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Neben den geraden Schlägen muss Laura Cichecki auch die Haken lernen. Eine Hand bleibt dabei zum Schutz immer am Kopf. Foto: Meyer
Sit-ups werden vor allem während der Pausen gemacht. Foto: Meyer
Sit-ups werden vor allem während der Pausen gemacht. Foto: Meyer
Die Übungen am Sandsack sind nur ein Bruchteil aller Trainingseinheiten. Foto: Meyer
Die Übungen am Sandsack sind nur ein Bruchteil aller Trainingseinheiten. Foto: Meyer
Die Übungen am Sandsack sind nur ein Bruchteil aller Trainingseinheiten. Foto: Meyer
14.08.2018

Frauenpower am Sandsack: Boxtraining in Niefern lässt nicht nur Männer schwitzen

Niefern-Öschelbronn. Ihre Schlagfertigkeit beweisen Frauen zwar schon seit geraumer Zeit im Box-Ring, nun hat das weibliche Geschlecht die Sportart aber auch als Fitmacher für sich entdeckt. Warum der Fitnesstrend vor allem Frauen begeistert, erklärt PZ-Redaktionsmitglied Laura Cichecki.

„Zeit“, ruft mein Trainer Alex Künzler. Ein Pausensignal und ein Moment der Erleichterung – und zwar für mich – wenn auch nur für wenige Sekunden. Gerade mal Zeit genug, um mit einem Schluck Wasser die zitternden Gliedmaßen zu kühlen. Dann geht es auch schon wieder weiter. In den ersten 15 Minuten sind Aufwärmübungen beim einstündigen Boxtraining angesagt – Aufwärmen im weitesten Sinne, in der Regel bin ich nämlich schon nach den ersten zehn Minuten vollkommen fix und fertig: 20 Liegestützen, 20 Sit-ups, 20 Hochsprünge, 20 Hampelmänner und wieder von vorne – eine Pause kommt nicht in Frage. Die Augen des Trainers fokussieren die Bewegung jedes Einzelnen. Falls jemand meint, seine Grenzen schon erreicht zu haben, überzeugt Künzler vom Gegenteil. Oft kommen Sprüche wie: „Du bist hier nicht im Urlaub!“ Ob ihm das jemand übelnimmt? Auf keinen Fall. Denn genau das ist es, was den Sport ausmacht und warum meine Boxkollegen und ich ihn so lieben – bei jedem Training das persönliche Limit erreichen und sogar darüber hinaus.

Bildergalerie: PZ-Redakteurin Laura Cichecki beim Boxtraining in Niefern

Etwa 30 Männer und Frauen sind es, die drei bis viermal die Woche das Training in Niefern besuchen. Der Trainier steht meistens im Boxring. Von dort aus hat er eine gute Sicht auf seine Schützlinge. „Handschuhe an“, ertönt es dann aus dem Ring – das Aufwärmen ist vorbei, jetzt ist Boxen angesagt.

Am Gerät, so werden die Sandsäcke bezeichnet, wird das nachgemacht, was der Trainer vorzeigt. Dann heißt es drei Minuten lang etwa: Jab, Jab, Punch – was so viel bedeutet wie Führhand, Führhand, Schlaghand. Dabei ist die Führhand die Schwächere, bei mir also die Linke, weil ich Rechtshänderin bin.

Neben dem Ausbau der Technik am Gerät werden Partnerübungen gemacht. Manchmal findet sich eine Frau, mit der ich mir die leichtesten Medizinbälle zuwerfen kann. Wenn es weniger glücklich läuft, und das kann durchaus vorkommen bei einem solchen testosteron-dominierenden Sport, bleibt mir nur ein Mann als Partner zur Verfügung. Der nimmt in der Regel den schwersten Ball. Auf die Idee, dass ich nicht in der Lage bin, den runden Koloss überhaupt zu halten, geschweige denn zu werfen, kommt er meistens nicht. Solche Trainingsstunden sind für mich die härtesten überhaupt. Meine strapazierten Muskeln spüre ich sogar noch in der Woche danach, aber das ist okay, ich fühle mich dann sportlicher denn je – und das ist für mich ein unvergleichbares Gefühl.

Das Einzige, womit ich mich als Frau beim Boxen einfach nicht anfreunden kann und werde, ist der Schweiß, von dem das maskuline Geschlecht mehr als genug produziert. Oft kneife ich bei den Partnerübungen einfach Mund und Auge zu und hoffe, dass mir die Tropfen nicht da reinspritzen, wo ich sie definitiv nicht haben will. Leider gelingt es mir nicht immer.

Am meisten Spaß – und ich finde, das sollte jeder einmal ausprobiert haben – macht mir das Schlagen gegen die Pratzen. Pratzen-Arbeit ist das Training mit den Kissen, die der Trainer an den Händen hält und gegen die nach Anweisung geschlagen wird.

Warum mir das so viel Freude bereitet, kann ich nur vermuten: Und zwar ist dabei nicht nur Schnelligkeit und Kondition, sondern vor allem Konzentration gefragt. Das fördert neben den Muskeln zusätzlich die Denkstrukturen. Dass einem beim Boxen alles abverlangt wird, macht die Leidenschaft aus. Wer regelmäßig trainiert, merkt, dass mit Übung und Fleiß viel erreicht werden kann.

Von dem Vorurteil, dass Boxen nur etwas für Männer ist, halte ich selbstverständlich nichts. Aber warum gibt es das überhaupt?

Wahrscheinlich, weil Boxen in Deutschland zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs generell verboten war. Während die Sportart bei Männern schnell wieder an Popularität gewann, nahm die Zunahme der Beliebtheit bei den Frauen noch viele, viele Jahre in Anspruch.

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