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Sina Wagner (22) litt vor rund fünf Jahren an einer Essstörung.
Sina Wagner (22) litt vor rund fünf Jahren an einer Essstörung. © Foto: privat (Vordergrund)/Symbolfoto dpa (Hintergrund)
13.05.2019

Mit Hilfe aus der Region: Wie eine Betroffene die Bulimie besiegte - Instagram-Takeover bei pznews

Noch nicht ganz erwachsen, aber doch schon lange kein Kind mehr war Sina Wagner, als sie begann, hungrig ins Bett zu gehen. Als die heute 22-Jährige ihr Selbstwertgefühl daraus zog, immer weniger zu essen – irgendwann waren es pro Tag nur noch 400 Kalorien. Und als sie sich dann – ein Jahr später, 2015 – eingestand, „dass ich Hilfe brauche und es so nicht weitergehen kann“, wie sie sich im Gespräch mit der PZ erinnert.

Heute will die junge Offenburgerin selbst helfen – anderen Betroffenen einer Essstörung, aber auch deren Bekannten, die nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Deswegen berichtet Wagner von Dienstag bis Donnerstag über die Instagram- und Snapchat-Kanäle der „Pforzheimer Zeitung“ (Nutzername pznews) über ihre Erfahrungen. Ganz bewusst haben Wagner und die PZ diese Kanäle gewählt, wo die Mehrzahl der Follower (so werden in den sozialen Medien die Abonnenten bezeichnet) weiblich und jung ist. Denn Magersucht tritt hauptsächlich bei Mädchen zwischen 14 und 18, Bulimie bei 15- bis 35-Jährigen und Esssucht bei Frauen zwischen 20 und 30 Jahren auf – wobei hier der Anteil der Männer mit etwa einem Viertel höher ist als bei den anderen Essstörungen.

Bei Wagner war es zum einen die Arbeitsgemeinschaft seelsorglicher Berater (AsB), deren Hauptsitz in Birkenfeld ist, die ihr half – und zum anderen ein Klinikaufenthalt, für den sie sich selbst entschieden hatte. Durch die AsB ist sie häufig in der Region Pforzheim und Karlsruhe unterwegs, auch der Kontakt zur PZ kam so zustande.

Ein Patentrezept für die Heilung gibt es nach Wagners Ansicht nicht. Sie selbst sieht sich als eher untypischen Fall, da bei ihr die Erkenntnis, dass es so nicht weitergehen kann, recht schnell kam. „Häufiger ist es so, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen nicht nur anderen gegenüber schweigen, sondern auch sich selbst jahrelang vormachen, dass alles halb so schlimm sei und man es alleine in den Griff kriege.“ Sich einzugestehen, dass etwas nicht gut läuft und so nicht weitergehen kann, sei kein Grund zur Scham. „Im Gegenteil: erst dann kann der Weg der Heilung beginnen.“

Und doch sei dies nur der erste Schritt. Der zweite sei nicht einfacher: dranzubleiben. „Es wird so viele Momente geben, an denen man scheitert, rückfällig wird, sich daraufhin wie ein Versager fühlt und aufgeben möchte.“ Doch Wagner macht Betroffenen Mut: „Das ist vollkommen okay. Sogar mehr als normal.“ Auch sie sei wie viele andere Betroffene „mehr als einmal“ an diesem Punkt gewesen. Und doch: „Nicht aufzugeben, sondern geduldig mit sich und dem Prozess zu sein, war die beste Entscheidung.“

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So können Sie sich am Takeover beteiligen

Das sogenannte „Takeover“ – also Sina Wagners Übernahme der PZ-Accounts – läuft bis Donnerstag, 16. Mai, auf den Kanälen „pznews“ auf Instagram (in der Story) und Snapchat. Dort beantwortet Wagner gerne auch Leserfragen. Diese sollten am besten direkt über die Kanäle an sie gerichtet werden. Alternativ können Fragen aber auch per Mail an internet@pz-news.de geschickt werden.

Wichtig: Wer selbst von Bulimie betroffen ist und Hilfe sucht, sollte sich an die entsprechenden Experten wenden. Hilfe gibt es zum Beispiel bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung unter https://www.bzga-essstoerungen.de/. Dort gibt es auch eine Beratungsstellensuche. Die Berater der der BZgA erreichen Betroffene unter der Telefonnummer 0221/892031 montags bis donnerstags von 10 bis 22 Uhr und freitags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr.

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Drei Fragen an Sina Wagner, die vor rund fünf Jahren an einer Essstörung litt

Wieso hast du dich entschieden, über deine einstige Essstörung in der Öffentlichkeit zu sprechen?

"Mir ist es ein großes Anliegen, Menschen mit psychischen Erkrankungen Gehör zu verschaffen. Meine Erfahrung sagt mir, dass die meisten Menschen gar nicht wirklich wissen, was genau zum Beispiel Bulimie ist, oder eine manische Depression. Dennoch werden Betroffene aber mit diesem gefährlichen Halbwissen und Halbwahrheiten betrachtet, wenn nicht sogar be- oder verurteilt. Nachdem ich selbst durch eine längere Krankheitsphase gegangen bin, ist es mir daher wichtig, immer mehr Menschen aufzuklären – etwa über psychische Erkrankungen und den Umgang mit Betroffenen."

Wann begann deine Essstörung?

Den genauen Beginn zu finden, wird wahrscheinlich schwer. Ich bin überzeugt, das schleicht sich über Jahre ein und ist nicht bloß von einem Auslöser abhängig. Ich würde aber sagen, dass der Ausbruch der akuten Bulimie nach meinem Abitur 2014, während meines Auslandsaufenthaltes auf Hawaii, stattfand. Ich hatte panische Angst, durch amerikanisches Essen dick zu werden und steigerte mich ab meiner Anreise immer mehr hinein.

Ab wann hattest du die Krankheit im Griff?

Seine Essstörung in den Griff zu kriegen, ist ein langwieriger Prozess. Ich würde es umdrehen und sagen, der Moment, ab dem mich die Essstörung nicht mehr im Griff hatte, war anderthalb Jahre später. Ich habe schnell bemerkt, dass ich mich kaputt mache, dass lügen, hungern, Kalorien zählen und so weiter mein Leben inzwischen komplett bestimmten. Ich hatte mich selbst für einen Klinikaufenthalt entschieden, der mir viel geholfen hat. Ich habe mich in diesen Wochen das erste Mal tiefgründig mit mir selbst befasst und entdeckt, dass die Essstörung nur eine Art Verhaltensmuster war, das aus seelischem Schmerz entstanden war. Ein Patentrezept für die Heilung gibt es nicht, aber bei mir war wichtig, dass ich mir selbst eingestanden habe, dass ich Hilfe brauche und es so nicht weitergehen kann.

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Freundschaftscoachs in der Region

Unterstützung fand Sina Wagner bei der Arbeitsgemeinschaft seelsorglicher Berater (AsB). Inzwischen hilft die 22-Jährige selbst der Organisation: Sie arbeitet beim Freundschaftscoaching mit, das von der AsB für Jugendliche ins Leben gerufen wurde, die selbst Bekannte in schweren Lebensphasen unterstützen wollen. Zwei Gruppen aus Mühlacker und Illingen haben die durch die PZ-Hilfsaktion „Menschen in Not“ unterstützte Ausbildung zum Freundschaftscoach Mitte Februar bereits erfolgreich beendet und ihre Zertifikate erhalten. Die nächste Gruppe hat sich im Raum Pforzheim gefunden und startet Ende Mai in die einjährige Ausbildung. Mehr Informationen gibt es unter www.freundschaftscoach.de.