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Von Hass oder gar Rache wollen Marias Eltern Friederike und Clemens Ladenburger nicht sprechen.
Von Hass oder gar Rache wollen Marias Eltern Friederike und Clemens Ladenburger nicht sprechen. © BDZV/Rakoczy
11.03.2019

Das sagen Maria Ladenburgers Eltern über den Prozess gegen den Mörder ihrer Tochter, ihren Glauben und ihre Familie im Enzkreis

Maria Ladenburgers Tod schockierte die Republik. Am 16. Oktober 2016 wurde die Freiburger Medizinstudentin auf dem Heimweg von einer Feier von Hussein K. vom Fahrrad gestoßen, vergewaltigt und getötet. Der afghanische Asylbewerber wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Marias Eltern, Clemens und Friederike Ladenburger, gründeten nach dem Tod ihrer Tochter in ihrem Namen eine Stiftung. Am Mittwoch werden sie als Bürger des Jahres mit dem Bürgerpreis der deutschen Zeitungen in Berlin geehrt. Die PZ hat mit Ihnen über den Prozess gegen den Mörder ihrer Tochter, den Halt, den ihnen ihr Glaube gibt und die Verbindung zur Familie im Enzkreis gesprochen.

PZ: Frau Ladenburger, Herr Ladenburger, einen Tag, bevor am 23. März 2018 das Urteil gegen den Mörder Ihrer Tochter gesprochen wurde, haben Sie die Gründung der nach ihr benannten Maria-Ladenburger-Stiftung bekanntgegeben. Was war der Zweck dieses Timings?

Clemens Ladenburger: Es hat sich glücklich gefügt, dass wir mit den Vorbereitungen für die Stiftung zu diesem Zeitpunkt fertig waren, dank der großartigen Zusammenarbeit mit dem Verband der Freunde der Universität Freiburg. Es war unser Wunsch, dass die Erinnerung an unsere Tochter nicht nur mit diesem entsetzlichen Verbrechen verbunden sein soll, sondern mit ihrem Leben. Deshalb haben wir für die Stiftungsbezeichnung auch bewusst Marias vollen Namen verwendet, der bis zum Ende des Prozesses in der Öffentlichkeit und in den Medien ja immer nur abgekürzt verwendet werden durfte. Aber jetzt dachten wir: Im Kontext der Stiftung ist es uns recht.

Wie kamen Sie überhaupt auf diese Idee?

Friederike Ladenburger: Sie hat sich seit Sommer 2017 aus vielen kleinen Puzzlesteinen zusammengefügt. Wir haben eine große Dankbarkeit empfunden, dass wir Maria geschenkt bekommen hatten und mit ihr eine ganz besondere – wenn auch viel zu kurze – Zeit erleben durften. Deshalb wollten wir anderen Studierenden etwas schenken, was Marias Wirken und ihrer Ausstrahlung entsprechen und ein Zeichen der Mitmenschlichkeit in ihrem Sinne setzen sollte. Unsere beiden anderen Töchter haben unsere Überlegungen übrigens stark mitgeprägt.

Im Prozess gegen den Täter waren Sie Nebenkläger. Wie sind Sie an das Verfahren herangegangen? Sie haben sich dazu ja bislang nie öffentlich geäußert.

Friederike Ladenburger: Wir haben es als unsere Pflicht angesehen, als Nebenkläger unseren Beitrag zur juristischen Aufarbeitung zu leisten. Dafür haben wir uns einen sehr kompetenten Anwalt gesucht, Professor Bernhard Kramer. Er hat uns in der Begleitung des Prozesses sehr geholfen und uns fortlaufend detailliert informiert. Wir waren selbst bewusst nicht im Gerichtssaal. Wir wollten uns so ein Stück Distanz bewahren.

Welche Marschroute haben Sie Ihrem Anwalt aufgegeben?

Clemens Ladenburger: Wir wollten ein möglichst konstruktives, sachliches Vorgehen im Dienste der Rechtsprechung. Aber keinen von unserem Anwalt zusätzlich angefachten Medienrummel, keine politischen Begleitstatements, keine Überlagerung des Prozessverlaufs durch emotionale Einlassungen seitens der Opfer, also von uns. Nur zum Prozessbeginn und am Tag des Urteils haben wir jeweils eine Erklärung veröffentlicht.

Hatten Sie nie den Gedanken, dem Täter einmal Auge in Auge gegenüberzustehen?

Clemens Ladenburger: Wir haben das offengehalten. Es war jedenfalls nicht von vornherein klar, dass wir dem Prozess von Anfang bis Ende fernbleiben würden. Aber im Verlauf des Verfahrens haben wir uns dann gefragt: Möchte Maria, dass wir da hingehen? Und wir sind zum Ergebnis gekommen: Nein, das möchte sie nicht. Außerdem haben wir aufgrund des Täterprofils und seines Verhaltens vor Gericht zunehmend den Eindruck gewonnen, dass wir mit einer persönlichen Konfrontation nichts erreichen und auch uns damit nicht helfen würden.

Sie betonen einerseits die Funktionsfähigkeit des Rechtsstaats. Andererseits brachte der Prozess eklatantes Versagen des Staates und staatlicher Behörden ans Licht – nicht nur hier in Deutschland, sondern zuvor schon in Griechenland. Niemand zog die falsche Altersangabe des Täters bei seiner Einreise in Zweifel. Seine kriminelle Vorgeschichte war nicht bekannt, in Griechenland war er trotz eines Kapitalverbrechens aus der Haft entlassen worden, und keinen kümmerte das mehr. Haben Sie angesichts solch haarsträubender Erkenntnisse nicht mit diesen eklatanten Mängeln, diesen blinden Fleck des Rechtsstaates, oder gar mit der ganzen Willkommenskultur gehadert?

Clemens Ladenburger: Wir haben es uns sicher nicht ausgesucht, dass ausgerechnet das Schicksal unserer Tochter – „der Fall Maria L.“ – zusammen mit anderen schlimmen Vorkommnissen…

… wie der Kölner Silvesternacht 2015/2016…

… eine Reihe von Fragen aufgeworfen hat, die den politischen und gesellschaftlichen Akteuren zuvor nicht so deutlich waren, die aber offen diskutiert werden müssen.

Welche Fragen?

Clemens Ladenburger: Nun, Fragen wie die nach den Zusammenhängen von Migration und innerer Sicherheit; nach den Kontrollen in Asylverfahren; nach der Zusammenarbeit in Europa und nicht zuletzt nach den großen Herausforderungen der Integration. Auch uns treiben diese Fragen um – als Juristen und als politisch denkende Menschen. Es ist wichtig, dass über diese Fragen diskutiert wird, auch kontrovers diskutiert wird. Aber wir wünschen uns, dass das sachlich geschieht und mit Respekt vor der Einstellung und der Herkunft des anderen.

Woher nehmen Sie die Kraft, auf Gefühle wie Wut, vielleicht sogar Hass, und Rachegelüste zu verzichten?

Clemens Ladenburger: Ich würde nicht von Hass oder Rache sprechen. Aber dass wir keine Momente der Bitterkeit, der Wut, auch der Niedergeschlagenheit und Resignation gehabt hätten, könnte ich sicher auch nicht behaupten.

Friederike Ladenburger: Ohne Zweifel mussten und müssen wir als trauernde Eltern einen schwierigen Weg gehen – wie viele andere Eltern auch. Die größte Kraftquelle war und ist – Maria selber. So jung sie auch war, sie hatte eine sehr reife und starke Art, den Blick auf das Positive zu lenken, auf das Tragende, auf den Halt in aller Zerrissenheit und allem Leid. Das haben wir gespürt, als dieses Leid sie selbst und dann auch uns aufs Grausamste getroffen hat.

Was ist dieser Halt?

Friederike Ladenburger: Unser Glaube. Wir sind Christen, und als Christen waren wir vom Moment der Todesnachricht an gewiss, dass es Maria gut geht, dass sie gut aufgehoben und bewahrt ist.

Clemens Ladenburger: Wir haben gespürt, Gott gibt uns die Kraft, dieses Schicksal zu meistern. Er ist bei uns, er begleitet uns. Wir haben gemerkt: Es ist uns jetzt eine neue Lebensaufgabe zugewachsen, mit dem gewaltsamen Tod unserer Tochter zu leben, und wir können das schaffen. Das haben wir uns von Anfang an gesagt, und wir sagen es uns immer wieder. Und das Gefühl der Dankbarkeit, von der wir schon sprachen, hilft uns, all die anderen Gefühle nicht so sehr hochkommen zu lassen, dass sie die Oberhand gewinnen.

Herr Ladenburger, Sie bekommen gerade viel Unterstützung von Ihrem Bruder. Wie wichtig sind beziehungsweise waren Ihnen die Bande zu Ihrer Familie hier in der Region, auch bei der Verarbeitung vom Tod Ihrer Tochter?

Clemens Ladenburger: Wir Ladenburgers sind Familienmenschen. Ich habe ein allerengstes Verhältnis zu meinem Vater, zu meinem Bruder, meinen Schwestern und ihren Ehepartnern, zur ganzen Familie, die in Birkenfeld und in der Region lebt. Für mich, meine Frau und unsere beiden anderen Töchter war der enge Zusammenhalt mit der Familie seit dem Tod unserer Maria ein ganz wichtiger Halt.

Friederike Ladenburger: Auch für Maria selbst war die Familie sehr wichtig. Ich habe das gerade erst die Tage wieder in einer ihrer Aufzeichnungen gelesen. Da schreibt sie, wie viel ihre weitere Familie in Deutschland – also Großeltern, Tanten, Onkel, Cousins, Cousinen – ihr bedeutet. Und sie formuliert das sehr schön. Sie schreibt, diese weitere Familie gebe ihr viel Geborgenheit und Sicherheit.

Clemens Ladenburger: Maria hat in Birkenfeld und Pforzheim auch immer wieder Ferien verbracht. Auch eines ihrer drei Pflegepraktika hat sie im städtischen Krankenhaus – also in der Helios-Klinik – unmittelbar vor Aufnahme ihres Medizinstudiums absolviert, im September 2015. Diese vier Wochen waren sehr schön und für ihren weiteren Lebensweg als Medizinstudentin äußerst motivierend.

Gab es nach Marias Tod auch Zuspruch aus dem Pforzheimer Umfeld?

Clemens Ladenburger: Ja. Die Maria-Ladenburger-Stiftung hat sehr große finanzielle Unterstützung aus dem Pforzheimer Raum bekommen. Die Zuwendungen seit der Gründung sind wirklich überwältigend. Wir sind unseren Freunden, unserer Familie, den Menschen in Birkenfeld, Pforzheim und Umgebung, meinen alten Klassenkameraden, wirklich sehr dankbar. Auch für so viele bewegende Zuschriften, die wir nach Marias Tod bekommen haben. Die Anteilnahme aus der Region war enorm. Das hat uns auch mit getragen.

Friederike Ladenburger: Wir haben wirklich allen Grund, dankbar zu sein. Marias Herz hing an Birkenfeld, an Pforzheim und an ihrer Familie hier.

Sie haben vorhin mit Blick auf Ihre persönliche Teilnahme am Prozess gesagt, Maria hätte das nicht gewollt. Was, glauben Sie, will Maria – von Ihnen, von der Gesellschaft?

Friederike Ladenburger: Wir haben zu Marias Beerdigung einen Text von ihr ausgewählt, der von dem erwähnten Perspektivwechsel spricht. Ein Text, mit dem sie einmal einer Freundin Mut zugesprochen hat: „Du bist Teil eines riesengroßen Ganzen! Lass nicht den Kopf hängen, sondern schau auf und denke daran, dass wir vieles nicht verstehen können, aber auf eine ganz besondere Art und Weise etwas Gutes entsteht!“ Aus dem Bösen, das uns trifft; aus Ereignissen, die wir nicht verstehen; aus alledem kann – durch den Beitrag jedes Einzelnen – Gutes wachsen. Ich glaube, diese Haltung will Maria uns mitgeben.

Clemens Ladenburger: In einer der vielen wunderbaren Zuschriften, die wir nach Marias Tod bekommen haben, stand ein Gedanke, der uns sehr angesprochen hat: „Vielleicht können Sie es auch so verstehen, dass Maria Sie als Eltern bittet, all die Liebe und Güte, die sie ihren Mitmenschen gezeigt hat und nun nicht mehr zeigen kann, nun an ihrer Stelle anderen weiterzugeben.“ Wir denken, genau das tut Maria.

Viele Menschen fühlen sich heutzutage unsicher, haben das Gefühl, die Kriminalität nehme zu, trauen sich nicht mehr richtig aus dem Haus. Haben Sie einen Rat für sie?

Friederike Ladenburger: Ich wäre die Allerletzte, die glauben kann, dass sie anderen Menschen gute Ratschläge gibt bezüglich der Sorgen, die jeder Mensch für sich hat. Wir, die wir größtes Leid haben erfahren müssen, bemühen uns, auch auf das Gute in dieser Welt zu schauen. Das ist eine Haltung, die nicht mit Naivität zu verwechseln ist. Ich verstehe solche Gefühle der Unsicherheit, aber wir sollten uns trotzdem um einen besonnenen Blick auf die Realität bemühen.

Clemens Ladenburger: Ich finde, dass die Menschen in Deutschland und auch in unserer Region großes Vertrauen in die Polizei, in die Staatsorgane, in den Rechtsstaat setzen können. In Deutschland wird so vieles dafür getan, dass die Menschen sicher leben können. Es ist ja in verschiedenen Kommunen und Bundesländern, gerade in Baden-Württemberg, in den vergangenen Jahren viel passiert, um aus verschiedenen schrecklichen Vorfällen, darunter die Tat an unserer Tochter, Konsequenzen zu ziehen und neue Sicherheitskonzepte zu entwickeln. Wir wollen als Opfer dazu – wie auch zu den anderen politischen Fragen, die aufgeworfen wurden – nicht selbst Stellung beziehen. Aber anerkennenswert sind die unternommenen Anstrengungen auf jeden Fall. Vollkommene Sicherheit im Alltag kann man leider nirgendwo erwarten, selbst in Deutschland nicht.

Über die Maria-Ladenburger-Stiftung

Zur Erinnerung an die 2016 von einem afghanischen Asylbewerber ermordete Freiburger Medizinstudentin Maria Ladenburger haben ihre Eltern, Friederike und Clemens Ladenburger, zusammen mit dem Verband der Freunde der Universität Freiburg eine nach ihrer Tochter benannte Stiftung begründet. Stiftungszweck ist es, „Bildung und Erziehung von Studierenden der Universität Freiburg, vor allem an der medizinischen Fakultät, zu fördern“. Schwerpunkte sind die Vergabe von Stipendien an Studierende in schwierigen Lebenssituationen, die finanzielle Unterstützung von Praktika und Famulaturen in Entwicklungsländern sowie Projekte in der Entwicklungsarbeit. Studienstarthilfen von monatlich bis zu 750 Euro für maximal ein halbes Jahr sind für benachteiligte Studierende vorgesehen, darunter ausdrücklich auch für Geflüchtete und Studierende nach persönlichen Schicksalsschlägen. Friederike und Clemens Ladenburger steuerten aus privatem Vermögen ein Stiftungskapital von 100.000 Euro bei. Inzwischen ist von mehr als 900 Unterstützern eine Summe von fast 400.000 Euro hinzugekommen. Erste Projekte wurden bereits finanziert – wie Famulaturen und ein Forschungsprojekt über Sterilisation medizinischen Geräts in Entwicklungsländern. Marias Eltern gehören dem Stiftungsvorstand an.

Isis
12.03.2019
Das sagen Maria Ladenburgers Eltern über den Prozess gegen den Mörder ihrer Tochter, ihren Glauben und ihre Familie im Enzkreis

edel sei der Mensch- hilfreich und gut. DAS können die Wenigsten. Weils einfach menschlich ist, Wut zu haben. mehr...

powertrommeln rudi
12.03.2019
Das sagen Maria Ladenburgers Eltern über den Prozess gegen den Mörder ihrer Tochter, ihren Glauben und ihre Familie im Enzkreis

[QUOTE=Isis;314895]edel sei der Mensch- hilfreich und gut. DAS können die Wenigsten. Weils einfach menschlich ist, Wut zu haben.[/QUOTE] Ja, ja. Aber kein Grund sich selbst freizusprechen. mehr...

heimisch
14.03.2019
Das sagen Maria Ladenburgers Eltern über den Prozess gegen den Mörder ihrer Tochter, ihren Glauben und ihre Familie im Enzkreis

Ich bin froh, das es Menschen wie diese Eltern gibt. mehr...

jomue
14.03.2019
Das sagen Maria Ladenburgers Eltern über den Prozess gegen den Mörder ihrer Tochter, ihren Glauben und ihre Familie im Enzkreis

[QUOTE=heimisch;315019]Ich bin froh, das es Menschen wie diese Eltern gibt.[/QUOTE] Da kann ich nur bedenkenlos zustimmen! Da sollten sich manche Forenteilnehmer mal ein Beispiel nehmen! mehr...