1:59:30 Stunden - noch immer ist dieser Fabel-Weltrekord des Kenianers Sabastian Sawe im Marathon für viele Hobbyläufer kaum zu glauben. Viele fragen sich: Wie konnte er diese Zeit beim diesjährigen London-Marathon laufen und den alten Weltrekord um 65 Sekunden pulverisieren?
Sawe selbst behauptet, dass die Ausnahmeleistung ohne unerlaubte Mittel möglich gewesen ist. Er und sein Team hätten entschieden, ein strenges Dopingkontrollprogramm einzuführen, um keine Zweifel an seinen Leistungen aufkommen zu lassen.
Doch was soll - neben den nahezu optimalen Witterungsbedingungen in der britischen Metropole - stattdessen ausschlaggebend gewesen sein? Und was können sich Hobbyläuferinnen und Hobbyläufer von Sawe abschauen? «Bei Sabastian Sawe kamen mehrere Faktoren zusammen», sagt Billy Sperlich von der Universität Würzburg, der mit Sawe bereits sportwissenschaftlich zusammengearbeitet hat. Diese vier Faktoren können auch Breitensportler zu Bestleistungen verhelfen.
Die vielen Trainingskilometer
Sawe selbst führt seinen historischen Marathonlauf darauf zurück, dass er etwa 240 Kilometer in der Woche trainiert. «Er trainiert dauerhaft in der Höhe, wobei das aus meiner Sicht gar nicht so der entscheidende Faktor ist. Und er kann einfach die hohen Geschwindigkeiten dauerhaft sehr ökonomisch laufen», erklärt Sperlich.
Wichtig sei auch für Hobbyläuferinnen und Hobbyläufer die Fähigkeit, die magischen 42,195 Kilometer «orthopädisch problemlos zu bewerkstelligen», sagt Sperlich. «Das muss im Training so umgesetzt werden, dass ich meinen Sehnen-Band-Apparat an diese Belastung gewöhne.» Auch die Freizeitsportlerinnen und Freizeitsportler bräuchten «vor allem Lauferfahrung, also Kilometer».
Die passende Ernährung
Zwei Honigbrote aß Sawe vor seinem Rekordlauf. Ist das tatsächlich auch ein Erfolgsrezept für Freizeitläuferinnen und Freizeitläufer? «Erst mal bieten Honigbrote Kohlenhydrate. Dann sind sie auch gut verdaulich. Und Sabastian Sawe wird Erfahrungen damit gesammelt haben. Und wenn er da keine Magenprobleme hat, dann gilt: "never change a winning team". Und Marathonläufe beginnen in der Regel am Morgen. Allein aus diesem Grund ist ein leichtes Frühstück nachvollziehbar», erzählt Sperlich.
Es sei wichtig, ein Frühstück am Wettkampftag aufzunehmen, das für die jeweilige Sportlerin oder den jeweiligen Sportler «erfahrungsgemäß gut verdaulich» ist, so Sperlich weiter. Zudem sollten «sich Hobbyläufer über die Kohlenhydratzufuhr Gedanken machen», sagt der Sportwissenschaftler. «Also der Klassiker sind Gels oder Riegel. Das Ganze sollte man schon im Training zu sich nehmen, um zu schauen, wie der Magen-Darm-Trakt reagiert, ob man zum Beispiel Bauchkrämpfe bekommt.»
Das richtige Schuhwerk
Ein Wunder-Schuh soll Sawe zum Weltrekord verholfen haben. Dieser ist federleicht und wiegt nach Angaben des Ausrüsters Adidas gerade einmal 97 Gramm. Es ist der leichteste und schnellste Schuh, den das Unternehmen aus dem fränkischen Herzogenaurach nach eigenen Angaben jemals entwickelt hat. Er soll aufgrund eines modernen Schaumstoffs und spezieller Carbontechnologie besonders effizient sein. Im Wettrennen mit den anderen Ausrüstern landete Adidas mit dem Schuh, der 500 Euro kostet und ab 21. Mai erhältlich sein soll, einen Material-Coup.

Doch federleicht heißt nicht automatisch superschnell, findet der Präsident des Leichtathletikweltverbands, Sebastian Coe. «Ja, Schuhe spielen eine Rolle – aber nicht die größte», wird er vom britischen Sender BBC zitiert. Wichtiger seien etwa die mentale Stärke, die körperlichen Voraussetzungen und auch das Training des Athleten.
Sperlich erklärt, dass das Schuhwerk der Spitzenläuferinnen und Spitzenläufer das Ergebnis «jahrelanger Erfahrung, systematischen Trainings und individueller Anpassung» sei. «Das lässt sich nicht automatisch auf Hobbyläufer übertragen. Methoden und Technologien sollten deshalb immer daraufhin geprüft werden, ob sie zur jeweiligen Person, zum Trainingsstand und zum konkreten Ziel passen.»
Tempomacher als Booster
Beim inneren Kampf gegen die schwindenden Kräfte halfen Sabastian Sawe zunächst mehrere Tempomacher. Und dann gab es auch noch das packende Duell mit dem Äthiopier Yomif Kejelcha, der in 1:59:41 Stunden ebenfalls die Zwei-Stunden-Marke knackte.
Entscheidend für die Rekordzeit sei gewesen, dass Sawe und Kejelcha lange auf Augenhöhe waren, sagt Sperlich. «Das ist eine wichtige mentale Komponente, die wir gar nicht messen können. Da willst du natürlich Gas geben. Wahrscheinlich war das neben vielen anderen Faktoren ein weiterer wichtiger Grund, so dass man auch noch hinten raus Energie hat.»
Pacemaker würden auch für Hobbyläuferinnen und Hobbyläufer Sinn machen, betont Sperlich. «Vielleicht weniger von der Aerodynamik her, sondern einfach von der Geschwindigkeitseinteilung. Es kann wichtig sein, dass es jemanden gibt, der vor einem ein konstantes Tempo läuft. Das unterstützt auf jeden Fall.»
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