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Ein Bild des Schreckens bot sich nach dem Tornado in Rudmersbach. © Weidner
Else Maili © Ruf
04.06.2018

Tornado-Augenzeugin Else Maili: „Dass wir überlebt haben, war ein Wunder“

Else Maili war 38 Jahre alt, als sich ein Tornado seinen zerstörerischen Weg durch Pforzheim und den Enzkreis bahnte. Die heute 88-Jährige erlebte das Zentrum des verheerenden Sturms in ihrem Haus in Rudmersbach, das heute zum Straubenhardter Ortsteil Ottenhausen gehört. Der PZ schilderte sie ihre Erinnerungen an jenen schwülen Sommerabend. Ein Abend, an dem sie ihre Kinder rettete, aber ihre Nachbarn verlor.

"Das Erste, das ich vom Tornado hörte, war ein Pochen im oberen Stockwerk unseres Hauses – dort, wo unsere drei Kinder schliefen. Da saß ich gerade in der Stube und stopfte Socken. Also bin ich raufgesprungen: Erst in unser Schlafzimmer, das neben dem Kinderzimmer lag. Dort habe ich das Fenster überprüft – aber das war zu. Und in dem Moment packt mich der Wind, schmeißt mich durch die Zwischentür bis in das hintere Eck des anderen Zimmers, wo unsere Älteste geschlafen hatte. Und da habe ich schon gesehen, dass sie keine Matratze mehr hatte. Aber sie hatte das Glück, dass sie auf dem Bauch gelegen war und sich dadurch am Bett festhalten konnte. Sonst wäre sie samt der Matratze fort gewesen. Denn das Dach war da auch schon weg – wir hatten einen freien Blick in den Himmel.

Aber ich habe ja gewusst, dass ich noch zwei Kinder in der Stube habe. Also habe ich die Zweite gepackt und ins Eck runter geschoben. Ich musste da selbst aufpassen, dass mich der Wind nicht oben raus bläst. Dann hat noch eine gefehlt. Ihr Bettlaken, das war mit Rosen verziert, habe ich am Fenster wehen gesehen – und da war auch sie. Ich bin zu ihr gekrabbelt und habe sie gerade noch an einem Arm erwischt. Der Boden war da schon zentimeterhoch mit Dreck gefüllt: Mauerstein, Erde, Glasscherben, sogar ein Bienenstock lag drin. Unglaublich.

Bildergalerie: Tornado am 10.7.1968 über Rudmersbach

Was aber war passiert? Ich habe in dem Moment gedacht, ein Blitz wäre eingeschlagen. Sonst habe ich mir nichts vorstellen können. Ich habe dann raus geschaut – und da sah ich, dass der obere Stock im Haus nebenan fehlt. Der war ganz weg. Und mein Elternhaus, daneben: auch alles weg. Im Stall dahinter: alles eben. Dass da alle in unserer Familie überlebt haben, war ein Wunder.

Kurz darauf kam ein Bekannter, der bei der Feuerwehr war. Er erzählte, dass es gegenüber beim Ehepaar Nittel den oberen Stock abgeräumt hat. Sie (Frieda Nittel, Anm. d. Red.) muss etwas gehört haben und ist die Treppe runter – und da hat man sie später gefunden, mit Mauersteinen auf der Brust. Er (Emil Nittel, Anm. d. Red.) lag aber noch oben im Bett – ein Dachbalken hatte ihn am Kopf erwischt. Frieda Nittel war da noch bei Bewusstsein. Sie hat immer gesagt: ,Hol meinen Mann. Wo ist Emil? Wo ist mein Emil?' Da wusste ich schon, dass er tot ist. Ich habe es ihr aber nicht gesagt, ich dachte: Das muss sie jetzt nicht auch noch verdauen müssen. Daher habe ich nur gesagt: ,Er kommt, er muss drüben nur noch etwas machen.' Später starb auch sie im Klinikum Pforzheim."

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Dieser Augenzeugenbericht ist Teil der Serie "50 Jahre Tornado". Denn am Abend des 10. Juli 1968 beschädigte ein Tornado vor allem in Pforzheim, Ottenhausen, Gräfenhausen und Neubärental 3300 Häuser, verletzte mehr als 300 Menschen und kostete zwei das Leben. In der Serie blickt die „Pforzheimer Zeitung“ auf den Sturm und seine Folgen zurück. Dies geschieht auch bei einer Podiumsdiskussion mit Experten und Augenzeugen am 4. Juli um 19 Uhr im PZ-Forum. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung aber erforderlich – denn der Platz ist begrenzt. Anmeldungen per Telefon (07231/933-125) oder E-Mail (verlag@pz-news.de).