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Marco Kaschuba demonstriert in einer Doline bei St. Johann (Landkreis Reutlingen) das Auslesen von Daten einer mobilen Messstation.
Marco Kaschuba demonstriert in einer Doline bei St. Johann (Landkreis Reutlingen) das Auslesen von Daten einer mobilen Messstation.
02.11.2018

Er nimmt es mit Tornados auf: Sturmjäger Marco Kaschuba

Herbstzeit ist Sturmzeit: Ein Donnergrollen hallt über das Land. Blitze erhellen den dunklen Himmel und der Wind peitscht. Die meisten Menschen und Tiere suchen nun Unterschlupf in ihren Häusern und Höhlen. Manche zieht es aber auch genau dann nach draußen – sogenannte Sturmjäger wie der Reutlinger Marco Kaschuba.

"Da vorne kommt ein Sturm und ich renn’ raus“, singt die Band 2raumwohnung – was ziemlich gut zu Marco Kaschubas Leben passt. Nicht viele Menschen können von sich behaupten, hauptberuflicher Sturmjäger zu sein. Der Reutlinger geht Naturkatastrophen und Wetterphänomenen auf die Spur, dokumentiert diese und berichtet als Meteorologe darüber.

Wie kommt man zur Sturmjagd?
Bereits in seiner Kindheit war Kaschuba fasziniert von den Naturgewalten. Er beobachtete das Wetter mit all seinen Launen wie Stürmen, Gewitter, Blitze – alles Spektakuläre, das sich am Himmel abspielt. „Als mein Vater dann in eine von Hurricanes und Tornados geplagte Region in den USA auswanderte und ich ihn dort besuchte und die Phänomene hautnah miterlebte, war es um mich geschehen.“ Der Sturmjäger war geboren. Der Begriff „Sturmjäger“ wurde wortwörtlich aus dem Englischen „Storm Chaser“ übersetzt. Vornehm ausgedrückt kann man es laut Kaschuba auch als Dokumentieren von Naturgewalten bezeichnen. Doch im deutschen Sprachgebrauch hat sich der Begriff „Sturmjäger“ bereits etabliert.


Kann man von der Sturmjagd leben?
Von der Sturmjagd alleine gelänge das dem 40-Jährigen nicht. Neben seiner Jagd auf Stürmen arbeitet Kaschuba auch im Auftrag von Fernsehsendern und als Meteorologe und Wetter-Reporter für wetteronline.de. Zudem betreibt er gemeinsam mit einem Partner eine Agentur mit dem Namen extremwetter.tv. Durch diese vermarktet er Bild- und Videomaterial von Wetterphänomenen an deutsche Fernsehsender. Das alles kam jedoch erst, nachdem er sich mit der Herstellung von Hagelkörnern beschäftigte.

Was hat es mit den selbsthergestellten Hagelkörnern auf sich?
Der Reutlinger machte sich vor einigen Jahren im Bereich Hagelforschung selbstständig. Er fand einen Weg, Hagelkörner künstlich zu generieren und entwickelte ein Prüfverfahren, das zum Beispiel in der Autoindustrie, im Flugzeugbau und in der Farbindustrie von Vorteil ist. Durch dieses Verfahren können Hersteller beispielsweise den Einschlag von Hagel an verschiedenen Materialien testen.


Wo geht Marco Kaschuba auf die Jagd?
Von Deutschland, Süditalien, Skandinavien bis hin über den großen Teich in die USA – das Jagdgebiet des Reutlingers erstreckt sich über den ganzen Planeten. Denn auch Vulkanausbrüche und Riesenwellen gehören zu seinem Gebiet. Dann wird der Sturmjäger zum Katastrophenjäger.

Bietet auch Baden-Württemberg solche Wetterphänomene?
Ja. „Regionen wie die Schwäbische Alb, der Schwarzwald und auch ein Teil des Alpenvorlandes sind typische Regionen für starke Wetterphänomene“, so Kaschuba. Insbesondere Gewitter und Hagel kann der Sturmjäger vor der Haustüre beobachten. In den hiesigen Bergen können zum Beispiel Schneestürme oder extreme Tieftemperaturen herrschen. So ist Baden-Württemberg – und somit auch Pforzheim und der Nordschwarzwald – für den Sturmjäger ein sehr interessantes Gebiet.

Was war das spektakulärste und gefährlichste Erlebnis für ihn?
In Oklahoma erlebte Kaschuba einen Tornado der Stufe F5 auf der der Fujita-Skala (Windgeschwindigkeiten zwischen 116 und 142 Stundenkilometer). Diese dient der Schadensklassifikation für Starkwinderscheinungen wie Tornados. Für Kaschuba war der Wirbelsturm an sich jedoch nicht das Gefährlichste. Wie auch bei Hurricanes seien die vom Sturm aufgewirbelten und umherfliegenden Gegenstände die größte Gefahrenquelle. In den schlimmsten Fällen würden auch Autos und Bäume durch die Luft fliegen. Vor so einen „Finger Gottes“. wie ein Tornado der Stufe F5 in Hollywood genannt wird, mussten Kaschuba und seine Ehefrau auch schon mit Vollgas wegfahren.


Wie hoch ist der Drang nach Adrenalin bei dem Sturmjäger?
Für Kaschuba ist es klar, dass der Adrenalinkick einen auch zusätzlich anfeuert, diesem gefährlichen Hobby nachzugehen. „Wichtig ist es, immer den Punkt zu erkennen, an dem die Gefahr zu groß ist und man sich nun lieber zurückziehen sollte“, sagt der Schwabe. Wenn die eigene Gesundheit davon abhängt, sollte man auf spektakuläre Bilder und Geschichten verzichten. Er gibt jedoch zu, dass der Adrenalinschub eine wichtige Rolle spielt.

Werden Stürme und Naturkatastrophen immer häufiger?
Für den Sturmjäger ist aus meteorologischer Sicht nicht erkennbar, dass sich die Wetterkatastrophen in den letzten Jahren häufen. Sicher ist für ihn jedoch, dass in Zeiten der Digitalisierung und der globalen Vernetzung, Stürme, Blitze, und andere Phänomene schneller geteilt werden. So könne der Eindruck entstehen, dass die Gewitter zunehmen. „Die Unwetter-Forschung ist zu jung“, sagt Kaschube. Sichere Daten werde man erst in den kommenden Jahren erhalten, wenn ein längerer Zeitraum beobachtet wurde.


Warum stürmt es im Herbst besonders oft?
Das liegt unter anderem daran, dass die Temperaturen innerhalb von Europa zu dieser Jahreszeit sehr verschieden sind. In der nördlichen Hälfte Europas friert es manchmal schon, während es in der südlichen Hälfte oft noch sommerlich warm ist. Diese Unterschiede wirken sich auf die Polarfront aus. Diese bildet den Bereich, in dem warme Luftmassen aus dem Süden und kalte Luftmassen aus dem Norden aufeinanderstoßen. Da warme Luft leichter als kalte ist, steigt sie nach oben. Die Luftmassen verwirbeln und es wird immer windiger. Aus dem Wind kann dann schnell ein Herbststurm werden, der Richtung Westeuropa zieht.

Was sagt Kaschuba zu dem Tornado
der 1968 in Pforzheim und in der Region wütete?
Für den Stürmjäger ist unser Wirbelsturm einer der heftigsten der Neuzeit. „Das Ereignis liegt zwar vor meiner Zeit, aber Bilder der Verwüstung in Pforzheim habe ich natürlich gesehen.“