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Chemiker Dieter Leicht (links) und Bürgermeister Frank Spottek bereitet die Ausstellungseröffnung sichtlich Freude. Foto: Frommer
Chemiker Dieter Leicht (links) und Bürgermeister Frank Spottek bereitet die Ausstellungseröffnung sichtlich Freude. Foto: Frommer
18.03.2018

Franz Joseph Gall bekommt eigene Ausstellung in Tiefenbronn

Tiefenbronn. Seine Studien waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts revolutionär: Franz Joseph Gall (1758 bis 1828) war ein typischer Aufklärer. Er war zeitlebens davon überzeugt, die Grundeigenschaften jedes Menschen bestimmten Hirnregionen, er nannte sie Organe, zuordnen und an der Form des Schädels abtasten und damit lesen zu können. 27 solcher Organe glaubte der in Straßburg und Wien ausgebildete Mediziner lokalisieren zu können.

Seit Freitagabend präsentiert Chemiker Dieter Leicht im Gemeinde- und Kulturhaus „Rose“ in Tiefenbronn die wichtigsten Stationen aus Galls Leben – auf 27 großformatigen Schautafeln. Das sei aber „purer Zufall“, versichert Leicht. In seinem Nachwort zur Kurzbiografie Galls schreibt er: „Trotz gewisser Schwächen seiner damaligen neuro-physiologischen Interpretationen, gebührt Gall das Verdienst, erstmalig einen systematischen Zusammenhang zwischen bestimmten Gehirnregionen und -funktionen hergestellt zu haben. Immerhin hat er – durch Zufall – das Sprachzentrum im Gehirn richtig lokalisiert.“

Gall wurde vor 260 Jahren in Tiefenbronn geboren. Seine hirn-anatomischen Studien machten ihn zu einer angesehenen europäischen Geistesgröße. Er war jedoch nicht nur als Verfasser seiner Schädellehre (lat. „Phrenologie“) und als Vortragsreisender erfolgreich, sondern auch als praktischer Arzt: zunächst in Wien und – nach Entzug seiner Lehrerlaubnis durch den österreichischen Kaiser Franz II. – ab 1808 in Paris. Dort verfasste Gall, unterstützt von seinem aus Trier stammenden Assistenten Johann Gaspar Spurzheim (1776–1832), sein wissenschaftliches Hauptwerk.

Mit der Februarrevolution 1848 verlor die Phrenologie in Frankreich an Bedeutung. Spurzheim gewann jedoch die Vereinigten Staaten auf einem sechsmonatigen Werbefeldzug 1832 für die Schädellehre, denn hier wurde diese als praktisches, unkompliziertes Hilfsmittel zur Vervollkommnung des Menschen und der Gesellschaft gesehen. Es ist also kein Zufall, dass die Gedenktafel am Tiefenbronner Geburtshaus von Franz Joseph Gall eine US-amerikanische Spende ist.

Franz Joseph Galls Gebeine ruhen auf dem Pariser Parkfriedhof Père Lachaise. Die Statue von Galls Grabmal, so belegen Fotografien von Wolfgang Schütz, der den Großteil der Recherchen und Dokumentation zu Leichts Präsentation leistete, wurde von einem umstürzenden Baum buchstäblich geköpft. Seither ist Galls steinerner Kopf verschwunden, wie – während des Hypes der Phrenologie – beispielsweise die Schädel von Joseph Haydn, Betty Roose oder René Descartes.

Seinen eigenen Schädel vermachte Franz Joseph Gall der Wissenschaft: Er wurde zuletzt im „Musée de l’Homme“, dem Anthropologischen Museum von Paris unter der Nummer 19216 registriert und archiviert.

Die Ausstellung im Gemeinde- und Kulturhaus „Rose“, Franz Josef-Gall-Straße 18, kann bis Ende April besucht werden.