Ganz allein mit ihrem Schmerz fühlt sich Susanne W. bisweilen, seit ihre Tochter den Kontakt zu ihr abgebrochen hat. Symbolbild: dpa
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Verlorene Kinder: Selbsthilfegruppe für verlassene Eltern
  • Lisa Belle

Pforzheim/Enzkreis. Ein Frau aus dem Enzkreis gründet eine Selbsthilfegruppe für verlassene Eltern. Scheinbar grundlos hat ihre Tochter jeden Kontakt zur Familie abgebrochen.

„Ich würde sie einfach nur in den Arm nehmen sagen: ,Schön, dass du da bist‘“. Tränen rinnen unkontrolliert über die Wangen von Susanne W. Sie wendet sich ab, kann nicht weitersprechen. Die Frau, die eigentlich anders heißt, lebt seit Jahren mit dem ständigen Schmerz über den Verlust ihrer Tochter – und der Frage, auf die sie keine Antwort findet: Warum? Warum hat ihre erwachsene Tochter ganz plötzlich ohne ersichtlichen Grund mit der Familie gebrochen? Eltern, Geschwister und Großeltern stehen seither vor einem Rätsel um den leeren Platz in ihrer Mitte.

„Wir hatten immer ein so inniges Verhältnis“, sagt Susanne W., und lässt spüren, wie schwer es ihr fällt, über den Verlust ihrer Tochter zu sprechen. Zwar habe diese längst berufsbedingt Hunderte Kilometer entfernt gewohnt, doch der Kontakt über Kurznachrichten, regelmäßige Telefonate und gegenseitige Besuche sei eng geblieben. „Bei uns wurden Probleme immer angesprochen, dann haben wir gemeinsam nach Lösungen gesucht.“ Als ihre Tochter eine schwere Lebenskrise durchmachte, sei sie für sie da gewesen – wie immer. „Ich habe sie da durchbegleitet, zugehört, sie konnte mich immer anrufen, auch nachts – Mutti war da.“ Und dann, ganz plötzlich, kam dieser Tag, der alles veränderte. Durch so viel zu wenige Worte auf dem Bildschirm ihres Handys.

Nagende Selbstzweifel

„Sie schrieb, sie will keinen Kontakt mehr und ich soll sie in Ruhe lassen.“ Ein Schock für die Mutter. „Das fühlt sich entsetzlich an, man kann dieses Gefühl überhaupt nicht in Worte fassen. Zu niemandem hat man eine so enge Beziehung wie zum eigenen Kind.“ Ihre Tochter reagierte ab diesem Zeitpunkt nicht mehr auf Nachrichten, Anrufe, Briefe, Karten. Susanne W. schickt sie trotzdem weiterhin, noch heute – in der Hoffnung auf eine Antwort. Irgendwann. Einfach vorbei zu fahren, hat sie nie gewagt. „Ich habe unheimliche Angst davor hinzu- fahren, etwas falsch zu machen“, sagt sie, „was, wenn sie mir ein- fach die Tür vor der Nase zuschlägt? Das würde ich nicht ertragen.“ Auch in Briefen fordere sie keine Antworten. Susanne W. will keinen Druck ausüben. „Ich sage ihr nur, dass ich sie sehr lieb habe und dass ich sie vermisse. Mehr, als ihr zu zeigen, meine Tür steht offen, kann ich nicht tun.“

Zweifel zerfressen sie, rauben ihr den Schlaf, machen sie körperlich krank. „Ich habe eine Therapie angefangen, ich wäre sonst daran kaputt gegangen“, sagt Susanne W. Die Frage nach dem Warum lässt sie nicht los. Zuerst suche man die Schuld bei sich selbst. Sie habe alle Nachrichten, alle Briefe nach Anhaltspunkten durchforstet, versucht, zwischen den Zeilen zu lesen, in der Kindheit ihrer Tochter gesucht, dutzende Bücher gelesen. Und nichts gefunden. „Aber nur, wenn man einen Anhaltspunkt hat, kann man versuchen, das zu verarbeiten. Und ich habe keinen.“

Suche nach Betroffenen

Ihren Schmerz mit Freunden teilen zu wollen, hat sie schnell aufgegeben. „Das kann nicht möglich sein“ oder „bestimmt hast du was falsch gemacht“ – diese Sätze hätten sie belastet. „Als verlassene Mutter kann man sich nicht outen“, sagt Susanne W. Zu groß sei das Tabu. „Man wird als schlechte Mutter niedergemacht. Immer wird die Schuldfrage gestellt.“ Doch Susanne W. will sich austauschen, mit Menschen, die verstehen, die nicht verurteilen.

Sie wendet sich an die Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe und Selbsthilfegruppen (KISS) des Enzkreises – und bekommt dort Unterstützung bei der Gründung einer Selbsthilfegruppe für verlassene Eltern. Denn eine solche gibt es in Pforzheim und dem Umland noch nicht. Dabei, das zeigen die Teilnehmerzahlen der ersten beiden Treffen, scheint der Bedarf vorhanden zu sein. Viele der Eltern verbindet die Suche nach dem Warum und die Scham, die sie abhält, mit ihrem Schicksal offen umzugehen.

Die streng vertrauliche Gruppe ist in der Findungsphase, lernt sich kennen – und das ganz anonym. Die Mitglieder kennen sich lediglich mit Vornamen, auch ihr Wohnort bleibt geheim. „Wir stärken uns gegenseitig, sprechen uns Mut zu und geben uns Ratschläge“, sagt Susanne W. „Es gibt Kraft zu sehen, du bist nicht allein.“ So verschieden ihre Geschichten, so verbindend ihre Fragen: Schickt man Geschenke an Geburtstagen? Hat man inzwischen vielleicht Enkelkinder? Und wenn ja, wie geht man damit um? Susanne W. hofft, dass sich der Umgang mit dem Thema verändert: „Ich wünsche mir Verständnis dafür, dass das jedem passieren kann.“