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Der Vorstand der Erlacher Höhe Wolfgang Sartorius (von links), der Leiter der Wohnungslosenhilfe Sebastian Kirsch und Michael Brainig fordern einen angemessenen Umgang mit armen Menschen.  Foto: Biermayer 

Kritik: Corona hat Armut verstärkt - Erlacher Höhe fordert neue Form der Grundsicherung

Calw. „Was die hiesige Armut anbelangt, waren die Merkel-Jahre von einer pragmatischen Gleichgültigkeit geprägt.“ Diesen Satz aus einer Spiegel-Kolumne empfindet Wolfgang Sartorius, Vorstand der diakonischen Organisation Erlacher Höhe, als zutreffend. Der aktuelle Armuts- und Reichtumsbericht zeige die Ergebnisse dieser Politik.

Mehr Menschen seien arm. Und die, die arm seien, hätten eine geringere Chance, aus der Armut herauszukommen, so Sartorius. Ein Problem sei die Vermögensverteilung. Hier gehörten dem reichsten Zehntel knapp 60 Prozent des Nettovermögens. Dem ärmsten Zehntel hingegen gehöre nichts außer Schulden.

Ein anderes Problem sei Hartz VI. Ein Drittel der Bezieher seien Rentner, ein weiteres Drittel sogar erwerbstätig. Lediglich ein Drittel sei wirklich arbeitslos. Und insgesamt sei der monatliche Satz von 446 Euro für einen Alleinstehenden zu gering. Dazu kämen bürokratische Hürden beim Beantragen des Geldes. Das ganze System sei repressiv und entwürdige die Menschen.

Davon kann Michael Brainig viel erzählen. Der 53-Jährige wohnt momentan in einer Einrichtung der Erlacher Höhe in Calw. Der gelernte Gipser hat über die Jahre viele Jobs gehabt, zum Beispiel als Maler oder als Staplerfahrer. Dann erkrankte er an Speiseröhrenkrebs und wurde operiert. Er konnte nicht mehr arbeiten, wurde depressiv und alkoholkrank. Schließlich landete er auf der Straße, bis er bei der Erlacher Höhe aufgenommen wurde.

Der Gang zum Amt sei schwer, berichtet er. Man trete dort immer als Bittsteller auf. Für alles brauche man Nachweise. Zudem würden ihm immer wieder Jobs vorgeschlagen, die er wegen seiner Erkrankung gar nicht machen könne. Es würde zwar Wohngeld genehmigt. „Aber was soll man machen, wenn man für die Summe keine Wohnung findet?“, fragt er. „Es ist schmerzhaft, wie man als armer Mensch behandelt wird“, fasst er seine Erfahrungen mit den Ämtern zusammen.

Er müsse dann bei Verwandten nach Geld fragen. Aber es sei zutiefst „beschämend“ so um Geld betteln zu müssen.

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