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Auf den Spuren des jüdischen Lebens: Thorsten Trautwein, Michael Jaakov Bar-Lev , Pr. Dr. Bernd Brandl, Marina Lahmann und Bürgermeister von Bad Liebenzell Dietmar Fischer (von links) freuen sich über das Buch.  Foto: Knöller 

Auf den Spuren des Judentums im Nordschwarzwald

Lässt man die Gedanken um jüdisches Leben in Deutschland kreisen, wird wohl oft an die schreckliche Verfolgung, Ausgrenzung oder Konzentrationslager gedacht. Doch die Wurzeln der jüdischen Familien in Deutschland reichen viel weiter zurück – seit 1700 Jahren leben nachweislich Juden auf dem deutschen Staatsgebiet, wie Schuldekan Thorsten Trautwein berichtet. Auch im Nordschwarzwald blühte das jüdische Leben in der Vergangenheit. Auf die Spuren des Judentums in der Region begaben sich 28 Autorinnen und Autoren. Von den Ursprüngen im Mittelalter bis zum Leben in der Gegenwart berichten die Ehrenamtlichen in dem Sammelband: „Jüdisches Leben im Nordschwarzwald“.

Die Projektgruppe „Papierblatt“ nahm sich der Herausforderung vor nur einem Jahr an und suchte nach freiwilligen Autoren. „Wir hatten das Bedürfnis, nicht nur über das Leiden und den Tod der Juden, sondern auch über deren Leben bei uns zu berichten“, so Trautwein. Das Festjahr habe die Schreiberinnen und Schreiber angetrieben, denn das Buch sollte unbedingt zum Jubiläum „1700 Jahre Judentum in Deutschland“ erscheinen, wie der Schuldekan weiter sagt. So entwickelte sich eine bunte Mischung aus Ehrenamtlichen, die teilweise beruflich im Zusammenhang mit der Thematik stehen und laut Trautwein „alle mit viel Herzblut dabei waren.“

Die zahlreichen Kur- und Erholungsmöglichkeiten des Nordschwarzwalds nutzen Juden in der Vergangenheit. Um 1900 waren nach Recherchen von Marina Lahmann, die neben dem Stadtmarketing auch für das Bad Wildbader Archiv zuständig ist, zwischen acht und zehn Prozent der dortigen Kurgäste jüdischer Herkunft. Es seien überdies 15 Biographien von Juden, die sich in dem Kurort niederließen, bekannt. Die zugewanderten Juden eröffneten Hotels, Geschäfte oder arbeiteten als Ärzte. Doch ihr scheinbar integriertes Leben blieb meist nicht unberührt. So traf es etwa Aurel Radowitz, der in Bad Wildbad von 1931 bis 1941 ein Hotel betrieb. Allein die Vermutung über seine jüdische Abstammung führte zur Isolation aus der Gemeinschaft und schließlich zur Deportation in das Konzentrationslager von Auschwitz.

Persönliche Schicksale wie diese waren kein Einzelfall. Auch Bernd Brandl von der Internationalen Hochschule Liebenzell erzählt von Fällen der Verfolgung zugewanderter Juden in Schömberg. Wie viele andere jüdische Lungenkranke nutze etwa die Familie Eckstein den Heilklimaort zunächst für Kuraufenthalte. Doch die Ecksteins entschieden sich, in der besseren Schwarzwaldluft zu bleiben und ihr eigenes Geschäft zu betreiben. In der Zeit des Nationalsozialismus kehrte sich das Leben der einst so glücklichen Familie in bitteres Leid.

Um Schicksale wie diese nicht zu vergessen, sieht Trautwein in dem Buch eine „wichtige Erinnerungs- und Versöhnungsarbeit.“ Doch: „Das Buch ist nur der erste Schritt. Es soll auch zu Gesprächen und Begegnungen anregen, damit diese wichtigen Themen im Gedächtnis bleiben.“