Charlotten
Wenn die Nacht hereinbricht, wird es gruselig auf der Charlottenhöhe. Die Häuser liegen abgeschieden im Wald zwischen Calmbach und Schömberg.

Charlottenhöhe zieht Geisterjäger in Scharen an

Eigentlich ist es ja ganz ruhig an der Charlottenhöhe, schon fast unheimlich ruhig. Bei den abgeschiedenen Häusern der früheren Lungenheilstätte sorgen tagsüber höchstens Wanderer für ein wenig Abwechslung. Das ändert sich, wenn es dunkel wird im Wald zwischen Schömberg und Calmbach: Dann trauen sich nicht nur die Rehe heraus. Nein, dann irren auch seltsame Gestalten herum, deren Taschenlampen immer wieder die Finsternis erhellen und bei den Anwohnern für Angst und Schrecken sorgen. Geister?

Nein, keineswegs. Es sind vielmehr Geisterjäger, die in den alten, zum Großteil unbewohnten Gemäuern nach Erscheinungen aus dem Jenseits suchen.

Der Spuk mit der Gespensterjagd hat seit diesem Sommer extrem zugenommen, wie Klaus Böhr vom Polizeiposten Schömberg erzählt. Sehr zum Leidwesen der wenigen Anwohner, die sich immer wieder massiv beschwert haben – und zwar bei der Internet-Plattform „Gespensterweb.de“. In diesem Forum tauschen sich Gleichgesinnte über Spuk-Erscheinungen und gruselige Plätze aus. Außerdem gibt es Hinweise, was man zur Geisterjagd braucht und wie man Erscheinungen deuten kann.

In einem Schreiben der genervten Anwohner an die Macher der Internet-Plattform heißt es, es hätten sich „wieder einmal, wie schon so oft, einige Geisterjäger von Euch auf den Weg hier hoch begeben.“ Die Gespensterjäger stiefelten einfach über die Grundstücke der Anwohner und belästigten sie mit Fragen. Sie wollen zum Beispiel wissen, ob hier einmal Menschen verflüssigt worden seien.

Die Bewohner seien auf die Charlottenhöhe gezogen, um ihre Ruhe zu haben. „Und nicht laufend gestrandete Geisterjäger zum Bahnhof zu fahren oder das Gedröhne der Motoren und Geschreie der anderen Möchte-gern-Ghostbusters ertragen zu müssen“, wie weiter betont wird.

Auch die Polizei wurde immer wieder alarmiert, um die unerwünschten Besucher zu vertreiben, die vor Hausfriedensbruch und Ruhestörung nicht zurück schrecken. Kein leichtes Unterfangen, denn das Gelände ist groß, unübersichtlich und ungesichert, so Polizist Böhr.

Also optimal für die selbst ernannten Geisterjäger, die alles genau unter die Lupe nehmen. Und wenn Türen nicht abgeschlossen sind, gehen sie einfach hinein. Für die wenigen Rumänen, die seit kurzer Zeit dort wohnen, sei der Spuk sehr beängstigend gewesen, so der Polizist. Einmal haben die unerwünschten Gespenster-Sucher sogar per Facebook zu einer Party auf der Charlottenhöhe eingeladen. Aber das habe die Polizei mitbekommen und „durch Kontrollen an der Zufahrt verhindert“, berichtet Böhr.

Was die Geisterjäger so an dem abgeschiedenen Ort reizt, wird schnell klar, wenn man ihre Kommentare im Internet liest. Es scheint der Nervenkitzel zu sein: „Es ist echt gruselig dort oben“, lautet ein Kommentar. In einem anderen heißt es: „Da oben gehen nicht normale Sachen vor sich.“ Und ein weiterer Nutzer gibt zu: „Man bekommt schnell Angst.“

Allerdings: Die Macher von „Gespensterweb.de“ distanzieren sich von dem Treiben der Geisterjäger. Sie drohen mit Anzeigen und dem Ausschluss aus dem Forum, sollten die unerwünschten Besuche dort nicht beendet werden. Man habe erfahren, dass bei der Polizei bereits 106 Strafanzeigen erstattet worden seien. „Wir haben den Bewohnern der Charlottenhöhe unsere volle Unterstützung zugesagt“, so die Verantwortlichen. Sie enden mit einem klaren Aufruf: „Unser Tipp für die Zukunft: Haltet Euch fern von der Charlottenhöhe.“

Nach Einschätzung von Polizist Böhr haben die verstärkte Polizeipräsenz und die Warnung des Forums bereits Erfolge erzielt. In jüngster Zeit seien kaum noch Geisterjäger gesichtet worden. Und wenn der Spuk vorbei ist, wird es wieder ruhig auf der Charlottenhöhe – schon fast unheimlich ruhig.