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Vorsicht bitte: Autofahrer werden freundlich auf die ungewöhnlichen Trainingseinheiten auf der Strecke hingewiesen.  Fotos: Hegel 
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Getunt: Steffen Bräutigam erklärt die Aufrüstung seines Klapprads. 

Letzter Antritt nach dem Protest: Abschied vom Klapprad-Rennen auf der einst maroden Strecke

Unterreichenbach/Engelsbrand. Wummernder Hardrock, düstere Gestalten. Naja, um eine waschechte Rockergang handelt es sich nicht bei den Klappradfahrern, die am Sonntag beim letzten Radrennen „Maroder Asphalt“ den Berg von Unterreichenbach nach Grunbach bezwingen wollen. Aber das mit dem Hardrock stimmt – „Kiss“ um genau zu sein. Denn die Motivationsmusik ist nicht zu überhören, wenn die 16 bunten Räder beim abendlichen Training um die Ecke biegen und die steile L338 in Angriff nehmen. Bis zu 15 Prozent Steigung – und das mit nur einem Gang. Ganz schön beklappt, oder?

Auf die Idee sind die Hobby-Sportler aus Unterreichenbach, Grunbach und den umliegenden Ortschaften gar nicht selbst gekommen. Damals, 2011, startete das erste Radrennen als augenzwinkernder Protest, um Druck für eine Sanierung der von Schlaglöchern übersäten Landesstraße zu machen. Da seien plötzlich zwei Männer aus der Pfalz mit Klapprädern aufgetaucht. „Dort ist das ein Riesenhype“, sagt Organisator Carlo Burkhardt, „es gibt Klappradrennen mit 1000 Teilnehmern und da wird gefeiert wie beim Karneval.“ Mittlerweile reisen 30 Fahrer aus dem Nachbarbundesland an – und es haben sich auch einheimische Fans zusammengeschlossen. „Wir sind ein kleiner Ableger davon“, sagt Steffen Bräutigam, der am Sonntag unter seinem Bikernamen „Gibstoffman“ antritt.

Der Grunbacher stellt sein rostiges Rad aus den 70-er Jahren vor, auf dem er sich gleich hoch zu seinem Heimatort quälen wird. Ein größeres Ritzel am Hinterrad ersetzt die niedrigen Gänge. Zumindest halbwegs. „Ich stehe den Großteil der Strecke auf dem Rad“, erklärt er. Und warum die Quälerei? „Einfach weil es so herrlich bescheuert aussieht“, sagt Bräutigam und erntet Lacher. „Wenn man oben durchs Ziel fährt, bekommt man besonderes Mitleid. Da hat man gleich ein ganz anderes Ansehen.“

Obwohl die Straße schon 2014 saniert wurde, hatte sich das Bergzeitfahren als feste Größe im Terminkalender der Gemeinden etabliert. „Ein bisschen ist dadurch schon der Witz raus“, meint Bräutigam, „ohne Ausweichen ist die Strecke weniger anspruchsvoll.“ 180 Sportler erwartet Burkhardt am Sonntag – zum vorerst letzten Rennen. „Der Organisationsaufwand ist für uns einfach zu hoch“, erklärt er. „Wir bräuchten fünf bis zehn Leute mehr.“ Zeitmesser, Streckenposten, Bewirtung. Wenn sich eine neue Gruppe fände, die das übernimmt, könnte das Rennen wiederaufleben.

Jetzt heißt es erst mal: Aufsitzen, Lautsprecher-Boxen an. Die kleinen Rädchen setzen sich in Bewegung. Fast jeden Abend sind sie hier unterwegs. Die Autofahrer nehmen es auf der schmalen Straße gelassen, berichten die Radler. Ein selbstgebasteltes Schild verweist auf die Verkehrsverzögerung durch die „Beklappten“, wie sie sich selbst nennen. Statt Beleidigungen ernten die Biker eher Zuspruch und Anfeuerungen. Der Schnellste schafft die Strecke in 12,5 Minuten. Nur eine Minute langsamer als manche Sportler auf Rennrädern. Aber darauf kommt es hier ohnehin keinem an. „Uns zieht vor allem der Gerstensaft nach oben“, scherzt ein Teilnehmer über die erfrischende Belohnung. Mit Schlaghosen, Sonnenbrillen und verrückten Perücken gehen sie am Sonntag zum vorerst letzten Mal an den Start. Aber wer weiß, wer die Idee aufgreift. Schließlich gibt es im Nordschwarzwald noch die ein oder andere Straße, die sich über eine Generalüberholung freuen würde.