Als am Montagabend ein heftiges Sommergewitter die brütende Hitze aus Zagreb vertrieb, hatte Radomyr Stelmakh seinen ersten Einsatz im grünen Deutschland-Dress bereits gekonnt gemeistert. Beim Podiumstraining zwei Tage vor Beginn der Turn-Europameisterschaften spulte der 20-Jährige äußerlich gelassen sein Programm herunter. Wenn an diesem Mittwoch in der Arena Zagreb die Qualifikation beginnt, startet der Cottbuser aber auch in einen besonderen Wettkampf.
Bei seinen ersten Titelkämpfen für Deutschland turnt der gebürtige Ukrainer auch gegen einige seiner früheren Teamkollegen, mit denen er 2024 in Rimini schon Europameister mit der Mannschaft war. «Megageil» sei das Gefühl, sagte Stelmakh, «das ist der erste Wettkampf nach zwei Jahren Pause und ich möchte diese Momente einfach genießen».
Treffen mit den alten Teamkollegen
Die Auslosung wollte es, dass die deutsche Riege gleichzeitig mit Kroatien um die Plätze in den Finals und als erste Entscheidung den Titel im Mehrkampf antritt. Für den Gastgeber turnt inzwischen Illia Kovtun. Der Olympia-Zweite am Barren gehörte ebenfalls zur Gold-Mannschaft von Rimini. Gleiches gilt für Nazar Chepurnyi, der weiterhin für die Ukraine auf Medaillenjagd geht. Man habe sich schon getroffen und weiter ein gutes Verhältnis zueinander, sagte Stelmakh. «Alles gut, wir haben uns gesehen und alle sind freundlich», berichtete er.
Kurz nach Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine ist der 20-Jährige 2022 mit seiner Mutter und seiner Schwester aus Saporischschja nach Cottbus gekommen. «Er kam mit 16 Jahren, damals war er noch klein und schmal, deutlich kleiner als ich, und ist jetzt zu einem wirklich großen, starken Athleten herangewachsen», erinnerte sich Lucas Kochan.
Was Stelmakh auszeichnet
Der 26-Jährige, der nach mehr als zwei Jahren Verletzungsmisere in Zagreb sein Auswahl-Comeback gibt, kennt Stelmakh aus ungezählten gemeinsamen Trainings in Cottbus und schätzt dessen Einstellung. Er sei zielstrebig, konzentriert bei der Arbeit und bringe eine hohe Qualität mit, die alle voranbringe. «Wir können uns sehr glücklich schätzen, dass er zu uns dazugestoßen ist und sich entschieden hat, diesen Weg zu gehen», sagte Kochan.
Erst zwei Wochen vor den deutschen Meisterschaften jüngst in Hannover hatte Stelmakh die Freigabe bekommen, für Deutschland international starten zu dürfen. «Ich bin glücklich, dass ich eine zweite Heimat gefunden habe. Wir haben Krieg in unserem Land. Das ist schwierig für den ukrainischen Sport, für das Land, für die Menschen, die in der Ukraine leben», bekannte der deutsche Mehrkampf-Meister.
Die deutschen Starter in Zagreb
Bundestrainer Jens Milbradt hält große Stücke auf das neue Gesicht seiner Auswahl. Als deutscher Meister sei er aktuell der Top-Mann im Team. «Er ist fester Bestandteil der Mannschaft, total integriert, weil er ja nicht erst seit ein paar Monaten bei uns trainiert, sondern schon seit mehreren Jahren, auch im Lehrgangssystem», sagte der 57-Jährige.
Neben den beiden Cottbusern Stelmakh und Kochan schickt der Cheftrainer Mixed-Europameister Timo Eder (Ludwigsburg), Gabriel Eichhorn (Stuttgart) und Alexander Kunz (Pfuhl) in Zagreb in den Mannschafts-Wettbewerb. «Wir wollen auf jeden Fall ins Team-Finale und darum kämpfen, dass wir an ein oder zwei Geräten im Final-Bereich sind mit den Jungs», gab er als Ziel aus.
Erreicht die Riege des Deutschen Turner-Bundes (DTB) das Finale der besten Acht zum Abschluss der Titelkämpfe am Sonntag, ist damit zugleich die Qualifikation für die Weltmeisterschaften im Oktober in Rotterdam sicher. Als Einzelturner geht zudem der deutsche Ringe-Meister Artur Sahakyan aus Bochum an seinem Spezialgerät an den Start.
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