoli aber bereits ihr Ticket zurück nach Albanien bezahlen müssen, da sie direkt in das nächste Flugzeug hätte steigen sollen. Insgesamt 230 Euro nahmen ihr die Bundespolizisten vor Ort ab. Informationen, ob sie dieses Geld je wieder sehen werde, habe sie vor Ort aber keine bekommen. „Fehler können passieren, aber dann muss es Instrumente geben, die schnell für Lösungen sorgen“, bemängelt Furrer diese Vorgehensweise. Er wolle vor allem in Hinblick auf die emotionale Zumutung, die die Familie über Wochen hinweg ertragen musste und auch wegen des Geldes, an der Sache dran bleiben – und sich auf alle Fälle an „unsere Landtagsabgeordneten“ wenden, so Furrer.

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