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Im Militärgericht La Spezia verliest Vincenzo Santoro (rechts) im Januar 2007 das Urteil gegen zehn ehemalige Angehörige der Waffen-SS wegen des Massakers von Marzabotto von 1944. Einen Engelsbrander sprach das Gericht damals frei. Der Mann wurde aber 2008 in zweiter Instanz verurteilt. Foto: EPA/LUCA ZENNARO/archiv
Im Militärgericht La Spezia verliest Vincenzo Santoro (rechts) im Januar 2007 das Urteil gegen zehn ehemalige Angehörige der Waffen-SS wegen des Massakers von Marzabotto von 1944. Einen Engelsbrander sprach das Gericht damals frei. Der Mann wurde aber 2008 in zweiter Instanz verurteilt. Foto: EPA/LUCA ZENNARO/archiv
08.03.2016

Massaker von Marzabotto: Ringen um Gerechtigkeit

Die Empörung in Italien bleibt groß. Wie konnte Engelsbrand nichts von der Verurteilung eines Bürgers durch ein italienisches Gericht für die Beteiligung an Kriegsverbrechen 1944 in Marzabotto wissen und den Mann ehren? Die Gemeinde hatte über das Urteil aus Italien von 2008 keine Informationen erhalten, sagte Bürgermeister Bastian Rosenau am Montag. Und in Deutschland führt der in Abwesenheit der Beschuldigten verhängte Richterspruch zu keiner Eintragung. Eine Anklage hierzulande gibt es bislang nicht. Damit blieb das italienische Urteil zunächst ohne Auswirkungen.

Ob sich das ändern könnte, hängt noch an laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Stuttgart im Fall des Engelsbranders, der eine Beteiligung an Kriegsverbrechen abstreitet. „Im Sommer könnte es eine Entscheidung geben, ob es zur Anklage kommt oder ob das Verfahren eingestellt wird“, sagt Jan Holzner, Sprecher der Staatsanwaltschaft. Die Stuttgarter stehen dabei vor Herausforderungen. Nach so langer Zeit könne es aus Verjährungsgründen nur noch um Mordvorwürfe gehen – und die Anforderungen an den Tatnachweis seien streng, so Holzner. Umfangreiche Ermittlungen seien nötig. Und die sind schwer, weil die Kriegsverbrechen so weit zurückliegen und weil es kaum noch Zeugen gebe.

Ähnlich schildert Thomas Will, Erster Staatsanwalt an der Zentralen Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg, die Hürden eines früheren deutschen Verfahrens. Zu den Morden von Marzabotto hatte die Staatsanwaltschaft München I vor rund acht Jahren Ermittlungen angestrengt. „In Kenntnis der italienischen Rechtsprechung“, so Will. Am 27. April 2009 wurde das Verfahren eingestellt. Der Grund: Obwohl Untersuchungen und Vernehmungen fast 50 Aktenordner füllten, so Will, hätten es die Ermittler nicht geschafft, den einzelnen Personen konkrete Handlungen zuzuordnen.

In Italien war gegen den Engelsbrander bereits 2007 in Abwesenheit vor dem Militärtribunal La Spezia verhandelt worden. Damals zählte er zu sieben ehemaligen Soldaten, die freigesprochen wurden. Zehn weitere Angeklagte wurden verurteilt. 2008 änderte die zweite Instanz in Rom diesen Spruch und verurteilte alle 17 Männer. Bei solchen Kriegsverbrechen genüge den Richtern dort der Nachweis, dass ein Soldat zum Zeitpunkt der Taten in Marzabotto war und einen Rang hatte, der ihm grundsätzlich Befehlsgewalt einräumte. In Deutschland wären die Fälle dagegen eher eine Sache neuer, eigener Verfahren – noch ist es dazu nicht gekommen.

Wollen Kommunen bei Ehrungen nicht wie Engelsbrand von Enthüllungen aus der NS-Zeit überrascht werden, müssen sie selbst nachforschen. Manche hätten vor Straßentaufen oder Ähnlichem bei der Zentralen Stelle in Ludwigsburg nachgefragt.

Die PZ berichtete am Dienstag bereits über die Schatten aus der Kriegszeit. In einem Satz ist der falsche Eindruck entstanden, Engelsbrand könnte aus Italien Mitteilungen erhalten haben. Die Gemeinde sagt aber wie berichtet klar, sie habe keine Kenntnis des Urteils gehabt.

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