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Der Dialektforscher Volker Fischer mit seinem Buch. Foto: Moritz

Dialekte in der Region: Das ist typisch für die "Niiefe(r)me(r) Schwäzede" – mit Hörbeispielen

Der Enzkreis ist – was Sprache angeht – äußerst spannend. In der Region, in der Baden und Württemberg sich treffen, prallen auch das Fränkische aus dem Nordwesten und das Schwäbische aus dem Südosten aufeinander. Ein wenig drückt auch noch das Alemannische aus der Rheinebene im Südwesten herein. Von Ort zu Ort unterscheiden sich die Dialekte. Der „Niiefe(r)me(r) Schwäzede“ hat Volker Fischer ein Buch gewidmet. „Heimatstark“ hat sich mit dem Nieferner Hobby-Sprachforscher unterhalten und einen Blick auf die Mundart in der Region geworfen.

Vier Jahre lang hat Volker Fischer an seinem ultimativen Standardwerk der Nieferner Mundart gearbeitet: mit Unterbrechungen, schmunzelt der 83-Jährige. Schließlich gab es auch immer wieder technische Herausforderungen zu bewältigen. So hat der rüstige Senior viel Hirnschmalz darauf verwandt, eine eigene Lautschrift für seinen Band „Niiefe(r)me(r) Schwäzede“ zu entwickeln. Tatsächlich ist die Darstellung in Klammern nur ein Notbehelf der Redaktion. Wie es richtig geht, steht in seinem Buch schon im Titel. Dort wird das verschluckte r hochgestellt, doch dafür bedarf es eines eigenen Schreibprogramms. Der Untertitel des 400-seitigen Buchs ist lang, aber eine treffende Beschreibung, was Fischer mit dem Werk beabsichtigt hat: ein „Wörterbuch der Nieferner Mundart“. Der Untertitel lautet. „Allgemeindeutsch – Nieferner Deutsch mit Erklärungen, Erläuterungen, Übersichten sowie Sprach- und Sprechbeispielen auf Tonträger“ vorzulegen. Und damit ist man auch schon mittendrin in der Lektüre, die sich freilich eher zum Nachschlagen, als zum Durchlesen eignet. Eben, weil das Wörterbücher so an sich haben. Eingelegt in eine Plastiktasche am Buchrücken findet sich die CD, die nach ausführlichen Gebrauchs- und Verständnishinweisen durch Sprechbeispiele und Gesprächsfetzen zu überzeugen weiß.

Hörbeispiele

Hörbeispiel 1:

( 1 ) Du, das Zeug solltest du mal in eine Kartonschachtel machen und in den Keller stellen, sonst liegt es nachher noch überall im Haus herum.

Hörbeispiel 2:

( 2 ) Als Kinder sind wir meistens auf dem Bauch liegend mit dem Schlitten den Berg hinunter gefahren.

Hörbeispiel 3:

( 3 ) Oh, lass mich in Ruhe mit der, das ist ein ganz übles Weibsstück.

Hörbeispiel 4: 

( 4 ) Die beiden Weibsbilder haben wieder den ganzen Flecken durchgenommen.

Helfer konsultiert

Fischer hat sich, das sei an dieser Stelle erwähnt, nicht nur auf seine eigenen Erinnerungen verlassen, sondern auch mehrere Personen bei Recherche und Umsetzung zurate gezogen. Wichtig ist zu verstehen, dass der 83-Jährige nicht auf das heutige Niefern abzielt, sondern auf das historische Sprachbild seiner Jugendzeit. Fischers Dank zeigt, wie weit die schriftlich fixierten Erinnerungen zurückreichen: Unterstützt haben ihn die Schulkameraden des Jahrgangs 1935/36, die „alten Knacker von meinem Mittagsstammtisch im Maierhof mit ihrem echten und originalen Stammtischgeschwätz“, nicht zu vergessen der „Lindenmann Emil für seine Begriffe aus dem Bauernstand“ sowie Bekannte und Verwandte bis hin zu einer Gymnasiallehrerin für Fragen der Grammatik.

Fischer ist ein Lokalpatriot, einer, der nie vergessen hat, wo er herkommt, und schließlich dort auch wieder angekommen ist. Seine berufliche Zeit verbindet sich bei dem Künzelsau Geborenen mit der Schweiz. 42 Jahre war er dort als Maschinenbau-Ingenieur vorzugsweise im Apparatebau tätig. Seine Mutter stamme aus Niefern, erläutert Fischer und die Kriegswirren hätten ihn zu den Großeltern in die Gemeinde an der Enz geführt. Einen Teil seiner Jugend habe er in der Bruchsaler Gegend zugebracht, aber außerhalb des Dorfs und in einem Haus mit Nieferner Mundart.

Dialekte üben auf Fischer einen starken, geradezu magischen Reiz aus. Sein jahrzehntelanger Kontakt mit Schwyzerdütsch hat dieses Interesse noch weiter intensiviert. Es sei eine tolle Sprache, die noch viele Begrifflichkeiten beinhalte, die es im Deutschen so gar nicht mehr gebe. Das Nieferner Dialektbuch ist nicht nur für Reigschmeckte aufschlussreich, es ist eine Hommage an die Sprache seiner Jugend und somit auch ein Dokument des Mundartschwunds in seiner Lieblingsgemeinde.

Fasziniert vom Dialekt

In seiner Schulzeit war Fischer kein guter Schüler, eher eine Art böses Kind. Auf jeden Fall, so gesteht der 83-Jährige unumwunden, habe er es phasenweise mit dem Unterricht nicht so genau genommen. Dialekt dagegen habe ihn stets fasziniert und dieser habe ihn auch zeitlebens geprägt. Dass ausgerechnet der schlechte Deutschschüler von damals nach Kernerarbeit heute ein Dialektwörterbuch für sein Niefern präsentieren kann, bereitet Fischer viel Freude. Ganz davon abgesehen: Irgendwann hat Fischer in seiner Jugend dann Gas gegeben, das Realgymnasium in Bruchsal abgeschlossen, eine Lehre in Pforzheim absolviert und in Mannheim studiert.

Der Mann von der Nieferner Schlossstraße blättert beim Redaktionsbesuch emsig in dem dicken Buch, das im Mühlacker Stieglitz-Verlag erschienen ist. Einen besonderen Fan, so der 83-Jährige, habe er bereits gefunden: keine Geringere als Bürgermeisterin Birgit Förster. Die Rathauschefin habe angedeutet, dass Fischers Werk sich gut für wichtige Anlässe der Gemeinde als Geschenk eigne. Das Alte aufheben und der Nachwelt erhalten, das soll das Buch leisten. So gesehen darf das Fleißwerk auch als Vermächtnis verstanden wissen.

Volker Fischer: Niiefe(r)me(r) Schwäzede, Buch mit CD, ISBN 9-7837798-704367. Stieglitz-Verlag Mühlacker, 27,80 Euro.

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Dennis Krivec

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Sven Bernhagen

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