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Weil ein Spezialalarm einen Amoklauf an der Bergschule Singen meldete, ist die Polizei mit einem Großaufgebot an die Remchinger Schule geeilt. Zum Glück stellte sich später heraus, dass es sich um einen Fehlalarm gehandelt hat. © Seibel
Gaben Entwarnung auf einer Pressekonferenz in der Bergschule Singen: (von rechts) Polizei-Einsatzleiter Peter Graeber, Polizeisprecher Frank Otruba und der Remchinger Bauamtsleiter Udo Schneider. © Seibel
Keiner kommt rein, keiner kommt raus: Die Polizei hat das Areal rund um die Bergschule Singen weiträumig abgesperrt. Ein technischer Alarm hat auf einen Amoklauf verwiesen. Die Polizei sucht noch nach möglichen Tätern, es könnte aber auch ein Fehlalarm gewesen sein. © Leserfoto: Andreas Spadi
12.12.2012

Amok-Alarm in Bergschule Singen: Kabel defekt?

Ein technischer Alarm hat die Pforzheimer Polizei unter Hochspannung gesetzt und ganz Remchingen-Singen in ein Meer aus Blaulicht getaucht. Ein Großaufgebot an Polizeikräften und Spezialeinheiten ist zur Bergschule in Singen geeilt, um einen möglichen Amoklauf zu verhindern. Die ganze Gemeinde war in Aufruhr, an den Absperrungen bangten in Tränen aufgelöste Mütter um ihre Kinder, während sich Polizisten mit schusssicherer Kleidung, Helm und Maschinenpistole in gebückter Haltung dem Schulhaus näherten.

Bildergalerie: Amok-Alarm: Polizei umstellt Bergschule Singen

Ein besorgter Großvater eines achtjährigen Zweitklässlers aus der Bergschule berichtete PZ-news von Müttern und Großeltern, die aus Sorge um ihre Kinder zur Schule gelaufen waren, ohne genau zu wissen, was denn überhaupt passiert sei. Wie ein Lauffeuer hatte sich der Großeinsatz der Polizei im Ort herumgesprochen. Die Martinshörner von Dutzenden von Polizeiautos waren nicht zu überhören.

Der Großvater war in Wilferdingen auf den Polizeieinsatz aufmerksam geworden und hat dann über diverse Kanäle den Einsatzort in Erfahrung gebracht. Auch ihn beeindruckten der massive Polizeieinsatz, die schwer bewaffneten Polizisten und die Ernsthaftigkeit der Situation. Die Polizisten an den weiträumig um das Schulgelände errichteten Straßensperren durften keine Auskunft geben, aber allmählich sickerten doch erste Informationen durch, dass es einen Amok-Alarm gegeben habe. Auch PZ-news hatte früh über die Alarmierung informiert.

Um 9.52 Uhr kam dann über die Schullautsprecher die erlösende Durchsage, dass es keinen Amoklauf gegeben habe. Um 8.24 Uhr hatte es noch ganz anders ausgesehen. Zu diesem Zeitpunkt lief das speziell nur für echte Notfälle gedachte Alarmsignal bei der Pforzheimer Polizei ein. Angesichts der vergangenen Schießereien und Todesfälle in deutschen Schulen geht die Pforzheimer Polizei mit solchen Alarmen sehr sensibel um, denn im Notfall können tatsächlich Sekunden über Leben und Tod entscheiden.

In kürzester Zeit waren drei mit Amok-Ausrüstung ausgestattete Interventionstrupps des für diese Lagen speziell ausgebildeten Streifendienstes vor Ort, durchsuchten sämtliche Räume des Schulkomplexes nach möglichen Tätern und nahmen Kontakt zu den Schulklassen auf. Die Schule und der angrenzende Kindergarten wurden zeitgleich mit einem großen Kräfteansatz umstellt und Kontakt zu den Schulverantwortlichen sowie zu allen vor Ort befindlichen Lehrern aufgenommen. Weiterhin wurden Spezialeinsatzkräfte aus Karlsruhe hinzugezogen, weitere Interventionseinheiten nachgezogen sowie ein Polizeihubschrauber angefordert.

Insgesamt sind 90 Beamte mit Blaulicht und Martinshorn zur Bergschule in Singen gerast, um das Areal weiträumig abzusperren. „Kein Mensch durfte sich dem Schulgelände nähern. Wir konnten die Schule nicht einmal sehen“, schildert PZ-Redakteurin Bärbel Schierling ihre Eindrücke vor Ort.

Schwer bewaffnete Polizisten suchten in der Schule nach potenziellen Tätern oder nach Hinweisen auf den Versuch einer Amoktat. Im Verlauf der Aktion wurde den Polizisten dann recht schnell klar, dass der Amok-Alarm wohl nicht auf ein reales Bedrohungsereignis zurückzuführen war. Eineinhalb Stunden nach dem ersten Schock konnte Entwarnung gegeben werden.

Am Ende dürften es Handwerker gewesen sein, die aus Versehen ein Kabel beschädigt haben, das an der Amok-Alarmanlage hängt. In der Bergschule Singen waren Handwerker bei der Arbeit, aber laut dem Remchinger Bauamtsleiter Udo Schneider müssten die Ursachen für den Fehlalarm erst noch genauer untersucht werden.

Bei der Polizei konnte man aufatmen: Einsatzleiter Peter Graeber und Pressesprecher Frank Otruba berichteten über das massive Polizeiaufgebot und das schnelle Reagieren der Einsatzkräfte. Bei einem Amoklauf sei immer Eile geboten, und außerdem habe es sich um einen speziellen Alarm gehandelt, der in der Regel nur in einem echten Notfall ausgelöst werde.

„Mit dem Einsatzverlauf und insbesondere der Handhabung der Alarmsituation in der Schule bin ich sehr zufrieden“, sagte der Leiter der Polizeidirektion Pforzheim, Burkhard Metzger. „Der Vorfall hat bestätigt, dass die Polizei des Landes Baden-Württemberg mit ihrem Einsatzkonzept für derartige Anlässe sehr gut aufgestellt ist.“

Gelobt wurde von der Polizei auch das Verhalten der 27 Lehrer, die ihre 355 Schüler davon abgehalten hätten, in Panik zu geraten. In der Bergschule Singen sind überdies noch zwei Kindergarten-Gruppen untergebracht. Wie es der Krisenplan der Schule und die polizeilichen Empfehlungen vorsehen, hatten sich die Lehrer mit ihren Schülern bei Ertönen des Alarmtons in den Klassenzimmern eingeschlossen.

Wie Konrektorin Angelika Veit im Video von PZ-news erklärte, seien fast alle älteren Schüler ruhig geblieben. Bei den jüngeren hätte es mit fortdauernder Isolation im Klassenzimmer doch hin und wieder ein paar Tränen der Angst gegeben. Die Lehrer hätten mit den Kleinen gesungen oder Spiele gemacht, um sie von dem Polizeieinsatz abzulenken. Nach der ersten Entwarnung per Schullautsprecher ging es dann im Schulbetrieb recht schnell wieder zur Tagesordnung über.

Mögliche erforderliche Betreuungsmaßnahmen einzelner Schüler erfolgen durch die Schule selbst. Hilfsangebote mussten bislang nicht in Anspruch genommen werden.

Die Aufregung war auch unter den Anwohnern groß, denn deren Bewegungsfreiheit war durch die Polizeiabsperrung ebenfalls eingeschränkt. Und viele waren irritiert, weil sie zunächst keine Informationen über den Grund der Straßensperren hatten. Über die schnelle Berichterstattung auf PZ-news haben jedoch etliche Bürger von dem Amok-Alarm erfahren. Thomas Kurtz

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