Der neue Tag war schon angebrochen, als Manuel Neuer seine Bayern nach dem Gigantensieg in Madrid unter dem rhythmischen Klatschen der Edelfans zum Bankett in den Ballsaal des Teamhotels anführte. Danach bekam der Mann des Abends noch einen Sonderapplaus, als Vorstandschef Jan-Christian Dreesen den Kapitän in seiner Rede nach dem 2:1 (1:0) «im europäischen Clássico» gegen Real aus «unserer fantastischen Mannschaft» noch explizit hervorhob.
«Wir hatten heute etwas in unserem Spiel, was Real Madrid so nicht hatte. Wir hatten unseren X-Faktor, unseren Vierziger, unseren Torhüter von Weltklasseformat. Manuel, Du warst heute außerordentlich», sagte Dreesen.
Diesmal verließ der ewige Neuer das berühmte Estadio Santiago Bernabéu als Triumphator. Und das zwei Jahre nach seinem folgenschweren Fehler beim bitteren Halbfinal-Aus gegen Real. Deutschlands Rekordtorwart hatte wenige Tage nach dem 40. Geburtstag die Auszeichnung als «Man oft the Match» mehr als verdient. Sogar die spanische Zeitung «As» huldigte am Mittwoch dem Bayern-Veteranen. «Neuer zeigt eine heldenhafte Leistung», schrieb sie.
«Es war ein wichtiges Spiel für mich»
Neuer war mit seinen Reflexen, seiner Ausstrahlung, seinen Libero-Aktionen auch außerhalb seines eigentlichen Hoheitsgebietes, dem Strafraum, der Matchwinner. Auch wenn die Offensiv-Asse Luis Díaz und Harry Kane die spielentscheidenden Torschützen waren. Es war nach 25 Jahren der erste Bayern-Erfolg im Bernabéu in der regulären Spielzeit. Nach zuvor neun sieglosen Partien gegen die Königlichen ist der Real-Fluch durchbrochen.
«Es war ein wichtiger Tag, ein wichtiges Spiel für mich», sagte Neuer nach etlichen Glanztaten gegen Reals Stürmerstars Kylian Mbappé und Vinicius Júnior. Er stand bei diesen Worten in den Stadion-Katakomben exakt an dem Ort, wo er im Mai 2024 seinen Aussetzer bei einem Schuss von Viní Jr., der die späte 1:2-Niederlage einleitete, mit «einem minimalen Maulwurf im Platz» zu erklären versuchte. «Im Prinzip habe ich ein ähnliches Spiel damals gemacht», sagte Neuer nun voller Genugtuung bei der Rückkehr in Reals Fußball-Tempel.

In seinem 158. Champions-League-Spiel war er nur beim Anschlusstor des starken Mbappé einmal machtlos. Danach warnte Neuer mit Blick auf das Rückspiel am kommenden Mittwoch (21.00 Uhr/DAZN): «Es ist der erste Schritt gewesen. In München erwartet uns noch ein hartes Stück Arbeit.»
Zukunftsentscheidung erst nach der «Crunchtime»
Neuers Leistung vor den Augen der Fußball-Welt war so gut, dass gleich wieder Reporterfragen nach einem DFB-Comeback und einer doch noch fünften WM auf ihn einprasselten. «Wir brauchen das Thema überhaupt nicht aufzumachen», wehrte der Weltmeister von 2014 gleich mehrfach energisch ab: «Ich habe meine Sachen dazu gesagt. Ich konzentriere mich auf den FC Bayern.»

Der Einzug ins Halbfinale gegen Titelverteidiger Paris Saint-Germain oder den FC Liverpool, die Jagd nach seinem dritten Triple nach 2013 und 2020 – das treibt ihn aktuell an. Immer noch ist offen, was er im Sommer macht. Noch ein Bayern-Jahr? Oder hört er doch auf? Einen Zeitpunkt für diese Entscheidung, sagte Neuer in Madrid, gebe es «im Moment nicht».
Die zurückliegenden zwei Muskelverletzungen an der Wade hätten seinen ursprünglichen Zeitplan durchkreuzt. Er wollte eigentlich im Februar und März herausfinden, auf welcher Höhe er noch sei. Da war er dann zweimal verletzt. «Viele Faktoren spielen eine Rolle, auch wie es mir gesundheitlich geht», erklärte Neuer: «Die Crunchtime-Performance, diese Säule fehlt mir noch. Wir haben alle Zeit der Welt, der Verein und ich. Da sind wir entspannt.»
Sportvorstand Max Eberl ließ erkennen, dass der Verein nochmals mit seiner Nummer eins verlängern würde. «Manu hat hier mit Bravour geleistet und uns gerettet in der einen oder anderen Situation. Er möchte jetzt die Spiele im April machen. Er braucht auch keine großen Argumente mehr zu liefern. Er soll einfach nur gesund bleiben. Und dann werden wir uns hinsetzen.»
Kompanys Gedanken vorm 40. Geburtstag
Nicht nur Neuer ist bereit für die Titel-Crunchtime. Das Bayern-Kollektiv trat gegen Reals Individualisten-Equipe insgesamt lange Zeit so dominant auf, wie sich das Vincent Kompany in seinem 100. Pflichtspiel als Bayern-Trainer gewünscht hatte. Es war sein 76. Sieg, ein vorzeitiges Geschenk zu seinem Vierzigsten an diesem Freitag. «Dieser Geburtstag ist nicht die Priorität in der Woche mit Real, St. Pauli, Real», sagte Kompany. Ganz große Glücksgefühle werde er erst empfinden, «wenn die Jungs das Ding über die Linie ziehen».
Und er wisse, «dass es noch nicht vorbei ist». Real-Comebacks in Europas Königsklasse sind berühmt, auch wenn jetzt alles für die Bayern spricht. «Wir sind Dir zu besonderem Dank verpflichtet. Das hast Du fantastisch gemacht», sprach Bayern-Boss Dreesen beim Bankett auch Kompany direkt an.

Der Belgier hat schon jetzt ein neues, großes Bayern-Team erschaffen. Er überträgt die eigene Gewinner- und Kämpfer-Mentalität auf seine Stars. «Wir müssen immer den Gedanken haben: Was können wir schaffen», benannte Kompany in Madrid sein Credo. Meisterschaft, Pokalsieg, Henkelpott - alles scheint möglich.
Eberl lobt «wahren Leader» Kane
Weil die Puzzleteile passen, von Neuer im Tor bis zu Torjäger Kane vorne. «Harry hat sich aufgeopfert für die Mannschaft, auch wenn er nicht hundertprozentig fit gewesen ist. Das zeigt den wahren Leader», sagte Sportvorstand Max Eberl über den unersetzbaren Engländer und sprach von einem Münchner «Gesamtwerk».
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