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Torsten Konrad vom Gesundheitsamt erläutert PZ-Redakteurin Lisa Belle erhobene Daten zur Infektionen. 

Geschlechtskrankheiten in der Region weiter auf dem Vormarsch: Steigende Zahl von Syphilis und Chlamydien

Pforzheim. Enzkreis. Denkt man an sexuell übertragbare Infektionen, kurz STI genannt, fällt wohl den meisten als erstes HIV ein. Doch es gibt weitaus mehr Erkrankungen, die auf diese Weise übertragbar sind. Und die Zahl der Infizierten steigt – auch in Pforzheim und dem Enzkreis. Vor allem Chlamydien und Gonorrhoe (Tripper) breiten sich aus.

Das zeigen unter anderem die Zahlen der Teststelle des Gesundheitsamts, das für Pforzheim und den Enzkreis zuständig ist. Torsten Konrad, der für Infektionsschutz und sexuelle Gesundheit zuständig ist, stellt klar: „Das Thema betrifft jeden, der sexuell aktiv ist. Auch wenn es noch immer ein Tabu ist, über Sachen, die unangenehm sind, zu reden.“ Die Neuinfektionsrate an HIV sei seit Anfang der 2000er-Jahre stark zurückgegangen. Das liege vor allem an Fortschritten in der Therapie, die dafür sorgten, dass die Infektion unter medikamentöser Behandlung kaum noch weitergegeben werden könne. Seit einigen Jahren gebe es zudem eine Prophylaxe, die eingenommen werden könne.

Häufig ohne Symptome

Bei anderes STIs stiegen die Zahlen dagegen signifikant. So Konrad. „Syphilis nimmt zu, auch bei Chlamydien und Gonorrhoe gibt es eine Steigerung.“ Bei den beiden Letzteren handle es sich nicht um meldepflichtige Infektionen, darum lägen auch keine vollständigen, verlässlichen Daten vor. Obwohl die Menschen, die sich beim Gesundheitsamt testen ließen, in der Regel keine Symptome zeigten, habe man 2019 bei insgesamt 1008 Testungen in 99 Fällen Infektionen nachweisen können. „Zu uns kommen die Leute aus Interesse. Man nimmt zum Beispiel an, dass 80 Prozent der Infektionen bei Frauen symptomfrei verlaufen“, sagt Konrad, „wenn jemand Schmerzen oder Probleme hat, verweisen wir ihn direkt zu einem Arzt.“

Knapp zehn Prozent der asymptomatischen Personen wurden 2019 positiv getestet. Im Jahr zuvor sei es nur jeder Zwölfte gewesen. Die gute Nachricht: Die meisten STIs seien behandel- und auch heilbar. Warum die Zahl der Infektionen ansteige, könne er nur vermuten, sagt Konrad. „Es ist möglich, dass durch das Internet häufiger sexuelle Kontakte mit wechselnden Partnern eine Rolle spielen.“ Aber es würden wohl auch mehr Infektionen entdeckt, weil häufiger getestet würde.

Konrad bedauert es, dass die Anlaufstelle des Gesundheitsamts in der Corona-Zeit nicht geöffnet habe. Denn diese Art der Vorsorge sei für jeden wichtig, der sexuell aktiv sei und wechselnde Partner habe. Das Ende oder der Anfang einer Beziehung seien etwa gute Zeitpunkte für beide Partner, sich testen zu lassen. Konrad rät zu einer Kontrolle pro Jahr – und das ganz anonym und kostenfrei.

Mehr Tests bei der Aidshilfe

Auch die Aidshilfe Pforzheim kann den Trend zu mehr positiven Testergebnissen, vor allem bei Syphilis und Chlamydien ab 2018 bestätigen. Allerdings nehme auch die Anzahl der Tests stetig zu, relativiert Claudia Jancura, Leiterin der Beratungsstelle. Habe die Aidshilfe 2018 noch rund 190 Tests durchgeführt, seien es im Jahr darauf bereits 289 gewesen – allerdings in diesem Jahresvergleich mit sinkendem positivem Ergebnis von 13 auf 11 Tests.

Das Bewusstsein sei gestiegen, sich regelmäßig testen zu lassen. Immer mehr Menschen nähmen die zunehmenden anonymen Angebote in Anspruch. „Es ist noch immer ein Tabuthema, aber die Anonymität macht viel aus“, ist sie überzeugt.

Neben der Möglichkeit, sich an jedem ersten Freitag im Monat zwischen 18 und 21 Uhr in der Pforzheimer Beratungsstelle, Goldschmiedeschulstraße 6, anonym testen zu lassen, sei die Aidshilfe mit diesem Angebot zunehmend auch vor Ort präsent, etwa in Bordellen, beim Kontaktladen Loft oder an der Hochschule.

Meistens Zufallsfunde

Etwas mehr Frauen ließen sich bei der Aidshilfe testen, berichtet Jancura. „Es kommen aber auch viele Paare gemeinsam.“ In der Regel seien die Hilfesuchenden symptomfrei, die meisten positiven Ergebnisse und Diagnosen von sexuell übetragbaren Infektionen seien damit Zufallsfunde. Denn die meisten Klienten hätten die gängigen STIs eigentlich gar nicht auf dem Schirm.

Denn auch wenn seitens der Aidshilfe seit mehr als einem Jahr keine HIV-Infektion mehr festgestellt wurde, sei dies noch immer die größte Sorge der Menschen, die die Anlaufstelle aufsuchten. Erst im Rahmen des Beratungsgesprächs werde den Männern und Frauen in der Regel klar, dass es auch eine Vielzahl anderer möglicher Infektionen gebe, die viel wahrscheinlicher seien, sagt Jancura. Und dass diese auch bei Frauen, die regelmäßig zu Routineuntersuchungen ihre Gynäkologen aufsuchten, nicht standardmäßig überprüft würden.

Mehr Infos über die anonymen Testmöglichkeiten gibt es auf www.ah-pforzheim.de und auf www.enzkreis.de unter dem Suchbegriff „Sexuelle Gesundheit“.