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Henning Willig aus Weiler küsst den Asphalt, weil er von der zuvor befahrenen Schotterpiste vollständig durchgerüttelt worden ist. Das Bild entstand zwischen Langar und Murgab auf dem Pamir-Highway in Tadschikistan. Foto: Willig/Privat
Henning Willig aus Weiler küsst den Asphalt, weil er von der zuvor befahrenen Schotterpiste vollständig durchgerüttelt worden ist. Das Bild entstand zwischen Langar und Murgab auf dem Pamir-Highway in Tadschikistan. Foto: Willig/Privat
Eisige Bergmassive, enge Schluchten, wilde Fluten: Auf dem Weg vom Anzob-Tunnel nach Duschanbe in Tadschikistan. Foto: Willig/Privat
Eisige Bergmassive, enge Schluchten, wilde Fluten: Auf dem Weg vom Anzob-Tunnel nach Duschanbe in Tadschikistan. Foto: Willig/Privat
Willig in Samarkand in Usbekistan vor historischer Kulisse mit charmanter Polizistin. Foto: Willig/Privat
Willig in Samarkand in Usbekistan vor historischer Kulisse mit charmanter Polizistin. Foto: Willig/Privat
06.12.2018

Henning Willig aus Weiler fährt mit Motorrad von Portugal bis nach Sibirien

Keltern-Weiler. Mit 60 auf der geliebten Yamaha Ténéré über 25.000 Kilometer runterspulen? Für Henning Willig aus Keltern-Weiler genau die richtige Herausforderung, um nicht einzurosten. Über Monate hinweg hat er seine große Eurasien-Tour logistisch und technisch vorbereitet, an seinem Motorrad gebastelt, um dann später dennoch Dinge erleben zu müssen, die er gerne für sich behalten will.

„Meine Schrauberehre lässt es nicht zu, diese Details zu verraten“, feixt der Weltreisende, dem 2017 in der Wüste Gobi beinahe die letzte Stunde geschlagen hatte. Ein einziger Moment der Unachtsamkeit und urplötzlich war er unter seiner schwerbeladenen Maschine eingeklemmt. Nur mit Hilfe seines Freundes Wolfgang konnte er verletzt gerettet werden.

Der Streckenverlauf

Die Strecke führte den Diplom-Ingenieur nun vom westlichsten Punkt Europas am Cabo da Roca westlich der portugiesischen Hauptstadt Lissabon bis weit in die Mongolei und nach Sibirien. Wie ursprünglich geplant und Ende März bei einem Redaktionsbesuch angekündigt nach Wladiwostok reichte es aus unterschiedlichen Gründen allerdings doch nicht. Ende März war der Langstreckenfahrer aus Weiler noch zuversichtlich, Atlantik und Pazifik mit seiner Ténéré zu verbinden. Die 3463 Kilometer Anfahrt von Weiler entlang der spanischen Küste und über Gibraltar an Europas Westspitze nennt Willig „ein Starterle“. Der „Kurzausflug“, so charakterisiert es der Weilermer, war zum Motorradcheck und zum Einrollen geplant, „ob auch alles funktioniert, unter anderem mit dem Gepäcksystem, damit der Fuß dieses Mal heil“ bleibe. Nach dem Rundum-Check ging es in die unendlichen Weiten des asiatischen Kontinents. Bevor die Reise also richtig losgegangen ist, hat der Ténéré-Fan schon 6236 Kilometer absolviert.

Die Tour im Überblick

Willig ist den Lesern längst kein Unbekannter mehr. Seine große geografische Vorliebe, die ihn regelmäßig eurasische Routen präferieren lässt, bringt den Menschen insbesondere die exotisch anmutenden, islamisch geprägten, früheren südsowjetischen Republiken und mittlerweile unabhängigen Staaten Usbekistan, Kasachstan, Tadschikistan und Kirgisistan näher. Ganz besonders zieht es Willig in unwirtliche Bergregionen oder an wildromantische Seen. Der Blick für die Schönheit der Natur soll bei all der Kilometerreiterei nicht verloren gehen. Ziele in Russland und der Mongolei zählen ebenso zu seinen gerne anvisierten Zielen.

Mittlerweile fühlt sich Willig auf der Seidenstraße und dem Pamir-Highway wie zuhause. Was Willig schätzt, ist die vielfach erfahrene Gastfreundschaft in all den Ländern, aber auch die Kameradschaft von Zufallsbekanntschaften, die auf einer Tour immer wieder zu willkommenen Zweckgemeinschaften auf einzelnen Abschnitten führt. Wenngleich Willig auf tolle Begleitcharaktere zurückblicken kann, räumt er unumwunden auch ein, dass das durchaus nicht immer so ist: „Auf der Eurasien-Tour war dieses Mal auch einer dabei, der hat nicht harmoniert.“ Der Betreffende habe ständig 50 Kilometer vorausfahren müssen: „Teamfähigkeit und Solidarität gleich null. Ein Typ ohne jedwede Empathie.“ Doch das müsse man menschlich einordnen können, so Willig: Schließlich handele es sich nicht in jedem Fall um echte Freundschaften, sondern bisweilen eben auch nur um reine Kurzbekanntschaften aus Internet-Chats oder Leute, die man an einer Raststelle antreffe. Und da gebe es halt „solche und solche“. Freilich seien zwei Bekanntschaften geblieben, die auch nach der Reise Bestand hätten.

Frau Irene war dabei

Nicht unerwähnt darf bleiben: Seine Frau, Irene Rischert-Willig, stieß phasenweise mit zur Tour dazu. Und das hob die Stimmung ungemein. Wenngleich Willig ein geborener Zweckoptimist ist, kämen einem bisweilen auch düstere Gedanken. Damit spielt er nicht auf seinen eigenen Gobi-Unfall an, sondern vielmehr auf ein besonders schlimmen, weil verbrecherischen Akt, der sich Ende Juli auf der Südroute von Duschanbe nach Qual’ai Khumb in Tadschikistan ereignet hatte, während man selbst rein zufällig auf der Nordroute unterwegs war. Vier Touristen – zwei Amerikaner, ein Schweizer und ein Niederländer – waren dabei am 29. Juli in Tadschikistan ums Leben gekommen. Sie waren absichtlich von einem Auto angefahren und durch das zurückkehrende Fahrzeug später nochmals überfahren worden. Die Bluttat führte zu vier Toten und drei Verletzen. Die Radfahrer waren laut den lokalen Behörden auf der Straße von Danghara nach Duschanbe unterwegs. Bisweilen, so Willig, sei es gut, erst nachträglich schlimme Geschichten zu hören, dann mache man sich keine unnötigen Gedanken.

Überhaupt müsse man sich auf manchen Abschnitten mächtig konzentrieren. Ob Schlaglöcher oder Steine: Nicht selten sei Fachwissen bei der Reparatur gefragt. Wenn Willig einzelne Länder charakterisiert, macht er das aus der Perspektive des Motorradfahrers.

Am Beispiel von Kasachstan stellt sich das wie folgt dar: „200 Kilometer gut, 600 Kilometer die Hölle, 200 Kilometer gut.“ Monotone Strecken bei großer Hitze, das führe zu Stress. Willig: „Wenn du wie in einer Pfanne geröstet wirst unter den schweren Motorradklamotten, weisst Du, was Hitze bedeutet.“ Von einem gemütlichen Cruisen könne also keine Rede sein. Erst recht nicht, wenn man aufgrund der Streckenlage allzu vorsichtig fahren müsse und man bei Einbruch der Dunkelheit wilde Bergpässe von über 3200 Metern Höhe noch nicht bewältigt habe. Das Gefühl sei unbeschreiblich eklig, wenn man Kilometer für Kilometer in der Finsternis an Klippen und Steilhängen fahren müsse – wenn Zentimeter über die Zukunft entscheiden würden. Gleichwohl ist Willig einmal mehr entschädigt worden für die Strapazen. Tolle Erlebnisse, bei der auch Irene dazu stieß, gab es in der Mongolei beim jährlich stattfindenden, nationalen Naddam-Festival oder am Baikalsee in Russland. Allerdings, gesteht der 60-Jährige, sei irgendwann seine „Physis platt gewesen“.

Längst, so Willig, treffe man in Guesthouses, wie im „Oasis“ in Ulan-Bator, und Bike-Posts, wie in Ussolje-Sibirskoje, auf ein internationales Publikum. Der „Moschi“ aus Japan, ein 35-Jähriger aus Tokio, habe sich eine Auszeit genommen, nachdem er Jahre lang einen 400-Stunden-Arbeitsmonat bewältigt habe. Der „Shoei“, ein 69-jähriger Japaner, sei sogar mit seiner an Alzheimer leidenden Frau auf der Kawa unterwegs gewesen. Denn eine Weltreise auf dem Motorrad ist in jedem Fall eines: Abwechslung vom tristen Alltag.