760_0900_101177_Benrath_07.jpg
Einer von knapp 2000 Schmerztherapeuten in Deutschland ist Professor Justus Benrath. Seit April ist er an der Klinik Öschelbronn tätig, diese Woche spricht er im PZ-Forum über sein Spezialgebiet.  Foto: Moritz 

PZ-Interview mit Professor Dr. Justus Benrath: „Jeder Tag ohne Schmerzen ist ein Gewinn“

Ein Ziepen hier, ein Stechen dort: Schmerzen gelten als Warnsignale des Körpers. Bei 1,5 Millionen Menschen in Deutschland hört das Leiden aber nicht auf. Professor Dr. Justus Benrath beschäftigt sich mit solchen Beschwerden. Der leitende Arzt an der Klinik Öschelbronn will dort ein Schmerzzentrum etablieren, wo Schulmedizin um anthroposophische Therapieformen ergänzt wird.

PZ: Wann hatten Sie selbst das letzte Mal Schmerzen?

Professor Dr. Justus Benrath: (überlegt)… kürzlich, als ich einen Triathlon absolviert habe. Danach hatte ich einen wahnsinnigen Muskelkater.

PZ: Was haben Sie dagegen getan?

Professor Dr. Justus Benrath: Weitertrainiert. Einfach in Bewegung bleiben. Muskelkater ist ja zum Glück kein bleibender Schmerz.

PZ: Und wenn das Leiden aber bleibt. Wieviel Schmerz kann ein Körper aushalten?

Professor Dr. Justus Benrath: Jeder erlebt Schmerz unterschiedlich stark. Die Einschätzung hängt davon ab, wie wir kulturell oder durch unsere Erziehung geprägt sind. Daher gibt es kein Zuviel oder Zuwenig. Es geht vielmehr um die Dauer. Wenn die Beschwerden länger als acht Wochen bestehen, dann gilt es, einen speziellen Schmerztherapeuten aufzusuchen.

PZ: Sie sind ein solcher Spezialist und leiten seit April an der Klinik Öschelbronn die neue Abteilung „Integrative Schmerz- und Palliativmedizin“. Was erwartet den Patienten dort?

Professor Dr. Justus Benrath: Schmerzen werden häufig als Symptom gesehen. Der Arzt diagnostiziert den Bandscheibenvorfall, verschreibt die entsprechenden Medikamente und einige Einheiten Physiotherapie – fertig. Das greift zu kurz. Es gilt, den Patienten zu begleiten – integrativ, auf schulmedizinischen Grundlagen, ergänzt mit der anthroposophischen Medizin. Neben der Diagnose schauen wir uns die Biografie des Patienten an, ebenso seine seelische Verfassung. Es gibt Menschen, die in der Kindheit traumatisiert wurden, und 30 Jahre später chronische Schmerzen entwickeln, ohne Auffälligkeiten auf einem Röntgen- oder Ultraschallbild.

PZ: Mit welchen Beschwerden kommen die Patienten zu Ihnen?

Professor Dr. Justus Benrath: Ein chronischer Schmerz kann überall entstehen. Klassisch sind Leiden im Rücken, Kopf, den Nerven sowie Schmerzen durch Diabetes oder im Rahmen einer Tumorerkrankung.

PZ: Unter Ihrer Mitwirkung die Klinik Öschelbronn zum Schmerzzentrum weiterentwickeln. Wie soll das aussehen?

Professor Dr. Justus Benrath: Aktuell gibt es nicht allzu viele stationäre schmerztherapeutische Einrichtungen. In näherer Umgebung gibt es sie in Karlsruhe, Ulm, in Mainz und in Freiburg. Um die Beschwerden gezielt anzugehen, braucht es spezielle Kenntnisse darüber, wie die Erkrankung zustande kommt und welche therapeutischen Möglichkeiten es gibt, um für jeden Patienten individuell einen Behandlungsplan über zwei Wochen oder mehr zu erstellen. Das passiert an der Klinik Öschelbronn seit 45 Jahren in der Onkologie erfolgreich und ist in der Form durch die Einbindung der anthroposophischen Medizin einzigartig. Das soll für alle Schmerzpatienten etabliert werden.

Mehr lesen Sie am Mittwoch, 19. Juni, in der „Pforzheimer Zeitung“ oder im E-Paper auf PZ-news oder über die Apps auf iPhone/iPad und Android-Smartphones/Tablet-PCs.

Carolin Kraus

Carolin Kraus

Zur Autorenseite