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Ein Virtuose an der Orgel: Paolo Oreni präsentiert in Dürrn unter anderem Stücke von Bach, Liszt und Widor.  Foto: Roller 

Paolo Oreni begeistert an Dürrner Kirchenorgel: Wenn die Finger nur so über die Tasten hüpfen

Ölbronn-Dürrn. Noten hat Paolo Oreni keine mitgebracht. Warum damit Papier bedrucken, wenn er sie nicht braucht? Der Konzertorganist spielt auswendig, ohne Merkhilfe, ohne doppelten Boden. Jedes einzelne Stück hat er im Kopf, von Anfang bis Ende. Was Oreni am Samstagabend an der Orgel in der Dürrner Kirche treibt, lässt sich kaum in Worte fassen. Man muss es selbst gesehen und vor allem gehört haben, um es zu glauben.

Vor rund 20 Jahren, zu Beginn seiner Karriere, war der in Norditalien geborene Künstler schon einmal in Dürrn und hat auf der damals noch ganz neuen Rohlf-Orgel musiziert. Das Instrument ist ihm in Erinnerung geblieben: „Sehr farbig“ sei es und habe einen warmen Klang. Rasant geht es auf ihm durch Bachs Concerto D-Dur (BWV 972). Oreni lässt ein buntes, impressionistisch anmutendes Tongemälde entstehen. Mit beiden Händen greift er in die Tasten, immer und immer wieder. Sein Spiel ist voller Temperament, voller Leidenschaft, aber auch detailgenau, präzise und nuanciert. Bei Liszts Fantasie und Fuge über B-A-C-H lotet er das ganze Klangspektrum des Instruments aus. Man kann kaum fassen, wie schnell seine Finger über die Tasten der Orgel hüpfen, wie stilsicher er die Register zieht. Der ganze Körper ist in Bewegung. Oreni lehnt sich vor und zurück, rutscht auf der Sitzbank hin und her, streckt die Füße weit auseinander, um mit ihnen die Pedale auch dann zu erreichen, wenn sie sich auf gegenüberliegenden Seiten befinden.

Monumental und wuchtig klingt Liszts Komposition, stellenweise fast bedrohlich. Oreni ist kein Freund der leisen Töne. Er mag es wild, laut und mitreißend. Das Publikum sieht, hört – und staunt. Erst recht, als er um Vorschläge für seine Improvisation bittet. „Großer Gott, wir loben dich“, „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ und „Jesu, meine Freude“ lauten die Kirchenlieder, die Oreni spontan zu einer musikalischen Darbietung verschmilzt. Die beginnt zunächst ganz melodisch – so, dass das zentrale Thema jedes Stückes klar herauszuhören ist. Dann vermischen und überlagern sich die Motive, als ob ein Tornado sie aufsaugen und durcheinanderwirbeln würde. Der Sturm lässt nach, der Klang wird heller und freundlicher. Im Glockenspiel herrscht Intimität, bevor zum Abschluss voller Wucht die Fetzen fliegen. Das Publikum ist begeistert und Pfarrer Markus Mall sagt nach fast einer Stunde das, was sich wohl jeder Zuhörer in der Dürrner Kirche gedacht hatte: „Ich bin sprachlos.“