Die 20-jährige Illingerin Lisa Müller hat ein Buch geschrieben über ihre Jugend – und die ist nicht in den gewohnten Bahnen verlaufen. Mit 14 entschied sie sich für die Prostitution, mit 18 stieg sie aus dem Geschäft mit dem Sex aus.

Schwarzkopf&Schwarzkopf/Screenshot Bild.de
Mühlacker
Illingerin schreibt Buch: Mit 14 Prostituierte geworden
  • Thomas Kurtz

„Ich bin ganz normal, mit dem einzigen Unterschied, dass ich zwischen 14 und 18 etwa 500 bezahlte Sexualakte mit Männern hatte. Ich tat es freiwillig, ohne Zwang – aber für Geld.“ Nein, das hat nicht Christiane F., die um 1980 zu Literatur- und Filmruhm gekommene Legende vom Kinderstrich am Berliner Bahnhof Zoo erzählt. Diese schockierenden Sätze stammen von Lisa Müller. 20 Jahre jung. Aus dem beschaulichen Illingen.

{element}„Nimm mich, bezahl mich, zerstör mich!“ heißt ihr im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag erschienener verstörender Tatsachenbericht. Darin beschreibt die junge Frau aus dem Enzkreis ihr Leben als minderjährige Prostituierte.

Und es ist ein anderer Weg als der von Christiane F., nicht geprägt von einer heillos zerstörten Umwelt, vom alles in die Tiefe ziehenden Drogensumpf. Es ist ein neuer Weg, den (scheinbar) aufgeklärte Mädchen gehen, die sich aus eigenem Antrieb dafür entscheiden, ihren Körper gegen Geld zu verkaufen. Ganz ohne Zuhälter und ohne den Drang, eine Drogensucht finanzieren zu müssen. Es geht nur um einen Job und um die passende, den Taschengeld-Rahmen einer 14-Jährigen sprengende Bezahlung.

Junge Prostituierte stehen nicht mehr auf dem Kinderstrich am Bahnhof Zoo. Sie organisieren sich ihre Freier über das Internet, über soziale Netzwerke. Nüchtern, professionell – die käufliche Liebe war schon immer ein Geschäft ohne Liebe. Aber wenn selbst 14-Jährige heutzutage öffentlich und scheinbar problemlos Sex verkaufen können, dann ist das ein neues gesellschaftliches Phänomen, das alle Eltern und alle Menschen mit einem Erziehungs- und Betreuungsauftrag zum – möglichst schnellen – Handeln herausfordert.

Das wirklich Erschreckende an der Geschichte der Prostituierten Lisa Müller ist nicht ihr zartes Alter, in dem sie sich an Freier hingegeben hat. Nicht der Absturz aus der scheinbar intakten Familie in einer gleichfalls intakten, von der jungen Frau nach wie vor geschätzten und geliebten Enzkreisgemeinde. Nicht ihre Aussage: „Sie können mir glauben, dass es mehr von meiner Sorte gibt, als Sie sich denken wollen.“

Was wahrhaft für Stirnrunzeln oder auch Wut sorgt, ist die Selbstverständlichkeit, mit der Männer – oft genug verheiratet und selbst schon mehrfach Vater geworden – mit Lisa Müller den Geschlechtsverkehr suchen, obwohl sie wissen, dass sie ein junges Mädchen, eine Minderjährige für Sex bezahlen. „Auf meinem Sofa saßen Männer, die mein Vater hätten sein können, und erzählten nach dem Sex mit mir von ihren Frauen und Kindern“, wird Lisa Müller in Bild.de zitiert.

Absurd? Die absolute Ausnahme? Wenn eine boomende Branche von diesen absurden Ausnahmen lebt, kann es sich nicht um eine verschwindend kleine Randgruppe handeln. Lisa Müller beschreibt es in ihrem Buch. Quer durch alle Bevölkerungsgruppen zieht sich ihr Kundenstamm. Man sieht es dem verklemmten Manager mit Vorstandsposten im Tennisverein oder dem notgeilen Herrn Doktor vom Bürgerverein nicht an, ob sie gerade Sex mit einer 14-Jährigen hatten. Man sieht es wohl den wenigsten an.

Aber in weniger als vier Jahren hat Lisa Müller 500 Mal bezahlten Geschlechtsverkehr mit den Menschen gehabt, denen man das nicht ansieht. Dass sie damit aufgehört hat, liegt an einem Schockerlebnis, wie es für Prostituierte wohl zum ganz normalen Berufsrisiko gehört. Sie wurde vergewaltigt. Die folgenden Alpträume und Depressionen gaben den Anlass, über den Ausstieg nachzudenken. Mit 17 war sie von daheim ausgezogen, um die Freier in ihrer eigenen Wohnung empfangen zu können. Mit 18 hat sie den Job aufgegeben, körperlich und seelisch nicht gerade im Bestzustand.

Die Illingerin arbeitet jetzt als Sekretärin, lebt mit ihrem Freund zusammen. Keine einfache Angelegenheit. In einem Video erzählt sie von der Bestätigung, die sie immer gesucht habe und in der Prostitution zu finden glaubte. Jetzt muss sie die Bestätigung in anderen Lebensbereichen finden. Da wäre das Buch, das sicherlich ein Bestseller werden wird. Da wären die vielen Talkshows im Fernsehen, die sich um Lisa Müller reißen werden. Und wo gibt es die Bestätigung danach?

Die junge Illingerin hat den Absprung geschafft. Dafür gebührt ihr Lob und Anerkennung. Christiane F. hat der Ruhm nicht dauerhaft geholfen. Lisa Müller hat da wohl mehr Chancen. Es wäre der jungen Frau aus dem Enzkreis zu wünschen.

 

Die Daten zum Buch:
Lisa Müller: „Nimm mich, bezahl mich, zerstör mich! – Mein Leben als minderjährige Prostituierte in Deutschland“
Verlag Schwrzkopf @ Schwarzkopf
288 Seiten, Taschenbuch, ISBN 978-3-86265-238-9
Originalausgabe 9,95 Euro

[Video] Lisa Müller aus Illingen: Mit 14 in die Prostitution